Newsletter

Abonnements

Aus der Werften-Insolvenz zu neuen Ufern

Viele Werften sind in ihrer Existenz bedroht. In Bremerhaven und Stralsund gab es nun nach dem Insolvenzantrag ein Happy End.
Viele Werften sind in ihrer Existenz bedroht. In Bremerhaven und Stralsund gab es nun nach dem Insolvenzantrag ein Happy End. Foto: Idanupong - stock.adobe.com

Viele Unternehmen in der Werftenbranche haben schon seit längerem zu kämpfen – wer sich nicht frühzeitig spezialisiert oder eine lukrative Nische besetzt hat, ist besonders gefährdet. Im Moment trifft es pandemiebedingt vor allem die Kreuzfahrtbranche. Zwei Faktoren spielen beim Niedergang der deutschen Werften eine zentrale Rolle: zum einen die schwierige Finanzierung, zum anderen das stark von exogenen Faktoren abhängige Geschäft.

So ist der Schiffbau grundsätzlich mit einem immensen Finanzierungsbedarf verbunden: In vielen Fällen kann die Werft ihre Tätigkeit nicht nach Bauabschnitten abrechnen, sondern muss das Schiff weitgehend bis zur gesamten Fertigstellung durchfinanzieren. Beim Bau mehrerer Schiffe müssen Werften dann teilweise dreistellige Millionenbeträge vorfinanzieren lassen. Das – und nicht etwa ihr Geschäftsmodell – hat in den vergangenen Jahren einige Unternehmen in Schieflage gebracht, darunter bekannte Namen wie die Pella-Sietas-Werft in Hamburg.

Werften stehen unter Transformationsdruck

Zudem sind Werften stark von externen Einflüssen abhängig. Versprach in den Vor-Corona-Jahren die Spezialisierung auf Kreuzfahrtschiffe, militärische Schiffe und Mega-Yachten dauerhaft volle Auftragsbücher, hat die Pandemie viele dieser Hoffnungen zunichte gemacht. Neue Perspektiven bietet inzwischen der Umstieg auf umweltverträglichere Hybride und vollelektrische Antriebssysteme wie Elektro-Diesel oder LNG.

Der Transformationsdruck ist enorm: Größere Häfen, vor allem an der Ostsee, bestehen mittlerweile darauf, vorhandene Schiffstypen umzurüsten. Auch immer mehr Investoren und Reeder verfolgen das Ziel, ihre Flotten von fossilen Kraftstoffen auf nachhaltige, emissionsärmere Antriebe umzustellen. Das aktuell angekündigte Sondervermögen für die Bundeswehr von über 100 Milliarden Euro wird dem militärischen Schiffsbau zusätzliches Wachstum bescheren.

Werften gehen trotz erfolgreicher Aufträge in die Insolvenz

Fast exemplarisch zeigt das Beispiel der MV Werften in Stralsund sowie der zur MV-Gruppe gehörenden Werft Lloyd in Bremerhaven das (manchmal vergebliche) Ringen vieler Betriebe mit den rasch wechselnden Bedingungen des globalen Schiffsmarktes. 2016 durch den Hongkonger Genting-Konzern übernommen, verfolgten sie unter dem neuen Eigentümer das Ziel, Kreuzfahrtschiffe für die eigene Flotte zu bauen, darunter das weltgrößte Kreuzfahrtschiff „Global Dream“. Dazu hatte der Konzern in den vergangenen Jahren einige Hundert Millionen Euro in die drei Ostsee-Standorte Wismar, Rostock, und Stralsund sowie in die Lloyd Werft Bremerhaven investiert.

„Im Lichte der Corona-Pandemie gab es bereits Anfang 2021 Pläne, die Werften geordnet abzuwickeln.“

Zwar bearbeiteten die Werften erfolgreich Aufträge für Spezialschiff, Super-Yachten, Expeditions- und Kreuzfahrtschiffe. Dennoch gab es im Lichte der Corona-Pandemie bereits Anfang 2021 Pläne, die Werften geordnet abzuwickeln. Auch umfangreiche Bemühungen des Bundes und der Länder konnten die größte Insolvenz im deutschen Werftenbereich im Januar 2022 nicht mehr abwenden. Dass mancher der vier Standorte möglicherweise eine gute wirtschaftliche Perspektive gehabt hätte, spielte im Zuge der Insolvenz der Holding am Ende keine Rolle. Die Insolvenzverwaltung der MV Werften übernahm Brinkmann & Partner, in Bremerhaven war zusätzlich Fink Rinckens Heerma tätig.

Für die Standorte in Stralsund und Bremerhaven sollte ein Distressed-M&A-Prozess eine neue Perspektive bieten, diesen begleitete enomyc im Auftrag der Geschäftsführer und der vorläufigen Insolvenzverwalter. Oberstes Ziel der Käufersuche: durch einen transparenten und fairen Bieterprozesses mit fristgerechtem Signing eine Insolvenzeröffnung zu vermeiden und für alle Beteiligten – die Gläubiger, die Arbeitnehmer, den Käufer und die Region – ein möglichst gutes Ergebnis zu erzielen.

