23.02.18
Banking & Berater

Big-Four-Analyse Audit: PwC und KPMG lassen nach

Überraschende Wachstumsraten, neue Prüfmandate, bittere Verluste: Für KPMG, PwC, Deloitte und EY war 2017 ereignisreich. Wer in der Wirtschaftsprüfung stark vorangekommen ist und wer droht, abgehängt zu werden – die FINANCE-Analyse.

2017 war der Wirtschaftsprüfungsmarkt besonders herausfordernd – die vier größten Prüfungshäuser EY (Ernst & Young), PwC, KPMG und Deloitte („Big Four“) mussten an mehreren Fronten gleichzeitig kämpfen. Zum einen schlugen die Auswirkungen der gesetzlichen Abschlussprüferrotation stärker durch als in den Vorjahren. Kapitalmarktorientierte Unternehmen müssen künftig alle zehn Jahre ihr Prüfmandat ausschreiben, und das hat 2017 zu einigen Mandatswechseln geführt.

Zum anderen setzten die niedrigen Wirtschaftsprüfungshonorare den Big Four zu: Zwar ist das Audit das traditionelle Geschäftsfeld von KPMG, PwC, Deloitte und EY, doch gut verdienen kann man dort schon seit Jahren nicht mehr. Dennoch pumpen die WP-Häuser viel Geld in diesen Bereich, um mithilfe neuer Technologien ihre Prüfungstools zu verbessern. Das ist oft der einzige Weg, wie sich die Häuser voneinander abgrenzen und damit an gefragte Mandate herankommen können. Wie die Big Four in dieser Gemengelage im Audit abgeschnitten haben, zeigt eine Analyse der Geschäftszahlen.

PwC kann Spitzenplatz verteidigen – noch

Die gute Nachricht für PwC: Der Branchenprimus konnte auch 2017 mit einer Gesamtleistung von 743 Millionen Euro seinen Spitzenplatz unter den Big Four verteidigen. Die Gesamtleistung rechnet im Gegensatz zum Umsatz die bis zum Bilanzstichtag erbrachten Leistungen aus noch nicht beendeten Projekten mit ein. Ein Blick auf die Wachstumsrate zeigt aber, dass die Freude getrübt sein dürfte: Mit einer Steigerung von nur 1,7 Prozent stagniert das WP-Geschäft bei PwC praktisch. Im Vorjahr war das Wachstum mit 7 Prozent deutlich besser, 2015 dagegen war es mit 1,3 Prozent ebenfalls mau.

Ein ähnliches Bild zeigt sich beim Verfolger KPMG, der eine Gesamtleistung von 627 Millionen Euro aufweist, mit 3 Prozent aber ebenfalls kaum gewachsen ist. In den Vorjahren pendelte die Rate ebenfalls um diesen Wert.

Zwar sind die Wachstumsraten in der Wirtschaftsprüfung in der gesamten Branche zurückgegangen – allerdings haben sich die kleineren Konkurrenten EY und Deloitte um einiges besser entwickelt. EY hat sich 2017 im WP-Geschäft um 11 Prozent verbessert und ist nun mit einer Gesamtleistung von 546 Millionen Euro gar nicht mehr weit davon entfernt, zum Wettbewerber KPMG aufzuschließen. Das ist vor allem deshalb überraschend, weil EY im Vorjahr in der Wirtschaftsprüfung sogar geschrumpft war.

Deloitte wächst überraschend stark im Audit

Deloitte ist auch in absoluten Zahlen stärker gewachsen als die drei Wettbewerber.

Die Begründung von EY-Deutschland-Chef Huberth Barth zum Rückgang lautete damals: EY wolle strategische Weichen neu stellen, um sich fit für künftiges Wachstum zu machen. Dazu gehöre unter anderem, dass EY seinen Branchenfokus stärker ausbaue und Geschäftsfelder besser miteinander verzahne. Die Strategie scheint jetzt erste Früchte zu tragen.

Getoppt wurde EY nur noch von Deloitte, das um starke 27 Prozent auf 397 Millionen Euro gewachsen ist. Allerdings beruht das starke prozentuale Wachstum auf dem wesentlich niedrigeren Ausgangswert. Das WP-Haus ist aber auch in absoluten Zahlen stärker gewachsen als die drei Wettbewerber. Zwar ist Deloitte vom Branchenprimus PwC nach wie vor weit entfernt, das starke Wachstum ist dennoch beeindruckend.

