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Clariant prüft unzulässige Bilanzkosmetik

Schweizer Chemieriese prüft Hinweise von internen Whistleblowern auf Bilanzmanipulation
Schweizer Chemieriese prüft Hinweise von internen Whistleblowern auf Bilanzmanipulation

Haben Mitarbeiter von Clariant bei der Bilanzierung geschraubt? Diesem Vorwurf geht der Spezialchemiekonzern nach, nachdem das Unternehmen bereits im vergangenen September Hinweise von „internen Whistleblowern“ erhalten habe, erklärt das Unternehmen. Demnach steht die Vermutung im Raum, dass einige Mitarbeiter Rückstellungen und Abgrenzungen falsch gebucht haben, „um die Ergebnisse des Unternehmens so zu steuern, dass interne und externe Ziele erreicht werden“.  

Im Fokus stehen Restrukturierungskosten, Entschädigungen, Garantien und Umweltrückstellungen. Insbesondere gebe es Fragen zur IFRS-Konformität und zum richtigen Zeitpunkt dieser Buchungen, erklären die Schweizer. Die untersuchten Zeiträume betreffen die Jahres- und Halbjahresabschlüsse sowie die Quartalsberichte für die Jahre 2020 und 2021. Es könnte nun sein, dass Clariant die Zahlen dieser Zeiträume nachträglich revidieren muss.

PwC hält das Abschlusstestat für 2021 zurück

Seit November laufe eine Untersuchung durch das Big-Four-Haus Deloitte sowie Gibson, Dunn & Crutcher, die auch schon weit fortgeschritten sei, erklärt das Unternehmen. Trotzdem muss Clariant seine für diesen Mittwoch angesetzte Jahresbilanzpräsentation sowie die Generalversammlung auf unbestimmte Zeit verschieben. Der Grund: Der Abschlussprüfer PwC hält das Testat für die Bilanz 2021 zurück, bis die Untersuchung abgeschlossen ist.

Bewahrheiten sich die Vermutungen, dürfte sich eine unsaubere Rechnungslegung vor allem bei der operativen Ergebnismarge bemerkbar machen, erwartet Clariant. Dennoch soll die Ebitda-Marge für 2021 wie angekündigt zwischen 16 und 17 Prozent liegen. Für die liquiden Mittel erwartet der Chemiekonzern  keine Auswirkungen, ebensowenig auf den Umsatz aus fortgeführten Geschäften für 2021. Dieser ist nach vorläufigen Zahlen in Lokalwährung um 15 Prozent auf rund 4,4 Milliarden Schweizer Franken gestiegen.

Clariant-Aktie bricht zweistellig ein

Der Verdacht auf Ungereimtheiten in der Finanzabteilung, verschobene Abschlussprüfungen und Sonderuntersuchungen kommen am Kapitalmarkt gar nicht gut an: Die Aktie des Schweizer Konzerns brach am heutigen Montag zeitweise um 20 Prozent ein und reduzierte das Minus danach nur wenig. Da konnten auch die Worte von Clariant-CEO Conrad Keijzer nichts mehr ausrichten, der versprach, der Sache mit „größter Dringlichkeit und Sorgfalt“ auf den Grund zu gehen. Auch gelobt der Manager Besserung bei den „ethischen Standards“ der Unternehmenskultur.

Motiv für mögliche Bilanztrickserei unklar

Unklar ist, ob sich der mögliche Bilanzskandal auch auf Abrechnungszeiträume vor 2020 erstreckt, räumt Clariant in der Ad-Hoc-Meldung ein. Auch welche Motive einzelne Mitarbeiter für eine Bilanzmanipulation hätten, erschließen sich Clariant offenbar nicht. Zumindest erklärt Peter Steiner, der Leiter des Prüfungsausschusses des Verwaltungsrats, dass es bisher keinerlei Anzeichen für persönliche Vorteile durch etwaige Falschbuchungen gebe. Clariant habe einige Mitarbeiter suspendiert, aber keine Anzeige bei der Staatsanwaltschaft erstattet, wird Steiner von Reuters aus einer Telefonkonferenz zitiert. Außerdem beträfe dies keine Top-Führungskräfte.

CEO Keijzer ist erst Anfang 2021 auf den Chefposten gerückt, sein CFO-Vorstandskollege Stephan Lynen im April 2020. Zusammen müssen sie den Spezialchemiekonzern nun wieder stabilisieren.

Clariant ist schon länger in unruhigen Gewässern unterwegs: Die Ägide des langjährigen Konzernchefs Hariolf Kottmann  war geprägt von einer geplatzten Fusion mit dem US-Konkurrenten Huntsman und Konflikten mit dem saudischen Großaktionär Saudi Basic Industries. Nach Kottmann Abgang blieben die Schweizer sogar ein Jahr lang ohne CEO.

melanie.ehmann[at]finance-magazin.de

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Melanie Ehmann ist Redakteurin bei FINANCE und verfolgt schwerpunktmäßig die aktuellen Entwicklungen am M&A- und Private-Equity-Markt. Sie hat Politikwissenschaften an der Technischen Universität Darmstadt studiert. Vor FINANCE arbeitete Melanie Ehmann sechs Jahre in der Redaktion des Platow Verlags, zunächst als Volontärin, später als Wirtschaftsjournalistin im Platow Brief und den Sonderpublikationen.

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