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Restrukturierungs-News: Insolvenzzahlen, Kohl, Neckermann Strom

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Der Automobilzulieferer Kohl aus Brandenburg wird von einem spanischen Branchennachbar übernommen. Foto: aicandy - stock.adobe.com

Zahl der Insolvenzen auf höchstem Juni-Wert seit 2016

Die Zahl an Insolvenzen ist im Juni auf den höchsten Wert seit 2016 gestiegen. Wie das Wirtschaftsinstitut IWH mitteilte, lag die Zahl der Insolvenzen im Juni dieses Jahres bei 1.050, höher als in den vergangenen sieben Jahren in den jeweiligen Vergleichsmonaten. Im Vergleich zum Vorjahr ist die Zahl der Firmenpleiten um 48 Prozent in die Höhe geklettert.

Zudem war die Zahl der betroffenen Beschäftigten im Juni auf einen Drei-Jahres-Höchstwert gestiegen. In den größten 10 Prozent der insolvent gegangenen Unternehmen waren rund 15.400 Arbeitsplätze betroffen, der höchste Wert seit August 2020. Für die kommenden Monate prognostiziert das IWH aufgrund von Frühindikatoren einen leichten Rückgang der Insolvenzzahlen.

Zulieferer Kohl Automotive hat jetzt spanische Chefs

Der spanische Automobilzulieferer Grupo Segura übernimmt seinen insolventen deutschen Wettbewerber Kohl Automotive. Die Übertragung des Geschäftsbetriebs der beiden Standorte in Treuenbrietzen und Eisenach wurde Ende Juni abgeschlossen, sämtliche Arbeitsplätze bei Kohl bleiben erhalten. Der Automobilzulieferer aus Brandenburg hatte Ende Dezember Insolvenz in Eigenverwaltung angemeldet.

Grupo Segura plant mit der Übernahme einer Mitteilung zufolge die „Präsenz in Europa zu stärken, das Kunden- und Produktportfolio zu erweitern und Produktionszentren in Deutschland (einem europäischen Land von großer Bedeutung in der Branche) zu haben.“ Als Sachwalter waren Axel Bierbach, Oliver Schartl und Henrik Brandenburg von der Kanzlei Müller-Heydenreich Bierbach & Kollegen tätig. Der Restrukturierungsexperte Holger Leichtle (Görg) wurde als zusätzlicher Geschäftsführer in die Geschäftsleitung von Kohl berufen.

Neckermann-Strom-Insolvenz ist erfolgreich beendet

Das Insolvenzverfahren um die Neckermann Strom AG ist abgeschlossen. Die Gläubiger des Unternehmens haben den Insolvenzplan angenommen, der die Verschmelzung des Geschäftsbetriebs auf die neu gegründete Neckermann Strom GmbH vorsieht. Damit kann der Stromanbieter seinen Geschäftsbetrieb wieder aufnehmen. Als Geschäftsführer agiert weiterhin Florian Wessely.

„Wir haben das Geschäftsmodell des Unternehmens den veränderten Umständen angepasst, so dass das Neukundengeschäft jetzt profitabel betrieben werden kann,“ so Insolvenzverwalter Justus von Buchwaldt (BBL). Unter anderem könne Neckermann Strom jetzt flexible Tarife anbieten, die auch Preissteigerungen erlauben, sollten die Marktpreise erneut anziehen. Neckermann Strom hatte im Zuge der Energiekrise im Dezember 2021 Insolvenz angemeldet.

Die Insolvenzquote belaufe sich, abhängig vom weiteren Verlauf des Verfahrens, auf bis zu 35 Prozent und sei damit erfreulich hoch, so von Buchwaldt. Insgesamt waren in dem umfangreichen Insolvenzverfahren rund 4.500 Gläubiger betroffen.

