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Konzerne schweigen zu neuer Leasingbilanzierung

Viele Unternehmen leasen ganze Flotten. Verpflichtungen daraus müssen bald in der Bilanz auftauchen.
william87/iStock/Thinkstock/Getty Images

Seitdem vor über zwei Jahren die neuen Bilanzierungsregeln für das Leasing („IFRS 16“) verabschiedet wurden, ist das Thema bei vielen Unternehmen im Blickpunkt. Auf Kongressen, Messen oder in Seminaren diskutieren Bilanzierer, Controller und CFOs, wie man mit den Auswirkungen auf die Kennzahlen am besten umgeht oder die IT-Umstellung am effizientesten angeht.

Dieses Bedürfnis nach Austausch ist nachvollziehbar, beginnt mit IFRS 16 doch nicht weniger als eine neue Ära der Leasingbilanzierung: Spätestens zum Erstanwendungszeitpunkt am 1. Januar 2019 müssen fast alle Verpflichtungen aus Leasingverhältnissen in der Bilanz auftauchen, statt – wie bisher – lediglich im Anhang. Die Folgen für die Unternehmensbilanzen sind zum Teil enorm: Während auf der Aktivseite die Nutzungsrechte angesetzt werden, steigen auf der Passivseite die Schulden, bei manchen Unternehmen um Milliarden Euro.

In der Gewinn- und Verlustrechnung werden Abschreibungen auf das Nutzungsrecht und Zinsaufwendungen aus der Verpflichtung berücksichtigt. Damit ab Januar alles richtig dargestellt wird, müssen Unternehmen alle ihre Leasingverträge durchgehen und ihre IT-Systeme anpassen – eine Mammutaufgabe.

DPR hat neue Leasingbilanzierung ins Visier genommen

Das wissen auch Aufsichtsbehörden wie die Deutsche Prüfstelle für Rechnungslegung (DPR) sowie die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin). Sie verlangen von den Unternehmen deshalb, dass sie schon frühzeitig in ihren Geschäftsberichten ausführlich über die Auswirkungen von IFRS 16 berichten und haben das Thema sogar zum Prüfungsschwerpunkt 2018 ernannt.

Wie gut die Unternehmen dieser Anforderung bisher nachgekommen sind, hat die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PwC untersucht. Sie hat die Geschäftsberichte von 100 Unternehmen, deren Geschäftsjahr zwischen dem 30. Juni und dem 31. Dezember 2017 endete, analysiert. Über 70 Prozent davon gehören dem Dax oder MDax an.

Die gute Nachricht ist, dass alle Abschlüsse zumindest schon in irgendeiner Form Angaben zu IFRS 16 enthalten – allerdings variiert der Detaillierungsgrad deutlich. Mehr als die Hälfte der Unternehmen hat qualitative Aussagen zu den möglichen Auswirkungen gemacht, indem sie beispielsweise angemerkt haben, dass die Verschuldung steigen dürfte.

Konzerne vermeiden quantitative Angaben zu IFRS 16

Wesentlich interessanter für Investoren und Analysten sind aber quantitative Aussagen, zum Beispiel darüber, wie stark die Verschuldung genau ansteigen wird. Doch genau hier gab es deutlich weniger Informationen: Lediglich 5 Prozent der untersuchten Unternehmen haben zumindest grobe, 13 Prozent genaue quantitative Angaben gemacht.

Wie gravierend die Auswirkungen auf die Bilanzzahlen sein können, zeigt das Beispiel der Deutschen Post DHL, die die Anwendung von IFRS 17 bereits vorgezogen hat. Zum 1. Quartal 2018 sind die Verbindlichkeiten des Dax-Konzerns aus Leasing um mehr als 9 Milliarden Euro gestiegen, die Eigenkapitalquote ist um rund 6 Prozentpunkte auf knapp 28 Prozent gesunken. Allerdings gehört die Deutsche Post auch zu den Unternehmen in Deutschland mit den höchsten Leasingverbindlichkeiten.

Unternehmen noch am Anfang der IFRS 16-Umsetzung

Neben Aussagen zu den möglichen Auswirkungen sind die Unternehmen auch dazu verpflichtet, über den Implementierungsstand zu berichten. Aber auch dieses Thema haben viele Geschäftsberichte nur rudimentär aufgegriffen, wie PwC zeigt: Während elf der 100 Unternehmen überhaupt keine Angaben zum Stand des Umsetzungsprozesses machten, hat die Hälfte zumindest mit der Umsetzung begonnen. Nur 7 Prozent haben überhaupt erst mit der Datenerfassung begonnen.

Ein wichtiger Schritt in der Implementierung ist die Inventur aller Verträge zur Leasingbilanzierung. Überraschenderweise sind die Verpflichtungen aus Leasingverhältnissen bei vielen Unternehmen im Vergleich zum Vorjahr angestiegen. PwC vermutet, dass im Rahmen der Inventur möglicherweise der ein oder andere „neue“ Leasingvertrag entdeckt wurde.

Unternehmen haben auch lange zu IFRS 15 geschwiegen

Im Fazit warnt PwC, dass viele Unternehmen noch einen langen Weg vor sich haben. Der Prüfkonzern rät CFOs dringend, die Angaben in den kommenden Zwischenabschlüssen auszuweiten, um den Erwartungen von DPR, Bafin & Co. gerecht zu werden.

Nicht selten wird der Umstellungsaufwand im Vorfeld unterschätzt.

Indes: Dass viele Unternehmen – trotz jahrelanger Vorlaufzeit – die neuen Regeln erst kurz vor Ablauf der Frist umsetzen, ist nicht ungewöhnlich. Nicht selten wird der Aufwand im Vorfeld unterschätzt, gerade was die Umstellung der IT-Systeme anbelangt. Auch bei der Umstellung auf IFRS 15 – dem Standard zur Umsatzbilanzierung, der seit diesem Jahr gilt – haben sich die Unternehmen lange in Schweigen gehüllt, zeigten Analysen noch unmittelbar vor der Einführung.

Im aktuellen Fall von IFRS 16 kommt noch hinzu, dass sich die Unternehmen zuletzt nicht nur mit IFRS 15, sondern auch noch mit einem weiteren neuen Bilanzierungsstandard befassen mussten: Seit Januar dieses Jahres gilt außerdem IFRS 9, eine Neuregelung zur Bilanzierung von  Finanzinstrumenten, die ebenfalls stark in die Bilanzrelationen eingreift. Daher widmen viele Unternehmen der neuen Leasingbilanzierung IFRS 16 erst seit diesem Jahr mit voller Aufmerksamkeit.

Die gute Nachricht für alle Bilanzierer, Controller und CFOs: Mit der Einführung von IFRS 16 im Januar geht der lange Reigen komplizierter Bilanzierungsänderungen bis auf weiteres zu Ende.

julia.schmitt[at]finance-magazin.de

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Julia Schmitt ist Chef vom Dienst bei FINANCE-Online und Moderatorin bei FINANCE-TV. Sie betreut die Themenschwerpunkte Wirtschaftsprüfung, Controlling und Bilanzierung. Julia Schmitt hat einen Abschluss in Volkswirtschaftslehre und Publizistik und arbeitete während ihres Studiums unter anderem in der Online-Redaktion der ZDF heute.de-Nachrichten.