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„Permanent versucht, den Prozess zu torpedieren“

Klartext zur gelungenen, aber konliktreichen Bondrestrukturierung: Ekosem-Agrar-CFO Wolfgang Bläsi. Foto: Ekosem
Klartext zur gelungenen, aber konliktreichen Bondrestrukturierung: Ekosem-Agrar-CFO Wolfgang Bläsi. Foto: Ekosem

Nach einem zähen Ringen ist es Ihnen gelungen, die beiden Mittelstandsanleihen von Ekosem zu restrukturieren – mit 5 Jahren mehr Laufzeit, einer Zinsstundung und Veränderungen bei der Change-of-Control-Klausel. Sie bekamen aus dem Kapitalmarkt mächtig Opposition für Ihre ursprünglichen Vorschläge, der Umgangston war rauh. Wie brutal ging es hinter den Kulissen wirklich zu?

Die Kritik aus dem Kapitalmarkt kam im Wesentlichen immer von der gleichen Adresse: One Square Advisors (OSA). Sie haben permanent versucht, den Prozess zu torpedieren – nach unserer Einschätzung getrieben von dem Selbstverständnis, dass keine vernünftige Anleiherestrukturierung ohne sie als Berater oder gemeinsamer Vertreter stattfinden könne. Davon abgesehen war das alles ein den Umständen entsprechend vernünftiger und konstruktiver Prozess.

Da würde ich entgegnen, dass OSA viele konstruktive Vorschläge gemacht hat, wie Ihr ursprünglicher Restrukturierungsvorschlag im Interesse der Bondholder verbessert werden müsste. Es ist klar, dass Ihnen das nicht gefallen hat.

Darum geht es mir gar nicht. Die von OSA vorgebrachten Vorschläge waren inhaltlich in der Tat im Großen und Ganzen nachvollziehbar, diese hatten wir auch mehr oder weniger so erwartet. Deshalb haben wir diese Punkte auch intensiv mit dem bestellten gemeinsamen Vertreter der Anleihegläubiger, der e.Anleihe GmbH, besprochen. Was mir nicht gefiel, war der permanente Versuch von OSA, sich in diesen Prozess hineinzudrängen. Sie wollten uns nach deren eigenen Worten „an den Verhandlungstisch zwingen“. Aber da waren wir ja schon, nur halt mit einer anderen Adresse.

Sie versuchen sich mit Ihren Milchprodukten doch auch, in Regale hinein zu drängen, in denen schon Wettbewerber vertreten sind.

Ich finde die Vorgehensweise von OSA deshalb fragwürdig, weil dieses Haus uns schon kurz vor der Eskalation des Russland-Ukraine-Konflikts ihre Dienstleistung für ein so genanntes StaRUG-Verfahren verkaufen wollte. Dies war nach meinem Verständnis an ein früheres Projekt von OSA angelehnt, an dessen Ende Anleihegläubiger mit einem Bruchteil des Nominalwertes abgefunden wurden – zu Gunsten des Unternehmens und damit natürlich auch zu Gunsten von OSA. Sich dann – nachdem wir ihre Dienste abgelehnt haben – vier Wochen später hinzustellen und zu suggerieren, man wäre am Wohl der Anleihegläubiger interessiert, ist unserer Meinung nach schon dreist.

CFO-Profil

Wolfgang Bläsi

Ekosem-Agrar AG

Was waren die kritischsten Punkte während der Verhandlung mit den Vertretern der Anleihegläubiger?

Das Grundproblem war, dass das keine Anleiherestrukturierung war, wie der Markt oder die beteiligten Investoren sie kennen. Ein Gläubigervertreter hat den Begriff „Politische Restrukturierung“ geprägt. Den finde ich passend, denn das operative Geschäft mit der Milchproduktion vor Ort in Russland läuft gut, und es ist für Russland systemrelevant. Der Restrukturierungsbedarf bei den beiden Anleihen entstand vielmehr dadurch, dass wir wegen der Entwicklung in der Ukraine und der gegenseitigen Sanktionen ein Problem im Zahlungsverkehr zwischen Russland und Deutschland haben und außerdem ein politisches Problem dadurch, dass Mutter und Tochtergesellschaften diesseits und jenseits der Front sitzen.