Pflegedienst Lioncare muss in die Eigenverwaltung

Mit Lioncare muss sich nach den Pleiten von Curata, Convivo und Dorea ein weiteres Pflegeunternehmen sanieren. Das Unternehmen hat Insolvenz in Eigenverwaltung angemeldet, ihm wurde vom zuständigen Amtsgericht in Potsdam Florian Linkert (BBL) als Sachwalter an die Seite gestellt. Bislang wird der Betrieb der ambulanten Pflegedienste und Tagespflege-Einrichtungen fortgeführt.

Geschwächt durch die Corona-Pandemie wurde das Nauener Unternehmen nach eigenen Angaben von der Inflation, der Energiekrise und einem hohen Krankenstand zusätzlich gelähmt. Zudem hätten die Folgen des Tariftreuegesetz eine Rolle gespielt. Dadurch war Lioncare nach eigenen Angaben trotz guter Auftragslage in Schieflage gekommen. Um solchen Umständen zukünftig stabiler zu begegnen, will die Geschäftsführung ihre Unternehmensfinanzierung neugestalten.

Weitere Insolvenz- und Sanierungsverfahren

Der Feinkost-Händler Schlemmermeyer muss mit Eröffnung des Insolvenzverfahrens elf seiner bundesweit 14 Filialen schließen. Die Geschäfte werden voraussichtlich Ende Juli zumachen. Für die Standorte in München und Augsburgs laufen noch Verhandlungen mit potenziellen Interessenten. Für die übrigen elf Filialen gebe es „keine Möglichkeit einer Fortführung“, so Insolvenzverwalter Michael Jaffé (Jaffé).

Der Möbelhersteller und -Online-Versand Deinschrank.de ist insolvent. Die Deinschrank.de-Gruppe, gegründet im Jahr 2010, gilt als deutscher E-Commerce-Pionier für maßgefertigte Möbel. Beschäftigt werden derzeit rund 110 Mitarbeiter, bei einem Jahresumsatz von etwa 25 Millionen Euro. Als vorläufiger Insolvenzverwalter ist Biner Bähr (White & Case) bestellt. Rechtlich beraten wird die Deinschrank.de-Gruppe durch die Rechtsanwälte Marcus Georg Tischler, Tim Remmel und Christina Küster aus der Kanzlei Heuking Kühn Lüer Wojtek.

Alles zum Thema

Insolvenz

Welche Formen der Insolvenz gibt es? Welche Unternehmen sind betroffen? Die wichtigsten Praxistipps und aktuelle Fälle in der Übersicht.

Dem bayerischen Solar-Startup Tubesolar sind die Finanzmittel für den kurzfristigen Finanzbedarf knapp geworden, weshalb es Ende Juni Insolvenz anmelden musste. Dafür hat das Augsburger Amtsgericht Georg Jakob Stemshorn (Pluta) zum vorläufigen Insolvenzverwalter bestellt. Stemshorn teilte bereits mit, dass der Betrieb des an der Düsseldorfer Börse gelisteten Solarunternehmens fortgeführt wird. Um Tubesolar aus der Schieflage zu holen, sucht das Unternehmen laut dem Insolvenzverwalter nach einem Investor.

Es ist bereits das vierte Mal, dass die Achimer Stadtbäckerei durch ein Insolvenzverfahren muss. Das jüngste wurde Anfang Juli eröffnet, als vorläufiger Insolvenzverwalter ist Malte Köster (Willmer/Köster) bestellt. Er kennt die Bäckerei-Kette bereit aus dem Verfahren im Jahr 2020, in dem er das Unternehmen bei seiner Eigenverwaltung als Sachwalter zur Seite stand. Während die 32 Backerei-Filialen ihren Betrieb vorerst gewohnt fortführen, ist für die Achimer Stadtbäckerei ein strukturierter Investorenprozess gestartet worden.

Die Insolvenz in Eigenverwaltung des Aluminium-Verarbeiters Alfer Aluminium ist zum 1. Juli eröffnet worden. Als Sachwalter ist Philipp Grub (Grub Brugger) bestellt. Grub war schon beim vorläufigen Verfahren gesetzt und arbeitet mit den Sanierungsberatern Dirk Pehl und Jürgen Erbe (Schultze & Braun) zusammen, die weiterhin in dem Verfahren unterstützen. Das Unternehmen befindet sich unverändert auf der Suche nach einem Investor und ist in Gesprächen mit möglichen Geldgebern.

