Der HSV sammelt bei seinen Anhängern derzeit über eine Anleihe Geld ein. Kann der Klub die vollen 17,5 Millionen Euro platzieren?

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19.02.19

HSV-Finanzen: Viele Deals, wenig Besserung

Der Hamburger SV hat fast alle Finanzierungsquellen ausgeschöpft. Jetzt besorgt sich der Klub frisches Geld bei seinen Fans. Im Hintergrund arbeitet der HSV aber offenbar auch mit Klaus-Michael Kühne an einem neuen Millionen-Deal.

Am gestrigen Montag hat sich der Hamburger SV Fans und Investoren geöffnet: Interessenten können seitdem die Neuauflage der Fan-Anleihe des Fußballzweitligisten zeichnen. Die Geldgeber der Vorgängeranleihe aus dem Jahr 2012 hatten bereits die vorangegangenen Tage die Chance, ihre alten Papiere in neue umzutauschen. Bislang wurden 7,4 Millionen Euro der Anleihe gezeichnet, wie der HSV am gestrigen Montag mitgeteilt hat.

Das Manöver gewährt einen einzigartigen Einblick in die aktuelle Finanzlage des angeschlagenen Fußballklubs. Im Anleiheprospekt legt der HSV – anders als in den recht schlanken Jahresfinanzberichten – schonungslos offen, wie angespannt die Kassenlage bei den Elbstädtern ist.

So schlüsseln die Hamburger beispielsweise auf, wie stark sie von welchen Geldgebern abhängig sind.

Schuldschein belastet den HSV finanziell

Der Befund, den die Lektüre des Anleiheprospekts liefert, ist besorgniserregend. Da ist zum einen der immense Schuldenberg: Auf 85 Millionen Euro türmen sich die Verbindlichkeiten bei einem Umsatz von 133 Millionen Euro. Und nach Ablauf dieser Saison wird sich dieses Bild noch weiter verfinstern, wenn der Umsatz wegen des Bundesligaabstiegs einbricht und der angekündigte Jahresverlust von 20 Millionen Euro den Schuldenstand wohl noch weiter ansteigen lassen wird.

Ein nennenswerter Teil der Verbindlichkeiten liegt inzwischen in einem Schuldschein, über den der HSV im Jahr 2016 40 Millionen Euro eingesammelt hat. Der Schuldschein belastet den Verein vor allem deshalb, weil der HSV dieses Darlehen – zusätzlich zu den Zinsen von 5 Prozent – jährlich um 10 Prozent tilgen muss, wie der Klub im Anleiheprospekt offenlegt. Und das nicht nur kurzfristig, denn bislang hat HSV-Finanzchef Frank Wettstein erst 7,4 Millionen Euro zurückgezahlt, weniger als ein Fünftel des ursprünglichen Volumens.

FINANCE-Köpfe

Frank Wettstein, HSV Fußball AG

Im Jahr 2000 beginnt Frank Wettstein seinen beruflichen Werdegang bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Baker Tilly Roelfs in Düsseldorf als Assistent in der Wirtschaftsprüfung und Restrukturierung. Dort legt er seine Examina als Steuerberater und Wirtschaftsprüfer ab und steigt in der Folgezeit bis zum Partner auf.

Im September 2012 macht er sich mit einem Team von Wirtschaftsprüfern und Beratern selbständig und gründet die Wettstein Schmidt Wirtschaftsprüfungsgesellschaft in Aachen. In dieser Zeit ist Frank Wettstein parallel auch Partner der Berliner Unternehmensberatung CIC Consultingpartner.

Wettstein betreut überwiegend Restrukturierungsfälle in den Bereichen Immobilien und Automotive, fungiert aber auch als Abschlussprüfer börsennotierter Gesellschaften. Während seiner Zeit als Wirtschaftsprüfer berät Wettstein unter anderem die Fußballklubs Borussia Dortmund, Alemannia Aachen und 1860 München und erwirbt sich so einen Ruf als Finanzfachmann im deutschen Profifußball.

Im November 2014 wird Frank Wettstein schließlich zum Finanzchef der HSV Fußball AG berufen, in die der Hamburger SV wenige Monate zuvor seine Lizenzspielerabteilung ausgegliedert hatte. Als im März 2018 HSV-Vorstandschef Heribert Bruchhagen entlassen wird, wird Wettstein vorübergehend zum alleinigen Vorstand berufen.

zum Profil

Als Sicherheit für den Schuldschein dient eine Grundschuld auf das Volksparkstadion. Dies erschwert Wettstein nun die angestrebte Refinanzierung der Anleihe: Weil das Gros der werthaltigen Assets schon als Sicherheit für andere Finanzierungen wie den Schuldschein herangezogen wurde, begibt der HSV das neue Papier unbesichert. Für die zeichnungswilligen Fans ist das gefährlich: Im Insolvenzfall könnten „keine oder nahezu keine Mittel zur Verteilung an die Anleihegläubiger zur Verfügung stehen“, warnt der HSV im Prospekt.

