Nur der HSV: Gönner Klaus-Michael Kühne hat dem Hamburger SV mehr Finanzspritzen gegeben als jeder andere. Jetzt beginnt der Klub langsam damit, sich von dieser Abhängigkeit zu lösen.

Christian Carisius / picture alliance / dpa

20.09.16
Blogs

HSV löst sich aus Kühnes Umklammerung

Der erfolgreich platzierte Schuldschein über 40 Millionen Euro verschafft dem HSV eine finanzielle Atempause. Vor allem aber verteilen sich die Risiken des Fußballklubs neu.

Sportlich hat die neue Saison schlecht begonnen, aber dafür meldet der Hamburger SV Fortschritte bei seiner wirtschaftlichen Sanierung: Zum ersten Mal seit Jahren steht der HSV finanziell wieder auf stabilen Füßen. Der Schuldschein über 40 Millionen Euro, den Finanzchef Frank Wettstein vor wenigen Tagen bei Profi-Investoren platziert hat, sorgt dafür, dass ein Großteil der Finanzschulden jetzt erst im Jahr 2026 fällig wird.

Dass der HSV trotz seiner problematischen Historie in Finanzfragen für den Kredit nur 5 Prozent Zinsen bezahlen muss, ist ein weiteres Zeichen dafür, wie sehr die Nullzinspolitik der Zentralbanken die Investoren in Risiken lockt, die sie kaum überschauen können. Doch das ist nicht das Problem des HSV – im Gegenteil.

HSV kann Schlussstrich unter die Stadionfrage ziehen

Denn mit den frischen Geldern kann der Klub jetzt endgültig einen Schlussstrich unter die Stadionfrage ziehen. An der Restschuld von 25 Millionen Euro aus der Stadionfinanzierung laboriert der notorisch klamme Fußballklub schon seit Jahren. Ex-Präsident Karl Jarchow verschob die endgültige Rückzahlung des Stadiondarlehens bereits vor Jahren von 2017 auf 2019, und Anfang Januar beklagte sich der neue Finanzchef Wettstein im Interview mit FINANCE, dass auch dieser Rückzahlungstermin für den HSV extrem unglücklich sei. In diesem Frühjahr sprang HSV-Investor Klaus-Michael Kühne mal wieder mit einer Brückenfinanzierung ein, damit die Vereinsführung die zur Verfügung stehenden Gelder für den Umbau des Spielerkaders verwenden konnte, anstatt sie zur Befriedigung der Stadiongläubiger einsetzen zu müssen.

Jetzt kann der Hamburger SV über die neue Finanzierung Kühnes Zwischendarlehen und damit den Stadionkredit endgültig tilgen. Die Arena dient als Sicherheit für den neuen Schuldschein. Dies erklärt auch, warum der HSV mit einem Zinssatz von 5 Prozent davon gekommen ist – ein smarter Deal. Finanzchef Frank Wettstein hat die Zeit, die ihm Kühne gekauft hat, offenbar gut genutzt. Theoretisch müsste mit dem neuen Geld auch die Rückzahlung der Fananleihe über 17,5 Millionen Euro gesichert sein, die 2019 fällig wird. Doch drei Jahre in die Zukunft zu schauen war beim HSV noch nie sinnvoll.

Sie interessieren sich für das Thema „Hamburger SV“? Dann lesen Sie auch das FINANCE-Interview „Bald ist der HSV über den Berg“ für nur 1,99 € (zzgl. MwSt.).

Bald ist der HSV über den Berg – Finanzchef Frank Wettstein hält den Hamburger SV für einen Sanierungsfall. Um die Finanzen zu stabilisieren, braucht er mehr als nur frisches Eigenkapital...

 

Jetzt kaufen und weiterlesen

Kühne ist immer noch der mit Abstand wichtigste Geldgeber

Aber auch schon im Hier und Jetzt hat die Umschuldung großen strategischen Wert – mit ihr reduziert der HSV seine Abhängigkeit von den Finanzspritzen des ewigen Gönners Kühne. Dieser war auch unter der Ägide der beiden neuen Manager Dietmar Beiersdorfer und Frank Wettstein bislang so gut wie immer die Lösung für Finanzierungsprobleme: Ein Liquiditätsengpass unter der Saison? Kühne half aus. Externe Investoren sollen über den Kauf von Anteilen das Eigenkapital stärken? Kühne wandelt seine Darlehen. Der Klub hat kein Geld für Transfers? Kühne schon. Die Arena soll wieder Volksparkstadion heißen, der Klub kann aber nicht auf die Einnahmen aus der Vermarktung der Namensrechte verzichten? Kühne zahlt auch so.