Was der Kreml mit den Ekosem-Anleihen zu tun hat

Gibt es wirklich keine Wege, die Zinszahlungen aus Russland nach Deutschland zu transferieren? Der Kreml hat für solche Transaktionen doch zum Beispiel die Gazprom Bank ermächtigt. Über diesen Kanal bedient Russland derzeit auch seine Staatschulden, und Energiekonzerne bezahlen so für russische Rohstofflieferungen.

Das ist nicht allein eine technische Frage, sondern insbesondere auch eine des politischen Willens. Schauen Sie, unser operatives Geschäft in Russland erhält nennenswerte Subventionen vom russischen Staat, eine Staatsbank ist der mit Abstand wichtigste Finanzierer. Da können wir nicht in den Kreml marschieren und um eine Ausnahmegenehmigung ersuchen, dass auch wir diese Kanäle nutzen können, um Geld für Anleihezinsen nach Deutschland zu transferieren. Aus diesem Grund sind für uns die noch verfügbaren Kanäle für den Zahlungsverkehr bis auf weiteres weitgehend verschlossen, mindestens aber nicht zuverlässig planbar, auch weil die Situation sich weiterhin dynamisch verändert.

Info

Die jetzt gefundene Einigung sieht so aus, dass der Zinssatz der Anleihen von 7,5 beziehungsweise 8,5 Prozent auf 2,5 Prozent reduziert wird und Sie die Möglichkeit hätten, auch noch die Zahlung dieses reduzierten Kupons zu stunden, falls Sie das Geld partout nicht aus Russland herausschaffen können. Die übrigen Zinsen müssen Sie am Ende der um jeweils fünf Jahre verlängerten Laufzeit der beiden Anleihen nachzahlen. Falls Sie es aber schaffen sollten, drei Jahre vor Laufzeitende zurückzuzahlen – also vor Dezember 2024 beziehungsweise August 2026 – müssten Sie diese Nachzahlung nicht leisten. Das klingt fair.

Ist es auch.

Warum haben Sie diese Wertaufholung dann nicht gleich vorgeschlagen? Damit haben Sie doch selbst dazu beigetragen, dass Gift in den Prozess hineinkommt.

Unser Vorschlag zum Zinsverzicht war unter anderem stark getrieben von unserem größten Gläubiger, der russischen Landwirtschaftsbank, bei der wir Kredite über umgerechnet 1,2 Milliarden Euro aufgenommen haben. Entsprechend substantiell sind die Mitsprachemöglichkeiten, die dieses Haus hat, und dagegen können wir schlicht und einfach nicht arbeiten. Der Kompromiss scheint für die Bank akzeptabel zu sein.

Bläsi weist Vorwurf eines „schmutzigen Deals“ scharf zurück

Der härteste Kritikpunkt unter anderem von OSA war, dass die Bondholder auf die Kündigungsrechte im Fall eines Gesellschafterwechsels hätten verzichten sollen. Wie schaut hier die Lösung aus?

Die grundsätzliche Regelung ist und bleibt, dass im Fall eines Kontrollwechsels jeder Bondholder seine Anleihen kündigen darf. Wirksam würde das aber erst, wenn für mindestens 51 Prozent des Nominalvolumens so eine Kündigung ausgesprochen wird. An dem grundlegenden Problem hat sich allerdings nichts geändert: Falls wir tatsächlich gezwungen wären, zur Rettung des Unternehmens die Mehrheit an unseren operativen Gesellschaften in Russland an einen neuen russischen Eigentümer zu übertragen und die Mehrheit der Bondholder daraufhin von ihrem Sonderkündigungsrecht Gebrauch machen würde, müsste die Ekosem-Agrar AG mit großer Wahrscheinlichkeit Insolvenz anmelden, wenngleich das operative Geschäft in Russland unverändert weiterliefe.

Immerhin dürfte die hohe Zustimmungshürde dazu führen, dass es nicht zu dem befürchteten schmutzigen Deal zulasten der Bondholder kommt.

Das ist auch so eine Erzählung von OSA. Was auch immer das inhaltlich bedeuten soll, ich ärgere mich darüber. Ich bin rechtlich verantwortliches Organ von Ekosem-Agrar. Glauben Sie, dass ich einen „schmutzigen“ Deal zulassen würde? Da würde ich mich zusammen mit Vorstand und dem gesamten Aufsichtsrat doch persönlich haftbar machen.

