BVB-Chef Watzkes „leichte Neujustierung der Strategie“ ist nichts anderes als eine Kampfansage an den FC Bayern. Die Kassenlage des BVB lässt das zu.

picture alliance/ Sven Simon

24.08.15
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BVB-Finanzen: Watzkes Kampfansage an die Bayern

60 Millionen Euro Transferdefizit kann Borussia Dortmund inzwischen einfach so weg atmen. Die wirtschaftliche Schlagkraft, die der BVB sich aufgebaut hat, ist bemerkenswert. Das wird auch den FC Bayern beeindrucken.

Für seine Verhältnisse erstaunlich zurückhaltend formuliert, hat BVB-Chef Hans-Joachim Watzke bei der Bilanzpressekonferenz am Freitag eine veritable Kampfansage in Richtung Bayern München geschickt. „Heute geht es um eine leichte Neujustierung der Strategie von Borussia Dortmund“, sagte Watzke schelmisch grinsend zur Begrüßung. Er weiß, warum er sich dabei so die Hände rieb, denn die „leichte Neujustierung“ hat es in sich.

Watzke skizzierte  der Presse sein „Primat der sportlichen Leistungsfähigkeit“. Dessen Kern ist so simpel wie aggressiv: „Alles, was wir erwirtschaften, wird ab jetzt zwingend in den Fußball gesteckt“, erklärte der BVB-Boss. Die Grenze markierte Watzke nicht minder einprägsam: „Nie wieder Schulden für sportlichen Erfolg!“ Der Mann weiß, wie man Botschaften an den Mann bringt.

BVB kassiert die Champions-League-Versicherung

Ohne Zweifel hat Watzke Recht, wenn er sagt, dass „der BVB sich das leisten kann“. In der abgelaufenen Saison steigerte Borussia Dortmund den Umsatz von 260,7 auf 276 Millionen Euro – und das, obwohl den Schwarz-Gelben wegen des schlechten Abschneidens in der Bundesliga Prämien in Millionenhöhe entgangen sind. Das Ausscheiden im Achtelfinale der Champions League, wo der BVB im Jahr davor noch das Viertelfinale erreicht hatte, schlug mit über 6 Millionen Euro ins Kontor: 2,6 Millionen Euro weniger Ticket- und 3,7 Millionen Euro weniger TV-Erlöse.

Dafür, dass er trotzdem einen Umsatzanstieg verkünden konnte, kann sich Watzke bei seinen beiden engsten Mitarbeitern bedanken: Sportchef Michael Zorc und Finanzchef Thomas Treß: Zorc gelang es, mit den Verkäufen der Bankdrücker Schieber, Ji, Langerak und Jojic 12,4 Millionen Euro Transfererlöse zu erwirtschaften, rund dreimal so viel wie in der Vorsaison.

Treß war derweil nach dem Gewinn des Doubles im Sommer 2012 so weitsichtig, dass er nach einer Versicherung Ausschau hielt, die dem BVB das Risiko einer Verfehlung der Champions-League-Qualifikation abnimmt. Dazu ist es nun gekommen, aber als Trostpflaster hat der BVB von der Versicherung eine nicht genannte Summe eingestrichen, zu deren Höhe Treß lediglich ein paar Hinweise lieferte: Um 11,8 Millionen stiegen die sonstigen Erträge, aber einige der dort erfassten Buchungsposten haben laut Treß auch abgenommen, zum Beispiel Steuerrückerstattungen. Unterm Strich könnten es geschätzt rund 10 Millionen Euro sein, die der BVB aus der Champions-League-Versicherung kassiert hat. So viel zu dem Vorurteil, dass Fußballmanager keine Ahnung von Risikomanagement haben.

All die positiven und negativen Sondereinflüsse eingerechnet, stand beim Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) ein Plus von 13 Prozent auf 55,1 Millionen Euro. Das Ebitda soll laut Watzke fortan die entscheidende Messgröße für den wirtschaftlichen Erfolg von Borussia Dortmund sein. 

90 Millionen Euro fließen in die Taschen der Spieler

Wie immer beim BVB lohnt es sich aber auch diesmal, ein bisschen tiefer in den Zahlen zu graben. Dort verstecken sich Details, die einen Hinweis darauf geben, was Watzke mit seiner „leichten Neujustierung der Strategie“ meint.

Immobile, Ramos, Ginter und viele mehr: Der BVB hat im vergangenen Sommer massiv in den Kader investiert und dabei viel Geld verbrannt. 72 Millionen Euro insgesamt hat der Klub laut CFO Treß für die Neuzugänge auf den Tisch gelegt. Diese horrende Summe lässt die Transfererlöse von 12,7 Millionen Euro dann schon wieder ziemlich mickrig aussehen. Das Transferminus summiert sich auf fast 60 Millionen Euro. Damit befindet sich der BVB definitiv auf Augenhöhe mit den Bayern. Der operative Cashflow von 16,9 Millionen Euro reichte bei weitem nicht aus, um die Ausgaben für die Neueinkäufe zu decken.

