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Lieferketten: Drei zentrale Punkte für Finanzierung und Absicherung

Wie gut hält die Lieferkette wirklich? Wer die richtigen Punkte im Blick hat, kann die Sicherheit erhöhen.
Wie gut hält die Lieferkette wirklich? Wer die richtigen Punkte im Blick hat, kann die Sicherheit erhöhen. Foto: Iaroslav Neliubov - stock.adobe.com

Angespannte Lieferketten drücken zurzeit bei vielen Unternehmen auf die Stimmung. Der Markit/BME-Einkaufsmanagerindex, ein Frühindikator für Baisse und Hausse, fällt seit Juli kontinuierlich. Gründe dafür sind die anhaltenden Engpässe in vielen Lieferketten sowie die zum Teil massiven Preissteigerungen der Vorlieferanten. In Verhandlungen mit seinen Lieferanten gehe es mitunter um Preisanpassungen von 15 bis 35 Prozent, berichtet beispielsweise der CEO eines Sportartikel-Fachhändlers.

Die Lieferengpässe sind für viele Mittelständler frustrierend. Die Auftragsbücher sind voll, Umsätze stünden zur Einbuchung bereit. Auf Mehrumsatz sind Unternehmen oft dringend angewiesen. Nicht wenige mussten in den vergangenen zwei Jahren staatliche Hilfs- und Überbrückungskredite nutzen – doch die Mittel flossen nicht in Wachstum, sondern wurden genutzt, um Kosten zu finanzieren. Nun setzt in vielen Fällen die Tilgung der Hilfen ein.

Um nach dem Corona-Tief nicht in eine handfeste Krise abzurutschen, müssen Unternehmen den Weg zurück auf den Wachstumspfad finden. Eine Beschaffungskrise wäre in dieser Situation fatal. Drei Ansätze haben sich bewährt, wenn es darum geht, Lieferketten abzusichern und zu finanzieren.

Ansatz 1: Alle Verhandlungstöpfe nutzen

Üblicherweise werden bei Lieferverträgen verschiedene Verhandlungstöpfe zwischen Einkäufer und Verkäufer bedient: Es gibt etwa Mengenrabatte, Zahlungsziele oder Skonti. Dabei bleiben die Lieferantenkosten für die Absicherung der Zahlungsziele, die Warenkreditversicherungen, allerdings oft außen vor.

„Wenn Einkäufer bei der Netto-Kondition angekommen sind, endet in der Regel die Verhandlung.“

Praktiker erleben es häufig: Wenn Einkäufer bei der Netto-Kondition angekommen sind, endet in der Regel die Verhandlung. Vielen Abnehmern ist daher gar nicht bewusst, dass auch ein Topf für Warenkreditversicherungen existiert und angepasst werden kann. Ein genauer Blick darauf kann sich daher lohnen.

Ansatz 2: Zahlungsziele auch in aktueller Lage ausweiten

In der aktuellen Situation sind Waren knapp. Da scheint die Verhandlungsposition für längere Zahlungsziele zunächst einmal schwach zu sein. Doch gerade bei Abnehmern mit solider Bonität kann ein Ansatz wie Reverse Factoring einen Mehrwert für beide Parteien liefern.

Reverse Factoring, auch bekannt als Lieferanten- oder Einkaufsfinanzierung, ist eine Art Vorfinanzierung gegenüber dem Lieferanten. Ein Factor kauft dabei die Verbindlichkeiten auf und ermöglicht die Vorfinanzierung. Die Vorteile des Modells: sofortige, günstige Liquidität für Lieferanten, die dadurch wiederum selbst schneller bei ihren Zulieferern bestellen können, dauerhaft lieferfähig sind und sich so einen Status als präferierte Abnehmer erarbeiten können. Für den Einkäufer ermöglicht das Modell längere Zahlungsziele, so dass er seine Finanzierungsstruktur bilanzneutral optimieren und im Idealfall zudem von einem stärkeren Rating profitieren kann.

Grafik: Delfactis

Ansatz 3: Im Kampf gegen die Krise gilt „Liquidity First“

Der häufigste Grund für die Eröffnung von Insolvenzverfahren ist die Zahlungsunfähigkeit. Die oberste Devise im Kampf gegen die Krise lautet deshalb: „Liqidity First“. Die Liquidität kann beispielsweise über revolvierende Bankkreditlinien sichergestellt werden. Diese Linien sollte sich ein Unternehmen frühzeitig sichern, auch wenn sie nicht vollständig genutzt werden. Andere Möglichkeiten sind klassisches Factoring, das sich in der Wertschöpfungskette in Richtung Abnehmer orientiert, oder auch Reverse Factoring mit einer Ausrichtung in Richtung Lieferant.

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Wenn die Zahlungsunfähigkeit schon eingetreten ist, bleibt Unternehmen in der Regel nur der Gang in die Insolvenz. Dabei hat der Gesetzgeber Verfahren geschaffen, um auch bei drohender Illiquidität schon frühzeitig mit Restrukturierungen gegenzusteuern.

Im Idealfall sollten Unternehmen es so weit aber gar nicht erst kommen lassen. Die Liquidität entlang der Supply Chain sicherzustellen ist eine gute Möglichkeit, auch in schwierigen Phasen für Stabilität zu sorgen und die Chance auf Wachstum zu erhalten.

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Dr. Tim Scheuerer leitet die Bereiche Marketing und Sales bei dem BaFin-regulierten Supply Chain Finance & Insurance-Fintech Delfactis. Seit vielen Jahren beschäftigt er sich mit innovativen Finanzierungs- und Absicherungskonzepten für den deutschen Mittelstand.