Machen Sie dann jetzt einen sauberen Deal?

Ich weiß derzeit noch nicht sicher, ob es überhaupt zu einer solchen Maßnahme kommt. Stand jetzt ist der Status quo stabil, eine Übertragung der Anteile an einen russischen Gesellschafter erscheint uns aktuell nicht zwingend notwendig. Aber Sie verfolgen selbst die politischen Entwicklungen, die Spirale aus Sanktionen und Gegensanktionen. Derzeit gibt es in Russland zum Beispiel einen Gesetzesentwurf über die Einstufung ausländischer Unternehmen als „ausländische Agenten“, was zu sehr weitreichenden Konsequenzen führen könnte. Die Situation kann sich also jederzeit ändern, und dann müssten wir handlungsfähig sein, um die Firma zu retten. Darauf bereiten wir uns vor, und ich hoffe, dass die Bondholder dann auch nach einem möglichen Kontrollwechsel mehrheitlich an Bord blieben, denn ich kann garantieren, dass das kein schmutziger Deal zu ihren Lasten sein würde, sondern die Rettung der Firma.  

„Sämtliche Gesellschafteranteile sind an die russische Landwirtschaftsbank verpfändet.“

Was sich trotz der Intensität der Verhandlungen nicht geändert hat, ist das Fehlen eines Beitrags der Gesellschafter zur Restrukturierung.

So würde ich das nicht einschätzen. Sämtliche Gesellschafteranteile sind an die russische Landwirtschaftsbank verpfändet. Und mit dieser Bank haben wir schon letztes Jahr um die Kontrolle des Unternehmens gerungen, die Beziehung war teilweise schwierig. Zudem haftet der Mehrheitsgesellschafter persönlich für alle Bankkredite. Abgesehen davon muss man meiner Meinung nach auch sehen, dass wir seit vielen Jahren 7,5 beziehungsweise 8,5 Prozent Zinsen bezahlen. Das ist sehr üppig und reflektiert das Länderrisiko. Ich finde, die Bondholder können nicht einerseits diesen hohen Kupon einstreichen, und dann erwarten, dass die Gesellschafter sie „raushauen“, wenn dieses Länderrisiko dann tatsächlich eintritt. Unabhängig davon stellen die Gesellschafter bereits seit eineinhalb Jahren sicher, dass der Geschäftsbetrieb in Deutschland finanziert bleibt. Auch das ist ein Beitrag.

So knapp ging die Abstimmung aus

Wie knapp war es am Ende, wie nah standen Sie am Abgrund?

Zu nah für meinen Geschmack. Bei der zweiten Gläubigerversammlung muss man ein Abstimmungs-Quorum von 25 Prozent erreichen. Weil sich die Mehrheit der Anleihegläubiger in solchen Verfahren leider passiv verhält, mussten der gemeinsame Vertreter, unsere IR-Agentur IR.on, und auch ich persönlich buchstäblich um jeden einzelnen Bondholder kämpfen, mit Mails und Anrufen.

Der Aufruf von OSA, die zweite Gläubigerversammlung zu boykottieren, war unangemessen und gefährlich. Damit hat OSA meines Erachtens nach den Bogen überspannt. Ich habe selbst mit Gläubigern gesprochen, die OSA bevollmächtigt hatten und die sich nicht bewusst waren, dass bei Nichterreichen des Abstimmungsquorums ein nicht unerhebliches Risiko für die Insolvenz von Ekosem und damit für den annähernden Totalverlust ihrer Anleihe bestanden hätte.

Letztendlich hatte OSA aber nur Vollmachten für wenige Hunderttausend Euro Anleihevolumen erhalten – weit weg von der Sperrminorität und den vielen Millionen Euro, die sie nach eigenem Bekunden vertreten wollten. Am Ende gaben uns die Anleihegläubiger ihr Vertrauen, und wir erreichten wir für die Anleihe 2012/2022 ein Quorum von 28 Prozent und für die länger laufende sogar von 35 Prozent mit hohen Zustimmungsquoten. Danach war ich urlaubsreif.

michael.hedtstueck[at]finance-magazin.de

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Michael Hedtstück ist Chefredakteur von FINANCE-Online und FINANCE-TV und verantwortet die Online-Aktivitäten des FINANCE-Magazins. Er ist zweifacher Träger des Deutschen Journalistenpreises.

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