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Fußball-Finanzen: Warum Werder Bremen abstürzt

Blues am Weserstadion: Werder Bremen tritt den Gang in die Zweite Liga mit schwer angeschlagenen Finanzen an.
pixelschoen/stock.adobe.com

Ist das noch Finanzstrategie oder schon Verzweiflung? Nach zwei sportlich desaströsen Spielzeiten mit vielen Niederlagen, dem bitteren Abstieg und großen finanziellen Verlusten soll nun ausgerechnet der Kapitalmarkt Werder Bremen retten. Der Fußball-Bundesligaklub bietet gerade eine Mittelstandsanleihe zur Zeichnung an. 20 bis 30 Millionen Euro will CFO Klaus Filbry damit einnehmen, gut 10 Millionen sind angeblich schon von „Friends & Family“-Investoren zugesagt worden.

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass derzeit noch ein zweiter Bundesligaklub am Mini-Bond-Markt um frisches Geld bittet: Schalke 04. Der Anleihemarkt entwickelt sich für die beiden wirtschaftlich angeschlagensten Bundesligaklubs offenbar zum „Lender of last resort“. Am Markt für Mittelstandsanleihen gibt es aber nicht nur Fußball-Unternehmen, auf die dieses Merkmal zutrifft.

Tiefe Einblicke im Anleiheprospekt

Der Grund, warum Werder auf eine Anleihe setzt, ist simpel: Neuen Eigenkapitalinvestoren gegenüber will sich der Klub nicht öffnen, und die Banken wollen offenbar keine weiteren Kredite mehr zur Verfügung stellen. Schon für den jüngsten Kredit über 20 Millionen Euro musste Werder eine Landesbürgschaft an Land ziehen, um noch Geldgeber zu finden. Weitere Unterstützung für Werder durch den selbst finanziell nicht auf Rosen gebetteten Stadtstaat dürfte allein schon beihilferechtlich schwierig sein.

Der Preis für den nun gewählten Gang an den Kapitalmarkt ist Transparenz: Für die Zulassung der Anleihe musste Werder ein über 200-seitiges Wertpapierprospekt veröffentlichen. Es ist voll von interessanten Einblicken in die Finanzlage des Vereins und zeigt, in welchem Ausmaß ausgerechnet die Profis den Traditionsverein finanziell in die Tiefe ziehen.

Werders Personalkostenquote explodiert

Das begann schon vor einem Jahr. In der abgelaufenen Saison 2019/20 – im letzten Drittel von Geisterspielen und Corona geprägt – rauschte Werders Umsatz von 154 auf 120 Millionen Euro ab. Doch die Personalkosten erwiesen sich als klebrig: Sie sanken lediglich von 71,9 auf 70,6 Millionen Euro, ein Minus von nicht einmal 2 Prozent.

Während es vielen anderen Profiklubs gelang, zumindest in der neuen Saison zweistellige Prozentwerte aus den Personalkosten herauszuschneiden – zum Beispiel durch verkleinerte Kader und einen Gehaltsverzicht der Profis –, ist bei Werder davon nichts zu sehen.

Im ersten Halbjahr des Geschäftsjahres 2020/21, also von Anfang Juli bis Ende Dezember 2020, brach der Umsatz gegenüber dem Vorjahr sogar um ein Drittel von 65 auf 43 Millionen Euro ein. Die Personalkosten jedoch blieben gegenüber dem Vorjahreszeitraum praktisch unverändert bei rund 33 Millionen Euro. Damit lag die Personalkostenquote in der ersten Saisonhälfte bei 75 Prozent vom Umsatz – ein Wahnsinnswert, wie ihn selbst die größten Fußball-Finanz-Hasardeure aus Italien, Spanien und der Türkei kaum erreichen. 

Früher war Werder Bremen einmal solide

Dabei galt Werder einst als solide wirtschaftender Verein. Noch 2018/19 lag die Personalkostenquote bei bundesligaüblichen, vergleichsweise vernünftigen 47 Prozent. Aber schon 2019/20 stieg sie auf 59 Prozent an.

Diese unschöne, potentiell existenzgefährdende Tendenz in der vorletzten Spielzeit umschreibt Werder im Anleiheprospekt mit recht nüchternen Worten: „Deutlich geringere Prämien, insbesondere in Folge der sportlich unbefriedigenden Saison, wurden weitgehend durch höhere Grundgehälter kompensiert“, heißt es dort zur Kostenentwicklung in der Saison 2019/20.

Für das noch schlimmer aussehende erste Halbjahr 2020/21 ist die Rede von einem „überwiegend fixen Personalaufwand“. Das ist nicht hilfreich bei einem Umsatzeinbruch von mehr als 30 Prozent.