Die Verzinsung von 6 Prozent ist vor diesem Hintergrund niedrig angesetzt, wie der Verein selbst einräumt. Diese liege „im Vergleich zu Emittenten anderer Branchen mit ähnlicher Bonität unter Marktniveau“. Im Klartext: Für professionelle Investoren ist die HSV-Anleihe unattraktiv.

Will Kühne auf 50 Millionen Euro verzichten?

Damit scheint auf den ersten Blick klar zu sein: Der HSV ist auf die Unterstützung seiner Fans angewiesen. Doch plötzlich gibt es Signale, dass Gönner Klaus-Michael Kühne dem HSV ein weiteres Mal den Rettungsring zuwerfen könnte. Kühne, der mittlerweile 20,6 Prozent der HSV-Anteile hält, Spieler vorfinanziert hat und seit 2015 4 Millionen Euro pro Jahr für die Namensrechte am HSV-Stadion überweist, steht laut der „Bild“-Zeitung vor einem Millionen-Deal mit dem HSV.

Demnach zeichnet sich ab, dass Kühne den auslaufenden Vertrag als Inhaber der Namensrechte am Volksparkstadion um zwei Jahre bis 2021 verlängern will. Dafür soll er die jährliche Zahlung für die Stadionrechte weiterführen – allerdings zu geringeren Bezügen, wie das „Hamburger Abendblatt“ schreibt.

Zudem will Kühne laut „Bild“ auf einen Teil seiner Eventualforderungen verzichten. Bei sportlichem Erfolg müsste der HSV dem Unternehmer durch gewährte Besserungsscheine im Extremfall bis zu 50 Millionen Euro zurückzahlen. Stimmen die Informationen der „Bild“, wäre Kühne bereit, den HSV für eine Zahlung „im mittleren einstelligen Millionenbereich“ aus der Vereinbarung zu entlassen.

Kühne will angeblich auf einen Teil seiner Forderungen verzichten.

Kühne hat den kolportierten Millionen-Deal schnell dementiert, allerdings sollen die Verhandlungen trotzdem weit fortgeschritten sein, wie das „Abendblatt“ berichtet. Diese seien lediglich noch nicht abgeschlossen. Bereits im Geschäftsjahr 2017/18 hat der Unternehmer auf 26,8 Millionen Euro seiner Forderungen verzichtet.

Die hohen Eventualverbindlichkeiten, die zu den offiziell bilanzierten in Höhe von 85 Millionen Euro sogar noch hinzu kommen, sind bisher eine große Gefahr in der Bilanz des HSV. Käme es zu einer Übereinkunft mit Kühne, bliebe als Eventualverbindlichkeit im Wesentlichen nur noch ein Besserungsschein über 3,3 Millionen Euro, den der HSV dem Sportrechtevermarkter Lagardère gewährt hat. Eine Einigung wäre also ein echter Befreiungsschlag.

HSV hat finanzielles Pulver fast verschossen

Trotz des potentiellen Deals ist es aber immer noch eine schwierige Gemengelage, die für die Anleiheemission den Rahmen bildet: Die Verbindlichkeiten sind hoch, der Vertrag mit Hauptsponsor Emirates läuft aus, ein launischer Milliardär im Hintergrund – und wichtige Einnahmen hat der HSV schon vorab verfrühstückt. So hat Lagardère dem HSV schon im vergangenen Frühjahr für die Verlängerung des Vermarktungsvertrags eine Vorabzahlung von 20 Millionen Euro gewährt. Dies reduziert auf Jahre hinaus die laufenden Einnahmen, während die regelmäßige Tilgung des Schuldscheins den Cashflow belastet.

In dieser Situation wäre eine Stärkung der Eigenkapitalbasis eigentlich angebracht, aber hier hat der HSV sein Pulver schon nahezu komplett verschossen. Die Elbstädter haben bereits 23,8 Prozent ihrer Anteile an der HSV Fußball AG – der ausgelagerten Profiabteilung – abgegeben. Nur etwas mehr als 1 Prozent darf der Klub noch veräußern, denn 75,1 Prozent müssen stets beim „eingetragenen Verein“ (e. V.) bleiben, also den Mitgliedern. Die HSV-Mitglieder haben vor einigen Wochen verdeutlicht, dass sie von der Dreiviertelmehrheit auf gar keinen Fall abrücken möchten.

