Beginnt, bei seinem neuen Arbeitgeber erste Spuren zu hinterlassen: ProSiebenSat.1-CFO Jan Kemper.

ProSiebenSat.1

05.03.18
CFO

CFO des Monats: Jan Kemper

Während sich sein CEO ins Aus redete, fädelte Jan Kemper einen strategisch stark unterschätzten M&A-Deal für ProSiebenSat.1 ein. Der junge CFO beginnt damit, den Dax-Konzern zu prägen.

Für den erst im Juni 2017 als CFO bei ProSiebenSat.1 gestarteten Jan Kemper brachte der Jahreswechsel reellen und vermutlich auch emotionalen Stress. Wesentlich schneller als ursprünglich geplant zurrte Kemper den Einstieg des Finanzinvestors General Atlantic bei der ProSieben-Tochter mit dem taufrischen Namen Nucom ein, unter deren Dach der Dax-Konzern seine E-Commerce-Beteiligungen bündelt.

Auffallend ist der Kontrast zu seinem scheidenden Chef: Während Kemper im Hintergrund diese wichtige Weiche stellte, redete sich sein CEO Thomas Ebeling in einer Telefonkonferenz mit Blick auf die Zuschauer der Sendergruppe um Kopf und Kragen („Fettleibige Menschen, die gerne auf dem Sofa sitzen“). Der Aufsichtsrat drängte Ebeling zum vorzeitigen Rückzug, Ebelings Vortrag bei der Bilanzpressekonferenz vergangene Woche war sein letzter Auftritt als Konzernchef. Im Sommer übernimmt der frühere Dyson-Chef Max Conze den Chefposten in Unterföhring. Richtig Ruhe wird wohl erst im Sommer wieder einkehren, wenn Conze seinen neuen Job angetreten hat.

Trotz Führungswechsel stemmt Kemper Nucom-Deal

Dass der Medienkonzern diesen Sturm gut überstanden und auch am Kapitalmarkt wieder Vertrauen gewonnen hat, liegt auch an dem neuen, immer noch jungen CFO. 38 wird Kemper in diesem Jahr, aber in seiner Vita stehen schon einige Highlights: ein Studium an der Kaderschmiede WHU in Vallendar, Stationen bei den Top-Investmentbanken Credit Suisse und Morgan Stanley sowie der Aufbau der Finanzabteilung von Zalando, wo Kemper aus einem 15-köpfigen Team eine 400 Mitarbeiter starke Stabsstelle machte, inklusive erfolgreichem Börsengang. Mit dem General-Atlantic-Nucom-Deal hat Kemper erstmals bewiesen, dass er nicht nur in der Wohlfühlwelt eines erfolgsverwöhnten Start-ups, sondern auch bei einem stark beachteten Dax-Konzern liefern kann.

Die neu formierte Allianz mit dem US-Investor General Atlantic, der als Minderheitsgesellschafter auch schon die Internetgeschäfte des Axel-Springer-Konzerns nach vorne gebracht hatte, hat für ProSiebenSat.1 großes Gewicht. General Atlantic investiert 300 Millionen Euro für 25,1 Prozent und lässt sich auf eine hohe Bewertungsbasis von 1,8 Milliarden Euro für Nucom ein. Das entspricht dem 15-fachen des für dieses Jahr geplanten operativen Gewinns von 120 Millionen Euro.

Kemper: „Jetzt ist ganz Europa im Blick“

Aber Nucom wächst auch dynamisch (um 30 Prozent im abgelaufenen Jahr, davon 13 Prozent organisch) und befindet sich weiter auf dem Vormarsch. Die 300 Millionen Euro von General Atlantic plus 40 Millionen Euro an Eigenmitteln hat der im Konzern auch für M&A zuständige Kemper direkt in die Hand genommen, um in den wichtigsten Nucom-Töchtern die Minderheitsgesellschafter herauszukaufen.

An den Web-Portalen Verivox (Preisvergleiche) und billiger-mietwagen.de hält ProSiebenSat.1 nun 100 Prozent, an der Singlebörse Parship Elite 94 Prozent. Dabei hat Kempers M&A-Team Bewertungsarbitrage betrieben: Das Ebitda-Multiple, dem der General-Atlantic-Einstieg zugrunde liegt (15x Ebitda), ist nach Berechnungen der Berenberg Bank höher als das, was der Konzern den Minderheitsgesellschaftern bezahlen musste: Verivox wurde mit 12x Ebitda bewertet, Parship Elite mit 11x, billiger-mietwagen.de mit 14x. Bei Nucom ist das Ganze also mehr wert als die Summe der Einzelteile – der Ritterschlag für gutes Portfoliomanagement. 

