Die Luft wird dünn für EY in den bevorstehenden Wirecard-Prozessen.

EY

14.01.21
Banking & Berater

EYs Verteidigungsstrategie im Fall Wirecard

Es sind Dokumente aufgetaucht, die zeigen, wie sich EY gegen die anlaufenden Wirecard-Klagen verteidigen will. Zum Schlüsselaspekt wird die Auseinandersetzung mit dem Wirecard-Sonderprüfer KPMG.

Das „Handelsblatt“ hat Dokumente zu Tage gefördert, die zeigen, mit welchen Argumenten sich EY in den anstehenden Wirecard-Klagen verteidigen will. Konkret geht es um die Auseinandersetzung mit einer Klage des Berliner Investmenthauses Invivo Capital, das von EY 9,5 Millionen Euro Schadenersatz fordert. Vertreten wird Invivo von der Kanzlei Schirp. Die Klage gilt als richtungsweisend für bevorstehende juristische Auseinandersetzungen von EY mit weiteren geschädigten Wirecard-Investoren.

Invivo beruft sich in seiner Klage auf den Paragrafen 826 des Bürgerlichen Gesetzbuchs: „sittenwidrige Schädigung“. Dieser Punkt ist entscheidend, weil bei sittenwidrigem Verhalten inklusive Vorsatz die Haftungshöchstgrenze von Wirtschaftsprüfern in Höhe von 4 Millionen Euro nicht mehr greift. Allerdings gilt „Sittenwidrigkeit“ vor Gericht als schwer zu belegen.

Die Schirp-Anwälte sehen Sittenwidrigkeit im konkreten Fall als gegeben an, weil die Prüfer bei der Testierung der Wirecard-Abschlüsse „besonders leichtfertig und gewissenlos“ gehandelt hätten, zitiert das „Handelsblatt“ aus der Klageschrift. EY habe die vermeintlichen Cash-Bestände auf den Treuhandkonten in Asien „ins Blaue hinein“ testiert und es versäumt, bei den Banken, bei denen das Geld angeblich liegen sollte, Saldenbestätigungen einzuholen. 

EY hält eigene Prüfleistung für „ausreichend“

Die Kanzlei Wirsing Hass Zoller, die EY vertritt, weist die Vorwürfe in der Klageerwiderung, die dem „Handelsblatt“ vorliegt, dagegen als „unschlüssig“ zurück – EY habe seine Pflichten als Abschlussprüfer erfüllt. Die EY-Anwälte argumentieren damit, dass Wirecard nicht Inhaber der Treuhandkonten gewesen sei, auf denen vermeintlich ein Milliardenvermögen liegen sollte. Stattdessen habe Wirecard lediglich Geschäftsbeziehungen zu den Treuhändern über diese Konten unterhalten.

Bei Treuhändern sowie bei Geschäftspartnern des zusammengebrochenen Dax-Konzerns, die angeblich auf die Treuhandkonten eingezahlt haben sollen, habe EY mehrfach Nachweise darüber eingeholt, dass die Mittel auf den Konten auch tatsächlich vorhanden gewesen seien. Dieses Vorgehen der Prüfer sei „geeignet“ und „ausreichend“ gewesen, betont EY. Das Big-Four-Haus sieht sich selbst als Opfer eines großangelegten Betrugs durch die Wirecard- Führung.      

Schwere Differenzen zwischen EY und KPMG

Aus der Klageerwiderung lässt sich auch ablesen, dass in einem möglichen juristischen Prozess der Auseinandersetzung mit dem Wettbewerber KPMG eine zentrale Bedeutung zukommen dürfte. KPMG hat die forensische Sonderprüfung verantwortet, die letztendlich dazu beigetragen hat, den Skandal im Juni vergangenen Jahres aufzudecken.

Problematisch für EY sind insbesondere die Aussagen des für die Sonderprüfung verantwortlichen KPMG-Managers Alexander Geschonneck vor dem Wirecard-Untersuchungsausschuss im Bundestag. Er hatte erklärt, bei den von KPMG vorgenommenen Prüfungshandlungen im Fall Wirecard handle es sich um „Standardhandlungen, die bei all unseren Mandanten durchgeführt werden“. Diese Prüfungen gingen bei der Validierung der Treuhandkonten wesentlich tiefer als die vorangegangenen Bemühungen des etatmäßigen Abschlussprüfers EY.

EY hingegen bezeichnet die Methoden von KPMG  als „nicht standardisiert“ und „forensisch“, sprich: Sie wären damit im Rahmen von normalen Jahresabschlussprüfungen nicht üblich. Die derzeit gültigen deutschen Prüfungsstandards „sind nicht darauf angelegt, ein komplexes, weltweites, internes Betrugssystem zu Fall zu bringen“, so die Verteidigungsposition von EY. 

Ein Vergleich könnte für EY teuer werden

Der Punkt, wie weit eine Prüfung gehen muss, könnte zu einer Schlüsselfrage in einem möglichen Prozess werden. Doch die Prüfung und Validierung von Treuhandstrukturen, wie sie im Fall Wirecard zentral sind, ist in der juristischen Aufarbeitung Neuland. Auch in Fachkreisen gehen die Meinungen auseinander, ob es ausreichend ist, solche ungewöhnlichen Strukturen mit den Standardmethoden eines Prüfers zu validieren – insbesondere dann, wenn sie ein derart großes Gewicht für ein Unternehmen haben, wie es bei Wirecard der Fall war. Hinzu kommt, dass die Auslegung darüber, was nun eine „Standardmethode“ ist, offenbar selbst unter den Prüfern breit gefächert ist.

Käme es tatsächlich zum Prozess vor dem Landgericht Stuttgart, erwarten die Autoren des „Handelsblatts“ ein „Mammutverfahren mit einer Flut an Gutachten“. Dies könnte dazu führen, dass sich EY und der Kläger Invivo Capital am Ende auf einen Vergleich einigen.

Doch dieser hätte auch Signalwirkung für mögliche weitere Klagen. Und mit einem erlittenen Schaden von weniger als 10 Millionen Euro gehört Invivo nicht zu den größten Wirecard-Geschädigten. Bei den finanzierenden Banken stehen ungleich größere Summen im Raum, ebenso bei zahlreichen Investoren. Ein zu großzügiger Vergleich könnte EY am Ende noch teuer zu stehen kommen.

michael.hedtstueck[at]finance-magazin.de 

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