Kurz vor der Aufklärung des Säureattentats auf Innogy-CFO Bernhard Günther hat das Landgericht Wuppertal den Haftbefehl gegen den Verdächtigen aufgehoben.

Innogy

02.12.19
Wirtschaft

Säureattentat auf Innogy-CFO: Verdächtiger kommt frei

Das Säureattentat auf Innogy-CFO Bernhard Günther schien beinahe aufgeklärt. Doch jetzt hat das Landgericht Wuppertal den Haftbefehl gegen den Verdächtigen aufgehoben. In der Kritik steht auch die private Sicherheitsfirma, die in dem Fall ermittelte.

Rückschritt im Fall des Säureattentats auf den Innogy-CFO Bernhard Günther: Der 32-jährige Tatverdächtige, der Mitte Oktober festgenommen wurde, kommt wieder frei. Der Haftbefehl sei aufgehoben, weil kein dringender Tatverdacht vorliege, teilte das Landesgericht Wuppertal am Freitag mit. Der Beschuldigte Marco L. werde daher nun aus der Untersuchungshaft entlassen.

Das Gericht kritisierte in seiner Mitteilung vor allem, dass der Verdächtige nicht zweifelsfrei identifiziert werden konnte. So habe die private Sicherheitsfirma, die in dem Fall ermittelte, Günther nur Fotos eines einzigen Mannes als mutmaßlichen Täter vorgelegt. Dadurch könne das Opfer beeinflusst worden sein, so die Kritik des Gerichts. Dennoch habe der Innogy-Manager den Verdächtigen bei der Polizei nicht sicher identifizieren können.

Das Gerichtet merkt an, dass die originäre Erinnerung von Günther durch das Zeigen des Fotos sogar „überschrieben“ sein könnte. „Daher wirke sich der frühe und unzureichende Indentifizierungsversuch auch auf spätere ordnungsgemäße Identifzierungsmaßnahmen aus und lasse diese ebenfalls unzuverlässig werden“, heißt es weiter – das könnte die Aufklärung noch einmal erschweren.

Auch ein anonymer Zeuge konnte den dringenden Tatverdacht gegen den Beschuldigten nicht begründen. Dieser Zeuge habe sich zwar an einen Rechtsanwalt gewendet. Allerdings sei die Quelle nicht zu einer Befragung durch das Gericht bereit gewesen, heißt es weiter.

Privatermittler führten auf die Spur von Marco L.

Marco L. war vor gut sechs Wochen am Rande eines Ringerturniers in Köln festgenommen worden. Damals hatte die Staatsanwaltschaft Wuppertal die Ermittlungen bereits eingestellt. Auf die Spur des 32-Jährigen führte erst ein Privatermittler, den Günther und Innogy beauftragt hatten. Der Energiekonzern hatte bis zu 80.000 Euro Belohnung für Hinweise auf die Täter ausgesetzt.

Dem Magazin „Focus“ zufolge soll der Tatverdächtige im Auftrag eines mit Günther konkurrierenden Managers gehandelt haben. Die Ermittler wollten sich zu den möglichen Motiven nicht äußern. Klar ist derweil, dass die Strafverfolger den Anschlag nicht mehr als Mordversuch, sondern als schwere Körperverletzung werten – eine Einschätzung, die Günther nicht teilt: „Ich hätte sterben können“, hatte der Finanzchef kürzlich in einem Interview gesagt.

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Dr. Bernhard Günther, Innogy SE

Von 1993 bis 1998 ist Günther in der Unternehmensberatung McKinsey tätig, zuletzt als Projektleiter, anschließend wechselt Günther zu RWE. Die ersten zwei Jahre arbeitet er als Abteilungsleiter des Konzerncontrollings und wechselt 2001 als Bereichsleiter für Unternehmensplanung und Controlling zu RWE Power. 2005 wird er zum Bereichsleiter Konzerncontrolling von RWE befördert.

2007 bis 2008 ist Günther Geschäftsführer und CFO der RWE Gas Midstream. In dieser Position verantwortet er die Bereiche Finance & Reporting, Project Controlling & Valuation, Back Office, IT, Integration & Organisation, Legal & Compliance, sowie Risk. Darüber hinaus vertritt er in Personalunion als Geschäftsführer sowie CFO der RWE Trading in den Jahren 2007 und 2008 die Bereiche Finance & Reporting, Project Controlling & Valuation, Back Office und IT.

Günthers Laufbahn im RWE-Konzern geht weiter. Von 2008 bis 2012 leitet er als Geschäftsführer und CFO der RWE Supply& Trading die Bereiche, Finance, Risk, Back Office, Project Valuation & Control, IT, Legal & Compliance sowie Business Change Management . Im Juli 2012 steigt er in den Konzernvorstand auf und wird im Januar 2013 zum Finanzvorstand ernannt. Im Zuge der Aufspaltung des Energiekonzerns wird Günther im April 2016 CFO der RWE-Tochter Innogy, in der vor allem das Geschäft mit erneuerbaren Energien gebündelt wird. Die RWE-Finanzen übernimmt nach dem Innogy-IPO im Oktober des gleichen Jahres Markus Krebber.

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Günther „erschüttert“ über Gerichtsbeschluss

Günther war im März 2018 beim Joggen in der Nähe seines Wohnhauses in Haan bei Düsseldorf von zwei Vermummten angegriffen und mit Säure übergossen worden. Der damals 52-Jährige erlitt dabei schwere Verletzungen und schwebte zeitweise sogar in Lebensgefahr. Dennoch nahm Günther nur zwei Monate nach dem Anschlag seine Arbeit wieder auf. Der Manager ist zudem der Einzige aus dem alten Vorstandsteam, der auch nach der gerade erfolgten Übernahme von Innogy durch E.on an Bord bleibt.

Der Innogy-Manager war nach Angaben seines Sprechers am Freitagmittag über den Beschluss des Landgerichts informiert worden. „Diese Entscheidung war für uns so nicht zu erwarten und ist für Herrn Günther schwer nachvollziehbar. Er ist erschüttert“, sagte ein Sprecher des Managers der Deutschen Presse-Agentur. Für den Manager und seine Familie steige jetzt „die Bedrohungslage“.

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