Steht ThyssenKrupp vor dem Ausverkauf? Liberty Steel hat ein Auge auf die Stahlsparte geworfen. Doch es gibt auch noch andere Optionen.

ThyssenKrupp

16.10.20
Deals

ThyssenKrupp: Staatsbeteiligung oder Ausverkauf?

ThyssenKrupp hat mehrere Partneroptionen für das kriselnde Stahlgeschäft. Neben einer Staatsbeteiligung steht jetzt auch ein Verkauf an Liberty Steel im Raum. Für ThyssenKrupp stellt sich die Identitätsfrage.

Die angeschlagene Stahlsparte von ThyssenKrupp könnte endlich einen Partner gefunden haben. Der britische Konzern Liberty Steel hat am heutigen Freitag ein erstes Übernahmeangebot eingereicht, wie ThyssenKrupp gegenüber FINANCE bestätigte. „Wir haben heute ein indikatives Angebot für einen Erwerb des Stahlgeschäfts erhalten. Dieses Angebot schauen wir uns jetzt sorgfältig an“, so ein Unternehmenssprecher. Der „Spiegel“ hatte am Donnerstagabend als erstes darüber berichtet.

Das aktuelle Angebot von Liberty Steel sei jedoch indikativ, nicht-bindend und hänge zudem von bestimmten Annahmen über das Geschäft ab, so ThyssenKrupp. Um ein verbindliches Angebot abzugeben, will Liberty Steel zunächst die Ergebnisse der Due Diligence abwarten. Zu einem möglichen Preis machten die Beteiligten noch keine Angaben. Das indikative Angebot wird ThyssenKrupp zufolge „von einer Reihe von Finanzinstitutionen unterstützt“. Die Finanzierung scheint Liberty Steel gesichert zu haben.

Angeblich drei Interessenten für das Stahlgeschäft

Der Stahlkonzern betonte zudem, dass die Verhandlungen mit Liberty Stell nicht exklusiv seien. Es gebe keine Gewissheit, dass eine Transaktion zustande komme. Dem „Spiegel“ zufolge sollen neben Liberty Steel auch noch andere Parteien ein Auge auf das Stahlgeschäft geworfen haben. Neben der indischen Tata-Gruppe sei dies der schwedische SSAB-Konzern. Tata würde damit einen zweiten Anlauf unternehmen – das geplante Joint Venture scheiterte schließlich an erheblichen Kartellauflagen.

Liberty Steel will mit dem Deal, der von der Investmentbank Rothschild organisiert wurde, das eigene Stahlgeschäft stärken und vor allem die Synergien nutzen. Liberty Steel verfügt nach eigenen Angaben mit 30.000 Mitarbeitern über eine Produktionskapazität von 18 Millionen Tonnen und hat Erfahrung mit der Sanierung von Stahlwerken. Gegenüber dem „Spiegel“ sagte Liberty-CEO Sanjeev Gupta, er habe vor fünf Jahren damit begonnen, marode Stahlwerke in Großbritannien zu kaufen. Dasselbe habe er in Europa, Australien und in den USA gemacht.

Die Aktionäre jedenfalls begrüßen den möglichen M&A-Deal: Die Aktie machte im frühen Handel einen deutlichen Kurssprung von rund 23 Prozent auf 5,13 Euro. Zuletzt litt das Papier wegen der negativen Geschäftsentwicklungen unter heftigen Kurseinbrüchen. Allein im bisherigen Jahresverlauf büßte das Papier rund 60 Prozent ein.

ThyssenKrupp: Staatsbeteiligung nicht ausgeschlossen

Ein Verkauf der Stahlsparte ist aber noch keine ausgemachte Sache. ThyssenKrupp-CEO Martina Mertz hatte unlängst zwar angekündigt, dass ein Verkauf der Stahlsparte nicht ausgeschlossen werde. Als Partner für das Stahlgeschäft steht aber auch eine Staatsbeteiligung im Raum – eine Lösung, die von den Gewerkschaften bevorzugt wird.

