Legal-Tech-Kooperationen stehen bei vielen Kanzleien oben auf der Agenda. Doch wie findet man die richtigen Partner?

Allen & Overy

19.12.19
Banking & Berater

„‚Die Höhle der Löwen‘ für Legal Tech“

Was müssen Legal Techs mitbringen, um mit Kanzleien ins Geschäft zu kommen? Henrik von Wehrs, Legal-Tech-Experte bei Allen & Overy, über Pitch-Marathons, Sicherheitsfragen und Gründer-Teams.

Sie waren in der Vergangenheit selbst als Gründer aktiv, seit April verantworten Sie als Legal Tech Engagement Manager Europe bei Allen & Overy die rechtlichen Digitalisierungsprojekte der Kanzlei in Kontinentaleuropa. Wie offen erleben Sie Anwälte und Mandanten in Bezug auf Legal Tech?
Mein Eindruck ist, dass eine gesunde Desillusionierung eingesetzt hat. Legal Tech ist kein Allheilmittel. Es gibt Lösungen, die viele Prozessschritte vereinfachen oder beschleunigen können – sofern man sie richtig einsetzt. Wir schulen die Juristen dazu regelmäßig und tauschen uns über Standorte hinweg zu Best Practices aus. Eine Einheit für „Transaction Support“, zu der in Deutschland etwa 20 Kollegen gehören, vermittelt bei Fragen zwischen Software-Experten und Anwälten. Auch von den Mandanten wird das Thema immer wieder angesprochen: Derzeit haben wir im Schnitt bei etwa 20 Prozent der Mandate Legal Tech im Einsatz.

Woher beziehen Sie die Anwendungen?
Wir stehen täglich vor der Entscheidung „Make or Buy“, wobei die Zusammenarbeit mit Start-ups sich in vielen Fällen als zielführender herausstellt. Viele Legal Techs sind sehr fokussiert auf ein spezifisches Thema und bieten Detaillösungen an, die wir nicht alle selbst bereithalten können.

Könnten Ihre Mandanten die Legal Techs nicht auch einfach selbst beauftragen?
Das können sie natürlich, aber bei Auswahl und Bedienung sind viele Mandanten über Unterstützung froh. Wichtig ist, dass jederzeit volle Transparenz darüber herrscht, an welcher Stelle welche Software zum Einsatz kommt. Wer mit Legal Tech arbeitet, muss auch bedenken, dass die Anwendungen nicht nahtlos ineinandergreifen: Es gibt vielleicht eine Anwendung, die bestimmte Aspekte der Due Diligence automatisiert, und eine andere kommt zum Einsatz, wenn es um automatisierte Vertragserstellung geht. In der jeweiligen Phase bringen beide Lösungen große Erleichterungen, aber wenn ein Prozess von einer Phase in die nächste übergeht, müssen die Ergebnisse übertragen und verknüpft werden. Da kommen dann die Anwälte ins Spiel.

Markt für Legal Tech verändert sich ständig


„Uns ist wichtig, dass wir mit verschiedenen Legal Techs zusammenarbeiten können.“

Henrik von Wehrs, Allen & Overy

Ein Legal-Tech-Unternehmen kann mit vielen verschiedenen Kanzleien kooperieren. Warum sichern Sie sich manche Anwendungen nicht exklusiv?
Dadurch würden wir uns sehr eng an einen bestimmten Anbieter binden. Uns ist aber wichtig, dass wir mit verschiedenen Legal Techs zusammenarbeiten können, weil sich der Markt und die Anforderungen laufend verändern. Ich spreche aus Erfahrung, ich habe selbst schon ein Legal-Tech-Unternehmen mitgegründet, das später liquidiert wurde. Anbieter schließen sich zusammen, verlassen den Markt oder verlagern ihren Fokus, wie etwa zuletzt das etablierte Data-Extraction-Anbieter Leverton, der sich zurzeit aus Deutschland zurückzieht. Bei der Wahl unserer Kooperationspartner brauchen wir daher Flexibilität.