Der Lübbecker Pfledienst Die Diakonie muss sich in Eigenverwaltung sanieren. Das Amtsgerichts Bielefeld habe den entsprechenden Antrag aufgrund einer drohenden Zahlungsunfähigkeit genehmigt. Das Unternehmen beschäftigt 181 Mitarbeiter, Auslöser der wirtschaftlichen Schwierigkeiten seien Brandschutzauflagen in einer Einrichtung, die mit kurzfristigen Investitionskosten in Höhe von mindestens 7 bis 8 Millionen Euro über einen Zeitraum von zwei bis drei Jahren verbunden seien. Als Generalbevollmächtigte sind Stefan Meyer und Torsten Gutmann (Pluta) eingesetzt, zum vorläufigen Sachwalter wurde Axel Geese von der Kanzlei Stangewesthoff bestellt.

Distressed M&A-Deals

Der insolvente Barfußschuh-Hersteller EOD hat einen Käufer gefunden. Die Weltbild D2C Group hat das Freiburger Unternehmen, das mit seiner Barfußschuhmarke Groundies bekannt ist, zum 1. Juli übernommen. EOD hatte im April Insolvenz anmelden müssen, Grund waren damals nach Unternehmensangaben die Folgen der Corona-Pandemie mit teilweise geschlossenen Stores sowie der Wirtschaftskrise auf Grund des russischen Angriffskriegs in der Ukraine. EOD erwirtschaftete zuletzt einen Jahresumsatz von 20 Millionen Euro. Als Insolvenzverwalter war Dirk Pehl (Schultze & Braun) eingesetzt.

Weitere Restrukturierungen und Branchennews

Der Batteriehersteller Varta führt aktuell ein hartes Restrukturierungsprogramm durch. Wie das Unternehmen mitteilte, sollen damit einhergehend 88 Arbeitsplätze am Standwort in Ellwangen (Baden-Württemberg) abgebaut werden. Die Stellen werden im Zuge eines Freiwilligenprogramms abgebaut, bei dem Arbeitgeber und Arbeitnehmer dem Aufhebungsvertrag zustimmen müssen. Insgesamt will Varta weltweit rund 800 Vollzeitstellen streichen, der Konzern beschäftigt aktuell 4.600 Mitarbeiter.

Am vergangenen Mittwoch haben die Gläubiger von Peek & Cloppenburg dem Sanierungskurs des Modehändlers zugestimmt. Der Plan sieht eine „weitgehende Beschäftigungssicherung“ und Standortgarantie für P&C in Deutschland vor, so das Unternehmen in einer Mitteilung. Zudem wird die Schweizer Holding der Modekette einen dreistelligen Millionenbetrag zur Sanierung beischießen. P&C will den Insolvenzplan nun bei Gericht einreichen, über diesen werden die Gläubiger Ende August 2023 abstimmen.

Die Helma Eigenheimbau, ein Anbieter von Massivhäusern, hat sich mit ihren Banken über die Umsetzung der finanziellen Restrukturierung des Unternehmens geeinigt. Konkret geht es dabei um Tilgungs- und Kündigungsrechte bei bestehenden Kreditlinien. Zudem will Helma bis Ende Oktober 2023 ein extern zu evaluierendes Restrukturierungskonzept erarbeiten, das die Neuausrichtung und Stärkung des Kerngeschäfts und das Re-Design der Finanzierungsstrukturen des Unternehmens beinhalten soll.

Paul Siethoff ist Redakteur bei Finance und schreibt vorrangig über Transformations-Themen. Er hat Kommunikationswissenschaften und Journalismus in Erfurt und in Mainz studiert. Vor seiner Zeit bei FINANCE schrieb Paul Siethoff frei für die Frankfurter Rundschau für die Ressorts Wirtschaft und Politik.