KPMG verliert Versicherer als Kunden

Die schwache Entwicklung von PwC und KPMG könnte den beiden Häusern in den kommenden Jahren noch zum Verhängnis werden. Aktuell prüfen PwC und KPMG mit Abstand die meisten Unternehmen im Dax, darunter auch besonders lukrative Mandate. Nach und nach werden die beiden Platzhirsche diese Kunden aber aufgrund der Prüferrotation aufgeben müssen. Das wird die Chance für EY und Deloitte sein, endlich an neue große und gutbezahlte Mandate zu kommen.

2017 wurde KPMG zunehmend aus der Versicherungsbranche gedrängt und verlor die langjährigen Kunden Allianz (mit einer Prüfdauer von 127 Jahren das älteste Mandat überhaupt) sowie die Versicherer Hannover Rück und Talanx als Kunden an PwC. Die große Verlustwelle steht allerdings noch bevor: Die KPMG-Kunden Henkel, BMW und Fuchs Petrolub haben sich bereits auf die Suche nach einem neuen Prüfer gemacht.

Die Verluste konnte KPMG aber teilweise kompensieren: Unter anderem sicherte sich das WP-Haus 2017 neue Mandate oder Vertragsverlängerungen bei Douglas, Scout24, Boehringer Ingelheim und Metro.

EY mausert sich zum Bankenprüfer

Auch PwC musste 2017 erste Einbußen hinnehmen und verlor unter anderem die Commerzbank, VTG und Bayer als Prüfkunden. Neben den von KPMG übernommenen Versicherungskunden hat PwC auch Stada, Gazprom Deutschland, Telefónica und Lanxess als Neukunden gewonnen.

EY hat sich 2017 entschlossen gezeigt, die große Chance der Prüferrotation zu ergreifen: Neben dem Leuchtturmkunden Commerzbank konnte EY auch bei KWS Saat, Tele Columbus und VTG Erfolge feiern. EY prüft nach eigenen Angaben nun fünf der zehn größten Banken Deutschlands, neben der Commerzbank sind darunter auch unter anderem die KfW, die Helaba und die DZ Bank.

Damit ist EY auf dem besten Weg, in Zukunft der spezialisierte Banken-Prüfer in Deutschland zu werden. Die Mandatsverluste hielten sich bei EY 2017 in Grenzen: Abgeben musste EY bei den börsennotierten Unternehmen nur SGL Carbon und Telefónica.

Deloitte muss jetzt Gas geben

Wesentlich ruhiger ging es 2017 bei Deloitte zu. Seit dem überraschenden Erringen des Bayer-Mandats im Jahr 2016 konnte die WP-Gesellschaft kein weiteres Dax-Unternehmen als Kunden gewinnen, und auch im MDax, SDax oder TecDax gibt es keine neuen Mandate. Laut Chef Martin Plendl hat Deloitte 2017 neue Kunden außerhalb dieser Börsensegmente gewonnen, diese dürften allerdings nicht namentlich genannt werden, so der CEO. In diesem Jahr muss das WP-Haus zeigen, ob der Erfolg bei Bayer ein einmaliger Coup war – immerhin hat Plendl verkündet, künftig drei bis vier der Dax-Unternehmen prüfen zu wollen.

Wer den harten Wettbewerb im Wirtschaftsprüfermarkt für sich entscheiden wird, steht aber noch lange nicht fest – die große Rotationswelle kommt erst noch. 2018 dürfte sich herauskristallisieren, ob PwC und KPMG ihre bislang starke Stellung behaupten und Deloitte und EY ihre einmalige Chance nutzen können.

julia.schmitt[at]finance-magazin.de

Die Entwicklung der Big-Four-Gesellschaften beleuchtet FINANCE in einer Artikelreihe, die die Positionierung der Häuser in den Geschäftsbereichen Wirtschaftsprüfung, Unternehmensberatung und Steuerberatung nachzeichnet. Den Bericht zur Unternehmensberatung finden Sie hier, den zur Steuerberatung hier.

Weitere Artikel und Informationen zu KPMG, PwC, Deloitte und EY sowie die einzelnen Geschäftszahlen in aller Ausführlichkeit finden Sie im Big-Four-Report 2018 sowie auf unserer Themen-Seite zu den Big Four.