Werften-Insolvenz: Öffentlicher Verkauf des „Tafelsilbers“?

Die größte Herausforderung war dabei der selbst für Distressed-Verfahren sehr ambitionierte Zeitplan. So endete die Frist bis zur Insolvenzeröffnung in Stralsund bereits Ende Februar, in Bremerhaven lief sie bis Ende März. Kartellrechtlicher Klärungsbedarf, etwa beim Verkauf der Lloyd Werft, sorgte für zusätzlichen Zeitdruck. Hinzu kam ein massives öffentliches Interesse an dem M&A-Prozess, die Werften zählen an beiden Standorten zum „Markenkern“ der Städte.

„Im Falle der Lloyd Werft war am Nachmittag des Signing-Tages noch nicht klar, welcher Interessent abends die Transaktion beurkunden würde.“

In beiden Fällen setzte sich schließlich in einem dynamischen Bieterprozess ein strategischer Investor durch. Die MV Werften Stralsund gingen vor wenigen Wochen in den Besitz der Stadt über, die auf den 34 Hektar Werftfläche einen maritimen Industrie- und Gewerbepark entwickeln will. „Die Werft gehört zur DNA unserer Stadt“, kommentierte Oberbürgermeister Alexander Badrow (CDU). Bereits im März 2021 hatte er angekündigt, den Werftenstandort kaufen zu wollen. „Künftig soll es hier wieder deutlich mehr und sicherere Arbeitsplätze geben. Dafür setzen wir auf mehrere Investoren, um ein Klumpenrisiko zu vermeiden. Gleichzeitig planen wir, an der Energiewende mitzuwirken, und setzen auf die Entwicklung alternativer Antriebe sowie den Bau von Offshore-Anlagen.“

Im Falle der Lloyd Werft war hingegen selbst am Nachmittag des Signing-Tages noch nicht klar ersichtlich, welcher der verbliebenen Interessenten abends letztlich die Transaktion beurkunden würde. Am Ende erteilte der Insolvenzverwalter der Rönner-Zech-Gruppe, einer Bietergemeinschaft unter Beteiligung des Bremerhavener Stahl- und Schiffbauunternehmers Thorsten Rönner und der Bremer Zech Group, den Zuschlag für die Lloyd Werft. Sie setzte sich gegen den arabischen Investor und Yachtbauer Al Seer durch, den die Belegschaft favorisiert hatte.

Bisherigen Angaben zufolge planen die neuen Eigentümer, die Werft weiter für Schiffsreparaturen und -umbauten zu nutzen. Freie Flächen sollen für den Stahlbau verwendet werden. Insolvenzverwalter Christoph Morgen (Brinkmann & Partner) betont, dass durch die sehr seltene erfolgreiche Aufhebung einer Insolvenz bei der Lloyd Werft sämtliche Forderungen zu 100 Prozent bedient würden und insbesondere alle Arbeitsplätze erhalten werden könnten.

Alles zum Thema

Insolvenz

Welche Formen der Insolvenz gibt es? Welche Unternehmen sind betroffen? Die wichtigsten Praxistipps und aktuelle Fälle in der Übersicht.

Gute Perspektiven für Werften, doch Krisenanfälligkeit bleibt

Am Ende ist es wohl maßgeblich der Attraktivität der beiden Standorte zu verdanken, dass gleich mehrere interessierte Bieter für ein spannendes Verfahren sorgten. Aspekte wie spezifische Infrastruktur, Wasserlage, Betriebszulassungen und nicht zuletzt fachlich ausgebildete Mitarbeiter bildeten für die Investoren ein attraktives Gesamtpaket. Vor diesem Hintergrund stehen die Chancen für die Zukunft der betreffenden Werften gut, auch wenn die verbliebenen Mitarbeiter in Stralsund, anders als in Bremerhaven, zunächst in eine Transfergesellschaft wechseln mussten.

Allerdings muss auch gesagt werden: In den zurückliegenden Jahren hat schon so manche Werft zahlreiche „Retter“ kommen und gehen sehen. Das Werften-Geschäft ist selbst bei einem professionellen operativen Management vor Ort sehr speziell. Und selbst bei besten Absichten und sorgfältiger Planung bleibt es für globale Zyklen und exogene Entwicklungen äußerst anfällig.

+ posts

Martin Hammer ist Managing Partner bei dem auf mittelständische Unternehmen spezialisierten Beratungshaus enomyc.

+ posts

Matias Otto ist Director bei enomyc und verantwortet seit Oktober 2021 den Bereich Real Estate, welcher das Leistungsspektrum bei enomyc mit den Schwerpunkten Transaktionen und entsprechenden (Distressed) M&A-Mandaten ergänzt.

FINANCE Daily Newsletter
Das Wichtigste aus der FINANCE-Welt – täglich direkt in Ihr Postfach.
Jetzt abonnieren »
Jetzt abonnieren »
FINANCE Daily Newsletter