Big Four: EY verliert die meisten hochrangigen Mitarbeiter 

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EY hat 2023 die meisten hochrangingen Mitarbeiter an die Big-Four-Konkurrenz verloren. Foto: TOimages - stock.adobe.com
EY hat 2023 die meisten hochrangingen Mitarbeiter an die Big-Four-Konkurrenz verloren. Foto: TOimages - stock.adobe.com

Führungs- und Fachkräfte sind ein heiß begehrtes Gut. Besonders intensiv ist der „War of Talents“, der im vergangenen Jahr nochmals an Fahrt aufgenommen hat, zwischen den Big Four. Insgesamt 349 Wechsel auf der Senior-Ebene gab es 2023 zwischen den vier großen Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaften PwC, KPMG, Deloitte und EY. Das waren rund 100 Wechselbewegungen mehr als 2022 – und sogar 150 mehr als 2021. In diesen beiden Jahren wechselten 253 beziehungsweise 198 Wirtschaftsprüfer und Berater die Big Four. 

Wechseldynamik zwischen Big Four hat zugenommen 

Zu diesem Ergebnis kommt eine Untersuchung der Personalberatung Dr. Heimeier Executive Search, die FINANCE exklusiv vorliegt. Die Studienautoren haben außerdem anhand der Wechselbewegungen auf den Senior-Ebenen Manager, Senior Manager, Director und Partner, die über alle Service-Lines erfolgten, die Beförderungsmuster und Wechselrouten nachgezeichnet. 

Demnach war jeder zweite Wechsel (55 Prozent) innerhalb der Big Four mit einer Beförderung verbunden. Doch trotz deutlich gestiegener Bewegungs-Quantität reduzierte sich die Beförderungsquote um knapp 15 Prozentpunkte zum Vorjahr. Dies sei auf die Zurückhaltung bei Einstellungen auf der Manager-Ebene zurückzuführen. 

Die höchste Beförderungsquote über alle Big Four hinweg gab es auf der Ebene der Direktoren. Florian Schumann, Studienautor und Partner bei Dr. Heimeier Executive Search, sieht in den Ergebnissen „die abermals gestiegene Wettbewerbsintensität in den Zahlen abgebildet.“ 

Deloitte wirbt das meiste Talent ein 

Der klare Gewinner der Auswertung ist wie in den beiden Jahren zuvor Deloitte. Dem Wirtschaftsprüfungs- und Beratungshaus gelang es erneut, das meiste Talent von der Konkurrenz abzuwerben. Insgesamt 114 Zugänge verzeichnete Deloitte bei 58 Abgängen zu Mitbewerbern. Das ergibt eine Turnover-Ratio von 56. Deloitte ist damit die einzige Big Four, die 2023 eine positive Turnover Ratio aufweisen konnte und damit auf den Senior-Ebenen mehr Mitarbeiter gewann als verlor. 

Die meisten Zugänge – 45 an der Zahl – kamen von EY, dicht gefolgt von PwC, die 39 Mitarbeiter an Deloitte verloren. Von KPMG wechselten 30 Mitarbeiter zu Deloitte. Von den 58 Abgängen gingen 25 zum Marktführer PwC, 21 zu KPMG und 12 zu EY. Insgesamt 61 Prozent der neuen Mitarbeiter konnten sich nach ihrem Wechsel zu Deloitte über eine Beförderung freuen. Nur EY wies mit 62 Prozent einen höheren Promotionswert auf. 

Deloitte wächst stark auf der Manager-Ebene 

Den meisten Zuwachs verzeichnete Deloitte auf der Manager-Ebene. Von den 61 Einstiegen auf diesem Karrierelevel waren 59 Prozent mit einer Beförderung verbunden – der höchste Wert der Big Four. Die meisten Beförderungen nahm Deloitte auf dem Senior-Manager-Level vor: 79 Prozent der neuen Senior Manager wurden befördert.  

Mit 58 Abgängen hatte Deloitte zudem den geringsten Talentverlust zu beklagen, wie auch schon im Vorjahr. „Im Fall von Deloitte sind eine starke Reputation gepaart mit einer gewissen Finanzkraft bei Vertragsangeboten sicher kein Hemmnis für Erfolg in der Talent-Acquisition“, nennt Schumann die Gründe für den Erfolg Deloittes.  

Deloitte gilt allerdings nicht nur bei Seniors als attraktiver Arbeitgeber, auch bei Berufseinsteigern ist die Gesellschaft beliebt. So wurde Deloitte erneut bei einer kürzlich veröffentlichten Befragung des Marktforschers Trendence unter Absolventen von wirtschaftswissenschaftlichen Studiengängen als präferierter Arbeitgeber aller Consulting– und Wirtschaftsprüfungsgesellschaften genannt.  

EY verliert das meiste Talent 

Deutlich schlechter schnitt EY ab. Die Big Four kommt auf eine negative Turnover Ratio von 41 – dem mit Abstand schlechtesten Wert. Zwar konnte EY im vergangenen Jahr 74 Mitarbeiter von den Mitbewerbern abwerben – besonders auf der Manager- sowie auf der Senior Manager-Ebene gab es 32 beziehungsweise 20 Zugänge – dem gegenüber stehen aber 115 Abgänge zur Konkurrenz. Einen größeren Aderlass musste keine andere Big Four hinnehmen.

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Die meisten ehemaligen EY-Mitarbeiter zog es zu PwC und Deloitte, die sich über 47 und 45 Zugänge des Mitbewerbers freuen durften. Zu KPMG gingen 23 ehemalige EY-Mitarbeiter. EY verlor dabei auf den drei höchsten Karrierelevel – Senior Manager, Director und Partner – jeweils das meiste Talent an die direkte Konkurrenz. Nur auf der Manager-Ebene hatte PwC mehr Abgänge als EY zu verzeichnen. 