Werders Eigenkapital verbrennt

Anhand von Werder Bremens Bilanzen kann man beobachten, wie schnell es bei einem Fußballklub abwärts gehen kann, wenn die Kaderkosten nicht mehr im Verhältnis zur sportlichen Leistung stehen: Viele Jahre hat Werder-Finanzchef Klaus Filbry gebraucht, um die vorherige Krisenphase finanziell aufzuarbeiten. In jeder Saison zwischen 2015 und 2019 erwirtschaftete Werder kleine Überschüsse, jedes Jahr wuchs das Eigenkapital um ein paar Millionen Euro.

Im Juni 2019 kletterte es dann sogar über die 10-Millionen-Euro-Marke. Für ein Unternehmen, das wie Werder damals 150 Millionen Umsatz drehte, ist das eigentlich nicht viel. Aber im Profifußball, wo die offiziellen Bilanzen den wahren Wert der Spielerkader so gut wie immer deutlich zu niedrig taxieren, gilt positives Eigenkapital als ein Ausweis soliden Wirtschaftens.

Werder steht finanziell mit dem Rücken zur Wand – Ende Juni laufen auch noch Kredite über 10,4 Millionen Euro aus.

Dann kam 2019/20 die Wende zum Schlechten: Zuerst platzten die Europapokal-Ambitionen, dann kam Corona, und am Ende der Saison war aus dem positiven Eigenkapital eine Bilanzunterdeckung von über 13 Millionen Euro geworden. In nur einer Spielzeit verbrannten nahezu 25 Millionen Euro Eigenkapital. In den darauffolgenden sechs Monaten wuchs das negative Eigenkapital um weitere 17 Millionen auf 30,6 Millionen Euro zum Jahresende 2020 an.

Jetzt steht Werder finanziell mit dem Rücken zur Wand, und Ende Juni laufen auch noch Kreditlinien im Umfang von 10,4 Millionen Euro aus. Finden sich nicht genügend Zeichner für die Anleihe, droht dem Traditionsklub Schlimmes: ein Punktabzug, ein Entzug der Lizenz, vielleicht sogar das Ende. Das sportliche Debakel vom Samstag verleiht nicht gerade Rückenwind für die aktuellen Arbeiten an der Notfinanzierung.

Welche Auflagen macht die DFL?

Dabei stützt sich der Rettungsplan, den die Werder-Führung im Anleiheprospekt aufzeigt, schon auf verwegene Annahmen. Dazu zählten unter anderem der Klassenerhalt, die erfolgreiche Platzierung der Anleihe und ein Transferüberschuss in Höhe von 9,4 Millionen Euro bis Ende Juni. Die erste Prämisse ist bereits verfehlt.

Immerhin muss Werder wegen des Abstiegs nun nicht mehr 11 Millionen Euro Ablöse für den ausgeliehenen Stürmer Davie Selke an Hertha BSC überweisen – bei einem Klassenerhalt wäre die Ablöse fällig gewesen und hätte das Finanzloch noch vergrößert. Damit muss Werder netto „nur noch“ für gut 10 Millionen Euro Spieler verkaufen, um seine selbstgesteckten Ziele zu erreichen, und nicht für über 20 Millionen Euro wie im Fall einer Verpflichtung Selkes.

Denkbar ist jedoch, dass die DFL als Auflage für die Erteilung einer Lizenz deutlich größere Transferüberschüsse verlangt, als der Klub selbst für unabdingbar hält. Kleiner Hoffnungsschimmer: Von der 11 Millionen-Euro-Ablöse für den im Herbst nach Holland verkauften Davy Klaassen hat Werder mehr als die Hälfte noch nicht kassiert.

Wie will Werder Transferüberschüsse erzielen?

Dennoch ist der Weg zu den geforderten Transferüberschüssen weit. Zwar soll der Kader laut Schätzungen des Online-Portals Transfermarkt.de etwa 100 Millionen Euro wert sein, und in der Bilanz stehen die Spielerwerte nur mit 26,4 Millionen Euro. Theoretisch wäre die Differenz also groß genug, um die Löcher sowohl bei der Liquidität als auch beim Eigenkapital zu stopfen.

Aber mit welcher Mannschaft könnte Werder noch auflaufen, wenn es diese stillen Reserven über Spielerverkäufe konsequent aufdecken würde? Und ließen sich für die Werder-Profis tatsächlich 100 Millionen Euro erlösen, oder existiert dieser Wert nur auf dem Papier? Immerhin: Teuer genug ist der Kader. Der eine oder andere Käufer könnte daraus schließen, dass dort noch Qualität verborgen ist, Abstieg hin oder her. Für den finanziellen Überlebenskampf von Werder Bremen sind das alles in allem aber sehr viele „Ifs and Whens“.
  
michael.hedtstueck[at]finance-magazin.de

Info

Mehr Fußball-Finanz-Analysen gibt es in unserem Blog „Dritte Halbzeit“.

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Michael Hedtstück ist Chefredakteur von FINANCE-Online und FINANCE-TV und verantwortet die Online-Aktivitäten des FINANCE-Magazins. Er ist zweifacher Träger des Deutschen Journalistenpreises.