Dank des neuen Schuldscheins fächern sich die Finanzierungssäulen, auf die sich der HSV stützen kann, jetzt etwas stärker auf: Da sind die neuen Profi-Investoren, die den Schuldschein gezeichnet haben, die Fans mit ihrer Fananleihe, die kleineren Mitgesellschafter, die Klubanteile erworben haben, und eben Kühne. Allerdings hat Kühne allein immer noch mehr Geld im Klub stehen als die drei anderen Investorengruppen zusammen.

Zum einen kontrolliert der Unternehmer 11 Prozent der Anteile, ihr Wert liegt bei rund 30 Millionen Euro. Hinzu kommen noch Kühnes Zuschüsse zu den aktuellen Transfers, die sich allein in diesem Sommer auf rund 20 bis 25 Millionen Euro belaufen haben sollen – weitere Investments stehen in Aussicht. Schulden im engeren Sinne sind die Transferbeteiligungen zwar nicht, da der HSV eigenen Angaben zufolge Kühnes Zuschüsse nur dann zurückzahlen muss, wenn der Klub den Europacup erreicht. Aber trotzdem ist unstrittig, dass der HSV den Neuaufbau seiner Mannschaft de facto wieder auf Pump finanziert.

Kühne wird bald 80

So nötig diese Finanzgeschäfte sein mögen, um den HSV finanziell wieder in ruhiges Fahrwasser zu bekommen und die Mannschaft neu aufzustellen – sie bergen auch ein Risiko, das sensibel ist und vielleicht auch deshalb kaum thematisiert wird: Der HSV hat sich in den vergangenen Jahren finanziell von einer Gruppe älterer Herren abhängig gemacht.

Beispiel Kühne: Der Selfmademan wird im kommenden Jahr 80 Jahre alt. Wie viel seine Erben beziehungsweise die Verwalter seiner Stiftung eines Tages von seinen Investments in den HSV weiterführen werden, kann man nur vermuten. Mit seinen Anteilskäufen, Transferzuschüssen und Stadionsponsorings hat Kühne den HSV in dessen schwersten Momenten über Wasser gehalten. Doch um Turbulenzen vorzubeugen, wenn irgendwann einmal Kühnes Ausleihungen zurückgefordert werden sollten, müsste Wettstein noch eine weitere Umschuldung in der jetzt erzielten Größenordnung vornehmen. Ein solches vorsorgliches Finanzpolster aufzubauen, ist ob des völlig unklaren Zeithorizonts, wann es benötigt wird, aber praktisch unmöglich – eine knifflige Aufgabe für den Finanzchef. 

HSV-Investoren Margaritoff und Burmeister gestorben

Dass dies kein theoretisches Risiko ist, zeigen zwei tragische Ereignisse, die sich jüngst im Aktionärskreis der HSV Fußball AG ereignet haben: Im Mai erlag der langjährige Hawesko-Chef Alexander Margaritoff einem Krebsleiden, vorige Woche wurde der Unternehmer Ernst Burmeister bei einem Raubüberfall in seinem Haus erschlagen. Beide waren zwar deutlich weniger stark investiert als Kühne, hielten aber ebenfalls jeder rund 1 Prozent der HSV-Anteile. Mit Blick auf sein Investorenmodell muss der HSV aufpassen, dass er in wichtigen Finanzierungs- und Strategiefragen mittelfristig nicht plötzlich einer heterogenen Gruppe von Erben aus dem Umfeld der bisherigen Anteilseigner gegenübersteht, die womöglich völlig unterschiedliche Interessen verfolgen.

Bei einer breit gestreuten Gruppe von Banken, Versicherungen und Pensionsfonds sind die Finanzschulden auf lange Sicht besser aufgehoben. Insofern kann man die Bedeutung der jüngsten Schuldscheintransaktion gar nicht hoch genug einschätzen. Sie bringt den HSV einen Schritt weiter in Richtung nachhaltiger Finanzen.  

michael.hedtstueck[at]finance-magazin.de

Rekordgewinne bei Gladbach, Börsenprobleme beim BVB, ausgefallene Finanzierungsmodelle beim FC St. Pauli: Mehr Fußballfinanzanalysen finden Sie im FINANCE-Blog 3. Halbzeit. Außerdem: Folgen Sie der 3. Halbzeit auch auf Facebook und diskutieren Sie mit.

Wer ist der Mann, der um die Sanierung der HSV-Finanzen kämpft? Erfahren Sie mehr im FINANCE-Köpfe-Profil von HSV-Finanzchef Frank Wettstein.