Wie viele enge Kooperationspartner haben Sie?
Besonders eng ist die Zusammenarbeit mit Unternehmen, die einige Zeit in unserem Legal-Tech-Hub „Fuse“ im Londoner Büro von Allen & Overy verbracht haben. Aus „Fuse“ hervorgegangen sind 17 Kooperationen, die weltweit ständig im Einsatz und auch strategisch in die Prozesse der Kanzlei eingebunden sind. Zusätzlich haben wir zahlreiche lokale Kooperationen, wie zum Beispiel mit Lexemo in Deutschland.

Wonach wählen Sie die Unternehmen aus?
Um die Plätze im „Fuse“ gibt es regelmäßige Pitches, zu denen wir Bewerber einladen. Das ist dann eine Art „Die Höhle der Löwen“ für Legal Tech: Es gibt eine Jury, der auch ich angehöre, und die Gründer präsentieren vor dieser Jury ihre Ideen. Für die jüngste Runde hatten wir über 100 Bewerbungen, davon haben wir uns 30 Projekte an insgesamt drei Tagen genau angeschaut. Sechs von ihnen rückten auf freie Plätze im „Fuse“. Für uns als Kanzlei ist die entscheidende Frage, wie wir die Entwicklung operativ in der juristischen Arbeit nutzen können.

Haben Sie im Vorfeld ein Gespür, bei welchen Anwendungen es passen könnte?
Vieles hängt vom Gründer-Team ab: Ich habe die besten Erfahrungen mit Unternehmen gemacht, bei denen ein Jurist aus einer Großkanzlei dabei ist. Diese Gründer geben eine gute Stellung auf, um ein Problem zu lösen, das sie selbst im Arbeitsalltag beschäftigt hat. Sie wissen also genau, wo noch Verbesserungen möglich sind.

Strenge Sicherheitskriterien für Legal Tech

Wie lange bleiben die auserwählten Legal Techs dann im „Fuse“-Zentrum?
Das ist nicht fest definiert. Derzeit haben wir insgesamt acht Legal Techs im Zentrum, darunter auch Kooperationspartner, mit denen wir bereits seit längerer Zeit zusammenarbeiten. Es sind auch nicht alle „Fuse“-Mitglieder klassische Start-ups – Unternehmen wie HighQ oder Kira sind am Markt etabliert, dennoch haben sie im „Fuse“-Hub noch einmal detailliert hinterfragt, welche Anforderungen wir als Kanzlei stellen. Die enge räumliche Nähe zu den Juristen fördert den Austausch enorm.

„Wir stellen Anwendungen auch in Wettbewerb zueinander.“

Henrik von Wehrs, Allen & Overy

Was passiert mit den Unternehmen, die den Hub verlassen?
Sie bleiben Kooperationspartner, die Software nutzen wir in Lizenz weiter. Allerdings stellen wir die Anwendungen auch in Wettbewerb zueinander: In manchen Bereichen haben wir mehrere Tools lizenziert, die ähnliche Leistungen erbringen – so können wir prüfen, wo Ergebnisse abweichen und welche Lösung in welchem Kontext am besten funktioniert.

Dürfen Kollegen auch selbst Anwendungen vorschlagen, die sie gern nutzen möchten?
Jeder Kollege kann Vorschläge für Tools machen. Vor einer Nutzung unterziehen wir jedoch alle Anwendungen einer Sicherheitsprüfung: Wir schauen, ob alle Anforderungen an den Datenschutz erfüllt sind, auf welchen Servern die Daten lagern und vieles mehr. Führen wir ein neues Tool ein, stellen wir dies grundsätzlich allen Partnern vor – mitunter stellen wir dann fest, dass beispielsweise eine Anwendung mit bankenspezifischem Fokus sich mit ganz wenig Aufwand für den Einsatz im Bereich Litigation adaptieren lässt.

sabine.reifenberger[at]finance-magazin.de

An welchen Stellen neue Technologien die Rechtsberatung verändern und wie Kanzleien und Mandanten damit umgehen, lesen Sie auf unserer Themenseite Legal Tech.