Air Berlin

20.07.16
Deals

Lufthansa will offenbar Teile von Air Berlin kaufen

Ausgerechnet der Rivale Lufthansa könnte der taumelnden Air Berlin zur Hilfe kommen. Der Dax-Konzern will offenbar Teile von Air Berlin kaufen – doch es gibt einige Hürden.

Wird die Lufthansa zum überraschenden Retter der angeschlagenen Fluglinie Air Berlin? Einem Bericht des Handelsblatts zufolge verhandelt die Lufthansa mit Air-Berlin-Großaktionär Etihad darüber, Teile von Air Berlin zu übernehmen. Air Berlin war für eine Stellungnahme zunächst nicht zu erreichen. Ein Sprecher der Lufthansa sagte, dass Spekulation und Gerüchte grundsätzlich nicht kommentiert werden. Die Investoren halten die Berichte allerdings für stichhaltig: Während die Lufthansa-Aktie leicht um 1,4 Prozent nachgibt, hebt das Air-Berlin-Papier um rund 20 Prozent ab.

Eine offizielle Stellungnahme von Etihad gibt es nicht, laut einem Insider sei der Großaktionär aber guter Dinge, dass er Teile der kriselnden deutschen Fluglinie an die Lufthansa losschlagen kann. Man halte eine Einigung für sehr wahrscheinlich, erfuhr die Finanz-Nachrichtenagentur Dpa aus dem Umfeld des Unternehmens.

Konkret soll es bei dem M&A-Deal um die Air-Berlin-Strecken gehen, die nicht über die Drehkreuze Düsseldorf oder Berlin führen. Damit kämen Flughäfen wie Hamburg oder Nürnberg in Betracht. Außerdem will Lufthansa dem Bericht zufolge rund 40 Flugzeuge samt Crew übernehmen. Denkbar wäre, dass der Lufthansa-Billiganbieter Eurowings die Übernahme stemmt. Einen relevanten Kaufpreis könnte Air Berlin allerdings nicht erwarten, denn die Fluglinie hat alle ihre Flugzeuge verkauft

Air-Berlin-Großaktionär Etihad sind die Hände gebunden

Allerdings könnte sich Air Berlin mit einem Deal deutlich verschlanken und  sich mit den verbleibenden 100 Flugzeugen auf die Strecken nach Düsseldorf und Berlin konzentrieren. Dies läge auch im Interesse von Etihad, denn es sind hauptsächlich diese Air-Berlin-Drehkreuze, die für Etihad strategischen Wert als Zubringer-Hubs haben. Zudem  könnte ein Teilverkauf an die Lufthansa Air Berlins Verluste senken, und das tut Not – die Airline ist mit einem operativen Verlust von 306 Millionen Euro im Jahr 2015 sowie einer Nettofinanzverschuldung von 825 Millionen Euro schwer angeschlagen.

Auch das erste Quartal 2016 verlief nicht so gut, wie CEO Stefan Pichler und CFO Arnd Schwierholz es sich erhofft haben dürften. Zwar sank der Quartalsverlust um 13 Prozent, doch der Betriebsverlust (Ebit) erhöhte sich um 8 Prozent. Aktuell lasten externe Faktoren wie der Brexit , die politische Situation in der Türkei und der wieder steigende Ölpreis auf dem Sommergeschäft.

Großaktionär Etihad, der mit 30 Prozent an Air Berlin beteiligt ist, hat bereits mehrere hundert Millionen Euro als Darlehen an Air Berlin vergeben, zum Teil mit beträchtlichen Zinsen. Alleine in diesem Jahr nahm Air Berlin schon drei Mal die Hilfe von Etihad in Anspruch. Insgesamt haben die Araber bei Air Berlin laut FINANCE-Berechnungen 1 Milliarde Euro im Feuer. Eine komplette Übernahme durch Etihad ist allerdings nicht möglich, da deutsche Airlines per Gesetz mehrheitlich in deutscher Hand sein müssen. Damit sind den Arabern die Hände gebunden, bei den Berlinern auch gesellschaftsrechtlich durchzuregieren.

Air Berlin hat alle seine Flugzeuge verkauft

Für die Lufthansa könnte bei dem Deal erstmals die neu gegründete Tochter Eurowings als Marktkonsolidierer auf den Plan treten. Dies wäre der Auftakt zu dem Vorhaben von Lufthansa-Chef Spohr, unter dem Dach von Eurowings europaweit unter Druck stehende kleinere Nischen-Airlines zu bündeln. Der Vorteil bei Air Berlin: Mit einer Übernahme hätte sich Lufthansa wichtige Strecken innerhalb Deutschlands und Europas gesichert, die ansonsten unter Umständen an den Konkurrenten Ryanair gehen könnten.

Genau diese Marktkonstellation birgt aber auch kartellrechtliche Hürden: Würde die Lufthansa beispielsweise Strecken in Hamburg übernehmen, käme sie dort auf einen Marktanteil von über 70 Prozent. Daher dürften auch wettbewerbsrechtlich bedingte Folgetransaktionen Teil des komplexen Deals werden. Laut Informationen des Handelsblatts peilen Lufthansa und Etihad eine Einigung bis spätestens Ende Oktober an. Die Zuversicht ist offenbar groß: Bei Etihad hält man einen Deal mit der Lufthansa für „sehr wahrscheinlich“, berichtet die Nachrichtenagentur dpa.
 
julia.schmitt[at]finance-magazin.de

Schwer angeschlagen und am Tropf von Großaktionär Etihad: Alles Wichtige zur Finanzlage von Deutschlands zweitgrößter Airline finden Sie auf der FINANCE-Themenseite Air Berlin.

Hintergründe zu Vita und Karriere des Air-Berlin-CFOs gibt es im FINANCE-Köpfe-Profil von Arnd Schwierholz.

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