Supply Chains sind durch die Coronakrise extrem gestört. Funktioniert Supply Chain Finance noch?

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03.04.20
CFO

Supply Chain Finance in Zeiten von Corona

Für CFOs heißt es mehr denn je: Cash is King. Liquide Mittel können auch über Supply Chain Finance aus der Lieferkette kommen. Doch da ist zurzeit Vorsicht geboten.

Während der Krise durch das Coronavirus stellen CFOs, die Liquiditätssicherung an oberste Stelle. Viele Unternehmen nutzen Finanzierungsinstrumente entlang der Lieferkette – doch wie funktioniert Supply Chain Finance in einer Zeit, in der die Lieferkette bei vielen Unternehmen zusammenbricht? Für Finanzchefs dürfte es in nächster Zeit zunächst darum gehen, Kunden und Lieferanten nicht zu verlieren, da viele von diesen ebenfalls dringend Cash brauchen.

Gökhan Yüzgülec, Principal bei der Unternehmensberatung Inverto, prognostiziert: „Die Lieferketten strecken sich so lange, bis sie in die Knie gehen.“ Bei den weniger liquiden Lieferanten würden Produktionsausfälle zu mehr Insolvenzen führen. Als besonders gefährdet sieht er die Elektroindustrie, den Maschinenbau und die Chemiebranche an. 

Supply Chain Finance: Konflikt mit Lieferanten lösen

Wichtig sei es, „aus der Krise gemeinsam als Lieferkette herauszukommen“. Dazu gehöre es, Maßnahmen zu ergreifen, mit denen sich alle arrangieren können. Wer zum Beispiel verlängerte Zahlungsziele mit Lieferanten verhandeln möchte, sollte genau abklären, welche Lieferanten es auch aushalten, diese zu gewähren. „Es hilft nicht, wenn nur eine Partei in der Lieferkette gewinnt und die anderen Parteien dadurch in Existenznöte geraten.“ Die Lieferanten dagegen sollten prüfen, welche Kunden sie mit Priorität bedienen sollten, um ihrerseits die Produktionsprozesse ihrer Kunden nicht zu gefährden. 

Außerdem empfiehlt Yüzgülec, bislang gewährte Vorteile in der Supply-Chain-Finanzierung kritisch zu überdenken. „Discounts und Skonti, die vereinbart werden, damit Lieferanten schneller bezahlt werden, sollten erstmal nicht realisiert werden.“ Wo es möglich ist, sollten alle Parteien in Vorkasse treten. Auch sollten die Unternehmen im Blick haben, dass bereits automatisierte Zahlungsabläufe voreingestellt sein können, die zu frühzeitigen Zahlungen führen. Dort sollte die Buchhaltung manuell eingreifen, um vereinbarte Zahlungsfristen möglichst auszunutzen.

Discounts und Skonti, die vereinbart werden, damit Lieferanten schneller bezahlt werden, sollten erstmal nicht realisiert werden.

Gökhan Yüzgülec, Principal bei der Unternehmensberatung Inverto

Reverse Factoring wirkt, aber nicht sofort

In Krisenzeiten rückt immer auch das Finanzierungsinstrument Factoring ins Blickfeld – in der Coronakrise auch besonders das so genannte Reverse Factoring. Hierbei übernimmt zunächst eine Factoring-Gesellschaft (Factor) die Kosten der Waren und Dienstleistungen der Lieferanten (Kreditor), so dass das Unternehmen, der Abnehmer, seine Zahlungsziele verlängern kann und erst später den Factor bezahlt. Der Vorteil: Dadurch, dass die Factoring-Gesellschaft zunächst einmal die Kosten für die Kreditoren übernimmt, spart der Abnehmer, und die Lieferanten kommen trotzdem schnell an ihr Geld. Doch der Experte warnt vor zu großen Erwartungen an dieses Finanzierungsinstrument: „Wenn Reverse Factoring bereits im Einsatz ist, können Kunden und Lieferanten so ihre Liquidität erhöhen. Allerdings ist Reverse Factoring kein kurzfristig einsetzbares Krisenwerkzeug und deswegen nicht der Schlüssel, um in dieser Krise zu überleben, wenn man bisher noch nicht damit arbeitet.“ 

Hinzu kommt: Je nach Größe und Komplexität der Lieferkette braucht es zwischen acht Wochen und vier Monaten, bis Reverse Factoring eingerichtet ist, sagt Yüzgülec. Für Unternehmen, die jetzt schon in akuter Liquiditätsnot stecken, dürfte dies zu lang sein.

Misstrauen in der Lieferkette

Doch trotz der Krise sind immer noch viele Unternehmen liquide. Aber auch sie müssen in ihrer Lieferkette mit einem neu aufgetauchten Problem umgehen – dem Misstrauen. Grund dafür ist die ausfallende Insolvenzantragspflicht. Dies soll Unternehmen schützen, hat aber auch einen gewichtigen Nachteil: „Da nun die Insolvenzantragspflicht ausgesetzt ist, besteht für viele Unternehmen gerade in der aktuellen Situation eine erhöhte Wahrscheinlichkeit, dass pandemiegeschädigte Vertragspartner diese Schwelle schon weit überschritten haben und trotzdem keinen Insolvenzantrag stellen müssen“, warnt Rechtsanwalt Rüdiger Theiselmann, der Mandanten in solchen Fällen berät.

So müssten viele Lieferanten eigentlich auf Vorkasse umstellen, denn: „Wenn nach Lieferung oder Leistung die Zahlung ausbleibt und nach dem 30. September 2020 dann doch Insolvenz angemeldet wird, sehen sich plötzlich Geschäftsführer und Vorstände desjenigen Unternehmens mit persönlichen Haftungsrisiken konfrontiert, das auf dem Schaden sitzenbleibt. Ihnen könnte dann vorgeworfen werden, im Zeichen der Corona-Krise ohne Sicherheiten geliefert oder gezahlt und damit sorgfaltswidrig gehandelt zu haben“, warnt Theiselmann. Dann müsste der Aufsichtsrat Haftungsansprüche prüfen. „Spätestens der Insolvenzverwalter würde es bestimmt tun.“

Partnerschaften in der Supply Chain

Um mit dieser Situation umzugehen, rät Yüzgülec zu einer sehr offenen Kommunikation mit den Geschäftspartnern: „Die Parteien sollten fragen, wer Unterstützung braucht und ob zum Beispiel anderes vorhandenes Material als Ersatz verwendet werden kann.“ Bilden sich gar strategische Partnerschaften, sinke das Risiko für „falsche Spielchen“, wie Yüzgülec sie nennt, erheblich. „Am Ende ist fast jeder in der Lieferkette von jedem abhängig.“

Laut Yüzgülec müssten die Unternehmen als Lehre aus Corona mitnehmen, dass wieder mehr in den Heimatmärkten gesourct werden sollte.

sarah.backhaus[at]finance-magazin.de

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