Smallcap-M&A: Die Besonderheit bei Distressed-Deals

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Im Smallcap-M&A-Sektor werden Distressed-Situationen zum Deal-Treiber. Foto: Dzmitry - stock.adobe.com
Im Smallcap-M&A-Sektor werden Distressed-Situationen zum Deal-Treiber. Foto: Dzmitry - stock.adobe.com

Nachdem mit dem Ausbruch der Corona-Pandemie die oft prognostizierte Insolvenzwelle lange Zeit ausblieb, hat sich die Situation nunmehr spürbar verändert. Denn neben den mittlerweile ausgelaufenen Corona-Maßnahmen – darunter etwa die pausierte Insolvenzantragspflicht – gesellen sich seither diverse makroökonomische Stolpersteine hinzu.

Das dürfte sich in den Insolvenzzahlen widerspiegeln. So rechnet etwa die Allianz Trade mit einem Anstieg der Insolvenzfälle in Deutschland um 17 Prozent in diesem Jahr – denn hohe Energiekosten, steigende Zinsen und Löhne fressen Unternehmensgewinne auf und bringen Firmen in finanzielle Schieflage. Allerdings ist die steigende Zahl der Firmenpleiten eher eine Normalisierung als eine drastische Verschlechterung der allgemeinen Marktlage, denn die prognostizierten Werte nähern sich wieder dem Niveau von Vor-Coronazeiten an, sie übersteigen sie noch nicht.

Dennoch beginnt dieser Trend bereits seine Spuren im Smallcap-M&A-Bereich zu hinterlassen, beobachtet Kai Hesselmann, Gründer und Geschäftsführer der M&A-Matchmaking-Plattform Dealcircle. „Alleine bei den Deals, die auf unserer Plattform auflaufen, sehen wir deutlich mehr Distressed– und Insolvenz-getriebenes M&A“, erklärt Hesselmann in Teil sechs unserer Smallcap-M&A-Reihe.

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Solche Deals unterscheiden sich in mehrfacher Hinsicht von „gesunden“ Transaktionen – auch für Dealcircle, die nur als Vermittler eine eher passive Rolle einnehmen. „Bei Unternehmensverkäufen, die aus einer Insolvenz hervorgehen, starten wir tendenziell bei etwas größeren Tickets von mindestens 10 Millionen Euro Umsatz des Targets“, erklärt Hesselmann. Hier sei es schlichtweg einfacher, einen Käufer zu finden. Kleinere Unternehmen würden in finanziellen Krisenfällen eher abgewickelt.

Distressed-M&A: enger Zeitplan, gute Planung

M&A-Berater sollten dabei nicht unterschätzen, wie sehr sich solche Krisen-Deals von dem üblichen M&A-Geschehen unterscheiden, betont Hesselmann. „Der Zeitplan ist hier sehr viel enger, denn oft stehen die Firmen operativ schon an der Klippe, bei Insolvenzfällen haben sie diese sogar schon überschritten. Langwierige Deal-Prozesse kosten dann wertvolle Zeit.“

Außerdem kämen hierbei oft noch regulatorische Herausforderungen hinzu. „Wir sehen im Distressed- und Insolvenzbereich häufiger Asset-Deals anstelle von Share-Deals. Hierbei stellt sich dann die Frage, was mit dem Rest des Unternehmens und vor allem mit den Mitarbeitern passiert“, erklärt der M&A-Experte. Außerdem: „Wo üblicherweise das Management federführend bei einem Unternehmensverkauf agiert, ist es bei Krisenfällen in der Regel der Insolvenzverwalter.“

Durch all diese Sonderfaktoren verschieben sich die Deal-Prioritäten, was Einfluss auf das Bieterverfahren hat. Wo üblicherweise der Preis Dreh- und Angelpunkt ist, werden es dann Dinge wie Fortführungskonzepte und die Zukunft der Mitarbeiter.

M&A-Berater: Schuster bleib bei deinem Leisten

Eine gute Gelegenheit für Deal-Berater, nun kurzfristig voll auf die Distressed-Seite zu gehen, um von der absehbar steigenden Zahl an Mandaten und dem geringen Wettbewerb zu profitieren, ist das aktuelle Umfeld nach Meinung des Dealcircle-Chefs trotzdem nicht. Warum?

„Salopp gesagt: Wer als ‚Happy-Sunshine-Berater‘ keine Ahnung von den speziellen Herausforderungen im Distressed-Bereich hat, dessen Handeln kann für die Targets echte Risiken bergen“, warnt Hesselmann. Distressed-M&A sieht er daher als Markt für Spezialisten, sowohl berater- als auch investorenseitig. „Denn bei diesen Deals geht es schließlich darum, schiefliegende Unternehmen schnell wieder auf Spur zu bringen. Das bedeutet, dass sehr harte und unangenehme Entscheidungen getroffen werden müssen.“

Private-Equity-Häuser haben hierbei einen kleinen Wettbewerbsvorteil. PE-Investoren – wenn sie nicht schon auf Special Situations fokussiert sind wie etwa die Turnaround-Investoren Mutares oder Aurelius – könnten sich wenigstens über gezieltes Recruiting entsprechende Expertise für ihre Teams einkaufen, betont Hesselmann.

„Für Finanzinvestoren, die sich sonst auf operativ gesunde Unternehmen fokussieren, kann das aktuelle Umfeld mit der entsprechenden Kompetenz im Team dann durchaus Investment-Chancen bieten – etwa als Distressed- oder Insolvenz-Add-on – sofern sie das gesunde Portfoliounternehmen nicht belasten“, erklärt Hesselmann.

Konsumbranchen unter Druck

Ein Faktor, der den Distressed- und Insolvenz-M&A-Markt im Smallcap-Bereich dabei triggern dürfte – und zwar noch mehr als steigende Energie- oder Zinskosten –, ist der private Konsum, schätzt Hesselmann. „Überall dort, wo der Privatkonsum abnimmt, brechen wertvolle Umsätze weg.“

Das reiche von Branchen wie E-Commerce und dem stationären Handel bis hin zum Tourismus. Und angesichts der deutlich gestiegenen Verbraucherpreise weisen einige Prognosen darauf hin, dass Privathaushalte ihre Ausgaben genauer im Blick haben werden.

Melanie Ehmann ist Redakteurin bei FINANCE und verfolgt schwerpunktmäßig die aktuellen Entwicklungen am M&A- und Private-Equity-Markt. Sie hat Politikwissenschaften an der Technischen Universität Darmstadt studiert. Vor FINANCE arbeitete Melanie Ehmann sechs Jahre in der Redaktion des Platow Verlags, zunächst als Volontärin, später als Wirtschaftsjournalistin im Platow Brief und den Sonderpublikationen.