Spätfolgen des Wirecard-Skandals dürften sicher ein Grund für die hohe Zahl der Abgänge sein. Seit Februar darf EY in der Wirtschaftsprüfung für die nächsten zwei Jahre kein neues Prüfmandat bei Unternehmen von öffentlichem Interesse mehr annehmen, seit Bekanntwerden des Wirecard-Skandals hat EY zudem kein bedeutendes neues Prüfmandat mehr gewonnen. Im Dax40 prüft das Big-Four-Haus nur noch sechs Unternehmen.  

EY muss mehr befördern als die Konkurrenz 

Schuhmann sieht jedoch noch andere Gründe für die vielen Weggänge bei EY: „Hier greifen sicher einige – auch medial weiträumig begleitete – Sachverhalte ineinander. Wir sehen aber im Besonderen teils sehr gezielte, wechselseitige Senior-Recruiting-Initiativen zwischen einzelnen Marktteilnehmern.“ 

Ein weiteres Indiz, dass EY es zurzeit schwerer in der Mitarbeiterakquisition als die Mitbewerber hat: EY hat mit 62 Prozent die höchste Beförderungsquote über alle Karrierelevel hinweg. Auf der Senior-Manager-Ebene waren 75 Prozent der 20 Neueinstellungen mit einer Beförderung verbunden, auf der Director-Ebene waren es sogar 85 Prozent der 13 Neueinstellungen – der höchste Wert auf diesem Karrierelevel. Der Durchschnitt auf der Director-Ebene lag bei 71 Prozent. 

PwC hat die höchste Fluktuation vorzuweisen 

Die höchste Fluktuation hatte 2023 PwC vorzuweisen. Insgesamt 102 Zugängen – dem zweithöchsten Wert – standen 107 Abgänge – ebenfalls der zweithöchste Wert – gegenüber. Das ergibt in Summe eine leicht negative Turnover Ratio von 5, dem zweitbesten Wert unter den Big Four. 

Den größten Zuwachs hatte PwC auf dem Manager-Level vorzuweisen. Hier konnte die Nummer 1 im Markt 46 Neueinstellungen vornehmen, von denen 46 Prozent mit einer Beförderung verbunden waren – der niedrigste Promotionswert bei den Big Four auf diesem Level. Allerdings verließen 55 Manager PwC. 24 davon gingen zu EY, 23 zu Deloitte, acht zu KPMG.  

Bei Senior Managern konnte PwC 32 Zugänge bei 27 Abgängen vornehmen. 41 Prozent der Neueinstellungen waren mit einer Beförderung verbunden. Schumann sieht trotz der erneut hohen Zahl an Abgängen bei PwC keine grundsätzlichen Recruiting-Probleme, im Gegenteil: „Wir denken, dass die Dynamik und monetäre Attraktivität einzelner Hiring-Kampagnen sicher auf die Abwanderungs-Quoten eingezahlt haben beziehungsweise auch im Jahr 2024 einzahlen werden.“ 

WirtschaftsprüferTurnover Ratio 2023Turnover Ratio 2022Turnover Ratio 2021
Deloitte564645
PwC-5-295
KPMG-10-29-39
EY-4111-11
Quelle: Dr. Heimeier Executive Search/ Delta Management Consultants

KPMG kann Abwärtstrend stoppen 

Deutlich verbessert hat sich KPMG, das die Turnover Ratio auf –10 steigern konnte. 2022 hatte diese mit 39 und 2021 mit 29 in den Minusbereich geragt. KPMG hatte dabei die wenigsten Zugänge der Big Four zu verzeichnen. Immerhin: Knapp die Hälfte der Neueinstellungen, nämlich 49 Prozent, waren mit einer Beförderung verbunden – einen niedrigeren Wert wies nur PwC auf.  

Besonders erfolgreich war KPMG dabei bei der Gewinnung neuer Partner. Mit zehn von anderen Big Four hinzugewonnenen Partnern warb KPMG hier das meiste Talent ein. Gleich sieben Partner konnte KPMG von EY gewinnen, zwei kamen von PwC und einer von Deloitte. Noch erfreulicher für KPMG: Die Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft verlor mit 69 Abgängen nach Deloitte das wenigste Talent an die unmittelbare Konkurrenz. Je 30 Mitarbeiter verließen KPMG für eine Anstellung bei PwC und Deloitte, neun entschieden sich für EY. 

Die Auswertung von Dr. Heimeier Executive Search zeigt, dass sich der Wettbewerb um die besten Köpfe zwischen den Big Four 2023 weiter intensiviert hat. Angesichts der wachsenden Fülle an Aufgaben, die Wirtschaftsprüfer übernehmen müssen, und dem zunehmenden Beratungsbedarf vieler Unternehmen bei sich gleichzeitig verschärfendem Fachkräfte- und Nachwuchsmangel ist mit einer nachlassenden Dynamik nicht zu rechnen. Die Faktoren Talent und Recruiting werden auch weiterhin eine große Rolle im Wettbewerb der Big Four spielen. 

Falk Sinß ist Redakteur bei FINANCE. Er hat Soziologie, Politologie und Neuere und Mittlere Geschichte in Frankfurt am Main sowie in Mainz Journalismus studiert, wo er auch einen Lehrauftrag inne hatte. Vor seiner Zeit bei FINANCE war Falk Sinß drei Jahre Redakteur der Zeitschrift Versicherungswirtschaft und zehn Jahre für verschiedene Medien des Universum Verlags tätig.