Die immateriellen Vermögenswerte, unter denen in der Bilanz die Ablösesummen für Neuzugänge gebucht werden, sind dadurch auf 96 Millionen Euro angeschwollen. Den größten Teil dieser Summe wird der BVB in den nächsten Jahren ertragsmindernd durch die Gewinn- und Verlustrechnung laufen lassen müssen. So wollen es die Bilanzierungsvorschriften. Aber das Ebitda schmälert dies nicht. Wohl auch deshalb stellt Watzke diese Kennzahl so in den Mittelpunkt.

Gleiches Bild bei den Personalkosten: Obwohl das schwache sportliche Abschneiden dem BVB Prämienzahlungen in Millionenhöhe an seine Spieler erspart haben wird, sind die Personalkosten von 107,8 auf 117,9 Millionen Euro gestiegen. Rund 90 Millionen Euro davon sind direkt in die Taschen der Spieler und Trainer geflossen, deutet Watzke an. Damit setzt der Anteil der Personalkosten am Umsatz seinen kontinuierlichen Anstieg der vergangenen Jahre fort: Die Personalkostenquote stieg von 41 auf 43 Prozent. Trotz ihres Luxuskaders liegt die Borussia damit aber nach wie vor unter dem Bundesligaschnitt, der nach Angaben der DFL bei 45 bis 50 Prozent liegt – wenn auch nicht mehr so stark wie früher einmal.

Teurer Abschied von der Schuldenära

Dass sich der BVB steigende Personalkosten leisten kann, ist seit dem vergangenen Sommer keine Frage mehr. Damals spülten mehrere Kapitalerhöhungen kurz hintereinander rund 140 Millionen Euro in die Vereinskasse. Mit einem Teil des Geldes hat Finanzchef Treß alle Finanzschulden abgelöst, die Borussia Dortmund noch hatte.

Doch leider lagen die fast komplett und langfristig gebunden auf dem Stadion. Entsprechend teuer ist der Abschied von der Schuldenära für die Borussia ausgefallen: 5,5 Millionen Euro an Sonderaufwendungen und Vorfälligkeitsentschädigungen musste der BVB laut Treß auf den Tisch legen, um die Restschulden von 41 Millionen Euro loszuwerden. Wenn man einen Zinssatz von 3 bis 4 Prozent annimmt, den die Stadionschulden gehabt haben dürften, wird es ungefähr vier Jahre dauern, bis sich diese Ausgaben amortisieren.

Die Entschuldung war jedoch die Voraussetzung für Watzkes Finanzpressing. Denn erst dadurch kann er jetzt tatsächlich ankündigen, dass der BVB – ohne an seiner Substanz zu zehren – das gesamte Ebitda, das er erwirtschaftet, nach Abzug von ein paar Millionen Euro Steuern komplett in die Mannschaft pumpen kann. In Zukunft könnten das sogar mehr als die 50 Millionen Euro werden, die der BVB in der abgelaufenen Saison verdient hat, denn schon der Verkauf eines einzelnen Stammspielers dürfte reichen, um die Transfererlöse weit über jenes Niveau hinauszutreiben, das die Borussia in den vergangenen beiden Spielzeiten erreicht hat.

Borussia vs. Volksbank Dortmund

Watzke lässt wenig Zweifel an seiner Entschlossenheit, das tatsächlich zu tun. In seiner unnachahmlichen Art hat er seinen Finanzplan so formuliert: „Wir haben jetzt 53 Millionen Euro Cash in der Kasse. Wir haben nicht vor, das auf 100 Millionen Euro auszubauen, um dann mit der Volksbank Dortmund darum zu konkurrieren, wer in Dortmund die höchsten Einlagen hat.”

Damit ist klar: Die Borussia wird ihr Kaderbudget also weiter erhöhen. Wie das dann aber mit dem Hochziehen der „Riesentalente aus unserer U19“ in die erste Mannschaft zusammenpassen soll, das Watzke gleich mehrfach ankündigte, erschließt sich nicht so schnell wie die Finanzstrategie. Dort müssen sich schon absolute Ausnahmetalente vom Format eines Götze tummeln, damit für sie noch Platz ist in Watzkes Matchplan. Denn der zielt definitiv eher in Richtung München als auf Jugendarbeit und Fußballromantik. Mit dem BVB werden die Bayern in den nächsten Jahren rechnen müssen.

michael.hedtstueck[at]finance-magazin.de

Schuldenberg bei Schalke 04, Hoffnungszeichen beim HSV, wackelige Finanzen beim VfB Stuttgart: Mehr Beiträge aus dem FINANCE-Blog „3. Halbzeit“ finden Sie hier. Folgen Sie 3. Halbzeit auch auf Facebook und diskutieren Sie mit.