Insbesondere die IG Metall fordert den Staatseinstieg als Rettungsmaßnahme für das kriselnde Stahlgeschäft. In Düsseldorf demonstrierten heute rund 3.000 Stahlkocher, um der Forderung nach einer Staatsbeteiligung Nachdruck zu verleihen. Die Meinung der Arbeitnehmervertreter ist in diesem Fall nicht zu unterschätzen, da sie bei ThyssenKrupp traditionell eine hohe Bedeutung haben.

Die Politik sendet bisher jedoch eher ablehnende Signale: NRW-Ministerpräsident Armin Laschet sagte zuletzt noch, dass eine staatliche Beteiligung nicht auf der Tagesordnung steht, machte heute aber deutlich, dass ein möglicher Verkauf der Stahlsparte kein Ein-Euro-Geschäft" werde. 

Wirtschaftsminister Peter Altmaier zeigt sich wegen der aktuellen Lage bei ThyssenKrupp zwar besorgt, hat zuletzt aber auch deutlich gemacht, dass die Probleme der Branche in erster Linie nicht mit einem Staatseinstieg zu lösen seien. Liberty Steel betonte, sowohl mit der Politik als auch den Gewerkschaften reden zu wollen. 

Bisher ließ CEO Merz nicht durchblicken, zu welcher Option die Essener selbst tendieren. Sowohl eine Staatsbeteiligung, eine Fusion als auch einen Teil- oder Komplettverkauf des Konzerns schloss sie nicht aus – es gibt keine „Denkverbote“ sagte sie Mitte Mai.

Auch im Zuge des Angebots von Liberty Steel macht der MDax-Konzern die Tür für eine mögliche Staatsbeteiligung nicht zu: „Gleichzeitig werden wir die Gespräche mit anderen potentiellen Partnern in gleicher Weise wie bisher konsequent fortsetzen. Unser Ziel ist es, das Stahlgeschäft nachhaltig zukunftsfähig zu machen. Es kommt für uns darauf an, dafür die beste Lösung zu finden“, so ein Unternehmenssprecher gegenüber FINANCE.

Einstieg von Liberty Steel bedeutet Zerschlagung

Sollte sich ThyssenKrupp für den Komplettverkauf entscheiden, hieße das im Umkehrschluss, dass das Traditionsunternehmen zerschlagen würde. Im Mai mussten sich die Essener schon von ihrer Aufzugssparte trennen – neben dem Stahlgeschäft das zweite große Traditionsgeschäft von ThyssenKrupp. Den Zuschlag erhielten die Finanzinvestoren Advent und Cinven für 17 Milliarden Euro.  

Sollte ThyssenKrupp auch das Stahlgeschäft komplett verkaufen, stellt sich die Frage, für was der Konzern künftig stehen will. Auch die übrigen Geschäftsbereiche wie die Automotive-Sparte oder das Werftengeschäft schwächeln und stehen im Schaufenster. Es bleiben noch der Werkstoffhandel (Materials Services) und die Industriekomponenten (Industrial Components).

ThyssenKrupp braucht dringend Geld

Die Verhandlungsposition von ThyssenKrupp ist alles andere als gut: Das Stahlgeschäft schreibt rote Zahlen. In den ersten neun Monaten des Geschäftsjahres 2019/2020 schrieb die Stahlsparte 700 Millionen Euro Verlust. Der Konzern braucht weiterhin dringend Geld, um den immensen Schuldenberg abzutragen und den laufenden Konzernumbau zu stemmen.

Zusätzlich belastet ThyssenKrupp die Coronakrise. In den ersten neun Monaten sank der Konzernumsatz um 12 Prozent auf rund 27 Milliarden Euro. Die Netto-Finanzschulden lagen Ende Juni bei rund 8 Milliarden Euro. Gleichzeitig verbrennt das Unternehmen Geld: Der Free Cashflow betrug Minus 3,4 Milliarden Euro. Ein Verkauf des Stahlgeschäfts würde zumindest die Bilanz deutlich entlasten.

sarah.backhaus[at]finance-magazin.de

ThyssenKrupp steckt in der größten Krise seiner Unternehmensgeschichte. Wie der Traditionskonzern aus der Misere herausfinden will, erfahren Sie auf unserer Themenseite zu ThyssenKrupp.