Und das soll erst der Anfang sein: „Ganz Europa stellt nun eine Expansionsmöglichkeit dar“, sagte Kemper mit Blick auf die neuen Möglichkeiten, die er dank des Einstiegs von General Atlantic sieht. Insgesamt könnte der Konzern für Zukäufe 1 Milliarde Euro ins Feld führen, so Kemper.

„Ganz Europa stellt nun eine Expansionsmöglichkeit dar.“

Jan Kemper, CFO ProSiebenSat.1

Nucom ist wichtig für ProSiebens Zukunftsstrategie

Dr. Jan Kemper, ProSiebenSat.1 Media SE

Jan Kemper startet seine Karriere als Investmentbanker bei Credit Suisse und Morgan Stanley. Von Dezember 2010 bis Mai 2017 ist er Senior Vice President Finance beim Online-Versandhändler Zalando. In dieser Funktion verantwortet er den Aufbau und die Leitung der Bereiche Finanzen (Accounting, Competitive Intelligence, Controlling, Corporate Finance, Investor Relations, M&A, Payments, Treasury), Indirekter Einkauf sowie Infrastruktur (Interne IT und Real Estate). Er baut dabei sein Team von 15 auf rund 400 Mitarbeiter aus. Zusätzlich fungiert er unter anderem als Vorsitzender des M&A-Komitees. Im Oktober 2014 begleitet Kemper den 526 Millionen Euro schweren Börsengang des Unternehmens.

Im Juni 2017 übernimmt Jan Kemper die Position des Finanzvorstands bei dem Medienkonzern ProSiebenSat.1. Er folgt bei den Münchenern auf Gunnar Wiedenfels.

zum Profil

Die strategische Bedeutung, die die E-Commerce-Investments für den Dax-Konzern haben, wird oft unterschätzt. Allein schon die Zahlen zeigen das Gewicht von Nucom: Mit einer bereinigten Ebitda-Marge von 22 Prozent sind die dort gebündelten Geschäfte hochprofitabel. Obwohl die starke Skalierbarkeit weitere Margenzuwächse erwarten lässt, steuert Nucom jetzt schon mehr als ein Fünftel zum gesamten Konzernumsatz und -gewinn bei. Dies senkt die Abhängigkeit von dem kaum noch wachsenden Kerngeschäft mit Fernsehwerbung und sorgt bei den Kennzahlen für die nötige Dynamik.

Doch der eigentliche strategische Mehrwert von Nucom ist nicht der Diversifikationseffekt, sondern die Möglichkeiten, die die Sparte dem ProSieben-Konzern im Big-Data-Geschäft eröffnet. Die zahlreichen B2C-Internetportale mit vielen Millionen Kunden generieren eine hohe Anzahl an Datensignalen, vor allem in der begehrten Zielgruppe der 19- bis 49-Jährigen.

Die Erkenntnisse aus der Arbeit mit diesem Datenschatz sind für viele Zukunftsprojekte von ProSiebenSat.1 wichtig, etwa beim Vorstoß in das internetbasierte On-Demand-Fernsehen à la Netflix. Außerdem deuten sich hohe Synergien an, wenn der Konzern die Daten- und Marketingtöpfe seiner E-Commerce-Töchter und des immer noch weit über 2 Milliarden Euro Umsatz erwirtschaftenden TV-Werbegeschäfts stärker gemeinsam nutzen würde.

Ex-CFOs im Aufsichtsrat beweisen Mut

Genau diese Art der Geschäftsentwicklung hat Kemper bei Zalando von der Pike auf gelernt, und dieses Wissen dürfte ihn in den nächsten Jahren bei der Transformation des Medienkonzerns zu einer zentralen Figur machen.

Als sie sich Ende 2016 bei der Suche nach einem neuen CFO mutig für den unerfahrenen Kemper entschieden, haben die Aufsichtsräte des Dax-Konzerns Weitsicht bewiesen. In ihm sitzen zwei Manager, die wissen, welche Bedeutung dem CFO bei Transformationsprojekten zufallen kann: Der langjährige SAP-CFO Werner Brandt und die Ex-Celesio-Finanzchefin Marion Helmes.

michael.hedtstueck[at]finance-magazin.de

Alle bislang ausgezeichneten CFOs finden Sie auf unserer Übersichtsseite CFO des Monats.

Mehr zu Vita und Karriere des jungen ProSiebenSat.1-CFOs finden Sie im FINANCE-Köpfe-Profil von Jan Kemper.