„Wir bewegen uns im vom Gesellschafter vorgegebenen Rahmen.“

Frank Wettstein, CFO, Hamburger SV

Das nimmt Finanzchef Wettstein Spielraum: Momentan erlaubt eine Passage in der AG-Satzung noch, dass der Anteil der e. V. auf 66,6 Prozent sinken könnte. So könnte ein Investor eine Sperrminorität erlangen. Der Passus soll jetzt so schnell wie möglich angepasst werden. „Wir bewegen uns in dem Rahmen, der uns von den Gesellschaftern vorgegeben wird“, sagt CFO Wettstein. „Und die Mitgliederversammlung hat beschlossen, dass der Anteil des HSV e.V. bei mindestens 75 Prozent zuzüglich einer Aktie liegen soll“.

Über den Verkauf der noch verbliebenen Anteile könnte Wettstein nur noch einen geringfügigen einstelligen Millionenbetrag aufnehmen. Danach wäre auch diese Patrone verschossen und der Effekt der Ausgliederung des Profi-Bereichs, die sich der HSV vor fünf Jahren gegen Teile seiner Anhänger hart erkämpfen musste, endgültig verpufft.

Das letzte noch verbliebene Kronjuwel – neben den fragilen Spielerwerten – ist das Volksparkstadion: Dieses könnte der HSV noch verkaufen und sich danach einmieten. In Finanzkreisen sind solche Transaktionen als „Sale-and-Leaseback“ bekannt. Über ein solches Manöver könnte der Verein die klammen Kassen einmalig signifikant auffüllen, wurde in Hamburger Medien zuletzt spekuliert. Gelingt die im Raum stehende Kühne-Vereinbarung, dürften sich solche Gedankenspiele, sofern sie beim HSV überhaupt eine Rolle gespielt haben, aber erledigt haben.

Neue Anleihe hat enorme Bedeutung für den HSV

Die Aufnahme von noch mehr Fremdkapital ist wegen des Mangels an Sicherheiten derweil schwierig. Theoretisch kämen noch unkonventionelle Kreditgeber in Frage, die bereit sind, ohne Sicherheiten zu finanzieren, wenn sie im Gegenzug an einem möglichen Turnaround finanziell beteiligt würden. Doch dies ist eine äußerst vage Option, die den HSV auch noch genau zurück in die Situation führen würde, die der Klub gerade mit Kühne zu bereinigen versucht – dass selbst ein sportlicher Turnaround die Finanzlage nicht wirklich entspannen würde, weil dann neue Rückzahlungen auf den Traditionsklub zukämen.

Wie sich die Fans vor diesem tristen Hintergrund zur neuen Anleihe positionieren, wird spannend zu beobachten sein. Die Bedeutung einer erfolgreichen Anleiheemission für die Zukunft des Klubs ist jedenfalls kaum zu unterschätzen.

Also muss der Klub seine Anhänger jetzt überzeugen, die neue Anleihe zu zeichnen. Ein Problem: Die Nachfrage der Fans nach dem neuen HSV-Wertpapier könnte sich als enttäuschend erweisen, da der Deal nur eine schnöde Refinanzierung ist: Neue Schulden rein, damit alte beglichen werden können.

Dies entfaltet für gewöhnlich wenig Begeisterung bei den Anhängern – anders als 2012, als der HSV die Vorläuferanleihe bei seinen Fans damit bewarb, von dem Geld ein neues Nachwuchszentrum zu bauen. Ein Zweck, der zwar nicht erfüllt wurde, vielen Fans damals aber deutlich näher stand als die nun geplante Ablösung von Verbindlichkeiten. Dass der HSV über den Nachfolge-Bond nun bereits über 7 Millionen Euro platziert hat, kann daher durchaus als Zwischenerfolg verbucht werden.

Eine schnöde Refinanzierung könnte für wenig Begeisterung sorgen.

Egal ob erfolgreiche Anleiheplatzierung oder nicht: Finanzchef Wettstein gibt sich zuversichtlich, dass der HSV im März die Lizenz der Deutschen Fußball-Liga (DFL) auch dann erhielte, wenn die neue Anleihe nicht die vollen 17,5 Millionen Euro einbrächte: „Wir werden, wie auch in der Vergangenheit, die erforderlichen Maßnahmen zur Erteilung der Lizenz umsetzen“, sagt er. Eins ist klar: Das letzte, was dem HSV ausgeht, ist die Kreativität in Finanzierungsfragen.

jakob.eich[at]finance-magazin.de

Seit Jahren befindet sich der Traditionsklub von der Elbe in der Finanzmisere. Die ganze Geschichte können Sie auf der FINANCE-Themenseite Hamburger SV nachlesen. Weitere Insider-Stories zu den Finanzen der Bundesligisten finden in unserem Fußball-Finanz-Blog 3. Halbzeit.