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Toxischer Mix erweckt den NPL-Markt wieder zum Leben

Autozulieferer könnten einer der nächsten großen NPL-Kandidaten werden. Foto: vadimalekcandr - stock.adobe.com
Autozulieferer könnten einer der nächsten großen NPL-Kandidaten werden. Foto: vadimalekcandr - stock.adobe.com

Trotz Corona-Pandemie war es um den Non-Performing-Loan-Markt ruhig geworden: keine steigenden Kreditausfallraten, wenige Insolvenzen. Das war aber vor dem Ukraine-Krieg und den aktuell herrschenden Risiken. Jetzt sieht das anders aus – Experten befürchten, dass der NPL-Markt wieder deutlich Fahrt aufnimmt.  

So geht Jürgen Sonder, Präsident der Bundesvereinigung Kreditankauf und Servicing (BKS), davon aus, dass sich die NPL-Bestände bald wieder erhöhen werden. Dabei erreichten die NPL-Quoten laut dem EBA Risk Dashboard mit 1,1 Prozent den niedrigsten Wert seit 2000. Doch nicht mehr lange? „Den ersten negativen Trend könnte man schon ab September sehen, das Hoch kommt dann wahrscheinlich ab 2023.“ Das zeigt auch das NPL-Barometer 2022 der BKS und Frankfurt School of Finance & Management. So erwarten Risikomanager nach vorläufigen Zahlen für 2023 für einen signifikanten Anstieg bei notleidenden Forderungen.

NPL-Markt: das sind die Trigger

Dass Banken bald deutlich mehr notleidende Kredite verzeichnen könnten – anders als in Pandemiezeiten – liegt vor allem an der Ausgangslage. „Während der Pandemie hatten wir ganz andere Zustände. Neben den staatlichen Unterstützungsprogrammen und EZB-Anleihekäufen hatten wir so gut wie keine Inflation. Auch gab es die Perspektive auf einen Impfstoff. Jetzt gibt es zu der noch immer andauernden Coronakrise deutlich mehr Umstände, die die Situation wesentlich verschlechtern“, so Rechtsanwalt Christoph Schalast.

BKS-Präsident Sonder, der sogar davon ausgeht, dass die Quote der Ausfallkredite höher als vor der Pandemie steigen könnte, spricht von einem „toxischen Mix“, der den Unternehmen zu schaffen macht. Denn laut den vorläufigen Zahlen des NPL-Barometers sind die erwarteten Haupttrigger für Kreditausfälle die hohe Inflation und Energiekosten, gefolgt von Lieferkettenproblemen, geopolitischen Risiken, Corona-Folgen und das Platzen von Blasen, zum Beispiel am Aktienmarkt.

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Automotive und stationärer Handel sind gefährdet

Obwohl so gut wie alle Unternehmen von den derzeitigen Risiken betroffen sind, gibt es laut den Experten Branchen, die besonders gefährdet sind. Ein NPL-Banker einer Landesbank, der anonym bleiben will, meint, dass dies vor allem die Unternehmen betrifft, die auch schon vor Corona in einer Krise steckten – sprich der stationäre Handel und die Automotive-Branche, insbesondere die Automobilzulieferer. „Durch die Zuschüsse in den vergangenen zwei Jahren konnten diese Unternehmen ,überleben‘. Viele haben das Geld aber nicht genutzt, um ihre Businessmodelle zu überdenken. Deshalb stecken sie nach wie vor in einer Krise. Gerade, weil die Hilfen bald auch refinanziert werden müssen.“ Unternehmen, die Geschäftsteile in Russland oder der Ukraine haben, sieht eher dagegen weniger gefährdet, da das Auslandsgeschäft in diesen Ländern eher „marginal“ sei.

„Den ersten negativen Trend könnte man schon ab September sehen, das Hoch kommt dann wahrscheinlich ab 2023.“

Jürgen Sonder, BKS

Ein Banker aus dem Bereich Risikomanagement einer deutschen Großbank, der ebenfalls namentlich nicht genannt werden will, ergänzt: „Betroffen sind insbesondere Unternehmen mit hohen Beschaffungskosten, die ein energieintensives Geschäft haben und Unternehmen, die Verträge nicht ausführen oder Kostensteigerungen nicht weitergeben können.“

Laut den Bankern zeige sich die Lage auch schon im Risikomanagement der Banken. So erzählt der Mitarbeiter der Großbank, dass schon jetzt viele Unternehmen von Stage 1 zu Stage 2 gewechselt seien, was auch zu Veränderungen der Kreditkonditionen führe. Wobei Stage 1 bedeutet, dass es seit Kreditausgabe keine bedeutende Verschlechterung der Kreditqualität gab und Stage 2, dass eine bedeutende Verschlechterung festgestellt wurde. Stage 3 wäre dann der Ausfall.

NPL-Gefahr: Banken beobachten mit Argusaugen

Auch bei neuen Krediten, die gefährdet sein können, werden die Finanzinstitute strenger. „Die Banken werden zurückhaltender und verändern auch die Finanzierungsmodelle. Bei Risikounternehmen wird eher auf kurzfristige Kredite gesetzt“, beobachtet er. Wobei der Landesbanker meint, dass die Banken bei der Kreditvergabe derzeit eher zurückhaltender seien. „Das hat aber nicht so viel mit dem Drumherum zu tun, sondern ist den Angaben der EU und EZB geschuldet, die neue Kalkulationsmodelle der Risikotragfähigkeit vorgeben.“

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Bei gefährdeten Krediten verstärken beide Banker ihre Risikomodelle, machen Stresstests und Analysen von primären, sekundären und tertiären Einflüssen im Zuge des Krieges. „Wir diskutieren mehr mit den Kunden, vor allem im Mittelstand“, so der Landesbanker. Auch das Management gewinnt an Bedeutung. „Bei Unternehmen mit einem gut funktionierenden Management sehen wir die Risiken nicht so hoch, dass es zum Default kommt.“

M&A-Rechtsanwalt Schalast von der gleichnamigen Kanzlei weist darauf hin, dass die Banken dennoch in einer guten Position sind. „Den Banken wird jetzt helfen, dass die EZB sie schon seit einigen Jahren im Bereich Risikomanagement challengt.“

sarah.backhaus[at]finance-magazin.de  

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Sarah Backhaus ist Redakteurin bei FINANCE und DerTreasurer. Sie hat Journalismus an der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft in Köln studiert. Sarah Backhaus arbeitete während ihres Studiums unter anderem für Onlinemagazine von Gruner + Jahr und schrieb als freie Journalisten für die Handelszeitung, faz.net und Impulse.

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