Wenn der Staat im Zuge der Coronakrise als Kapitalgeber oder Anteilseigner soll, gibt es für CFOs einige Dinge zu beachten. Und längst nicht jedem steht dieser Weg überhaupt offen.

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19.06.20
Finanzierungen

Corona: Das müssen CFOs bei Eigenkapital-Hilfen aus dem WSF beachten

Bald können sich Unternehmen um Rekapitalisierungshilfen aus dem Wirtschaftsstabilisierungsfonds bewerben. Doch es gibt einige Hürden. Auch die Auswirkungen eines Staatseinstiegs sind nicht unterschätzen.

Noch ist die Antragsseite nicht live geschaltet. Doch schon bald werden Unternehmen über das Bundesministerium für Wirtschaft ihren Hut für Hilfen aus dem Wirtschaftsstabilisierungsfonds in den Ring werden können.

Der Fonds, der die deutsche Wirtschaft in der Coronavirus-Krise stützen soll, besteht aus insgesamt 600 Milliarden Euro. 400 Milliarden Euro davon stehen für staatliche Garantien bei Verbindlichkeiten bereit, 100 Milliarden Euro zur Refinanzierung der KfW-Sonderprogramme und weitere 100 Milliarden Euro für Rekapitalisierungsmaßnahmen in der Realwirtschaft. „Anfang Mai hat die EU-Kommission grundsätzlich grünes Licht für den letzten Punkt gegeben“ sagt Rainer Wilke, Partner von Latham & Watkins. 

Hoher Andrang auf den WSF zeichnet sich ab

„Zu den Rekapitalisierungsmaßnahmen können direkte Beteiligungen zählen, aber auch die Zeichnung von Genussrechten oder nachrangigen Schuldverschreibungen“, erklärt Andreas Stöcklin, Leiter des Deutschlandgeschäfts der globalen Beratungsgesellschaft Duff & Phelps. Wie stark dieses Programm in Anspruch genommen wird, lässt sich zwar noch nicht konkret prognostizieren. „Wir gehen aber von einem sehr hohen Bedarf aus, gerade unter nicht börsennotierten Unternehmen könnte dieses Programm stark nachgefragt werden“, vermutet der Experte. 

Rund 30 Unternehmen sollen sich bereits ähnlich wie die Lufthansa für Hilfen aus dem Wirtschaftsstabilisierungsfonds interessieren. Das berichtete Ende Mai der „Spiegel“ unter Berufung auf Insider. Dazu soll demnach Teile der Zulieferindustrie des Flugzeugbauers Airbus in Deutschland zählen, ebenso wie Werften, Textilunternehmen und Reiseveranstalter.

WSF-Rekapitalisierung nicht für alle geeignet

Doch nicht für alle interessierten Unternehmen wird das Programm auch in Frage kommen. Ähnlich wie auch bei anderen Hilfsprogrammen gilt, dass nur Unternehmen eine Chance haben, deren Schieflage allein durch die Coronakrise verursacht wurde. Grundsätzlich gilt zudem, dass die Unternehmen mindestens zwei der folgenden Kriterien erfüllen müssen: eine Bilanzsumme von mehr als 43 Millionen Euro, einen Umsatz von mehr als 50 Millionen Euro oder mehr als 249 Mitarbeiter im Jahresdurchschnitt.

„Allerdings wird es wohl auch Ausnahmeregelungen geben“, erklärt Stöcklin. „Rettet der Staat mit einem Einstieg viele Arbeitsplätze, geht es um kritische Infrastruktur oder um für die Zukunft interessante Technologie? In solchen Fällen wird dann im Einzelfall entschieden.“ Auch Start-ups mit innovativem Ansatz könnten ab einer Unternehmensbewertung von 50 Millionen Euro daher laut dem Experten eine Chance auf Unterstützung im Rahmen der Rekapitalisierungsmaßnahmen haben. 

„Bei Rekapitalisierungsmaßnahmen, die eine Summe von 250 Millionen Euro überschreiten, will die EU nochmal einzeln prüfen.“

Harald Selzner, Office Managing Partner bei Latham & Watkins

Für größere Unternehme gibt es zudem eine weitere Hürde: „Bei Rekapitalisierungsmaßnahmen, die eine Summe von 250 Millionen Euro überschreiten, will die EU nochmal einzeln prüfen, ob die Hilfen gerechtfertigt sind, oder den Wettbewerb verzerren“, erklärt Rechtsanwalt Harald Selzner von Latham & Watkins.

Alle Alternativen ausgeschöpft?

Doch CFOs müssen einiges beachten, wenn sie sich den Staat etwa als Anteilseigner oder Kapitalgeber ins Boot holen wollen. Die Rekapitalisierungsmaßnahmen des Bundes sollen immer nur der letzte Ausweg sein. „Gleichzeitig muss eine Beteiligung zu marktüblichen Konditionen erfolgen“, erklärt Stöcklin. Genau hier liegt eine große Herausforderung für die Unternehmen: Wie findet man einen angemessenen Preis, wenn keine alternativen Angebote vorliegen?

„Zunächst einmal muss das Unternehmen gut belegen können, dass es tatsächlich keine alternativen Finanzierungsmöglichkeiten mehr gibt“, betont Stöcklin. Auch ein möglicher Verkauf von Unternehmensteilen müsste dafür geprüft werden. „Natürlich ist in einer so angespannten Lage meist kein normaler M&A-Prozess mehr möglich, aber Unternehmen könnten zumindest versuchen, einen verkürzten Go-Shop durchzuführen, um mögliches Interesse am Markt zu testen“, sagt er.

Bewertungsfragen können zum Knackpunkt werden

Im nächsten Schritt müsse man sich dann über die Unternehmensbewertung oder die angemessenen Konditionen einig werden. Nach Ansicht von Stöcklins Kollegen Simon von Witzleben die größte Herausforderung: „Ein sauberer Absprungspunkt für die Planung fehlt, Börsenkurse sind in der Krise nur noch zum Teil aussagekräftig und viele Bewertungsmodelle greifen nicht mehr richtig“, so der Director von Duff & Phelps. Das Management müsse daher noch viel stärker als sonst auf Szenarioanalysen zurückgreifen.

„Viele Bewertungsmodelle greifen nicht mehr richtig.“

Simon von Witzleben, Director bei Duff & Phelps

„Der WSF hat die öffentliche Ausschreibung abgeschlossen, um genau für diese Fragen externe Spezialisten hinzuzuziehen“, erklärt Stöcklin. Alle Beteiligten müssten zum einen analysieren, wie sich die wirtschaftliche Lage des Unternehmens entwickeln wird, wie die Fortführungsprognose aussieht und mit welchen Summen das Unternehmen wieder nachhaltig wirtschaften könnte.

Zum anderen sei auch zu beachten, welche Folgen der staatliche Einstieg auf die Finanzierungsmöglichkeiten des Unternehmens und die Liquiditätslage insgesamt hat. „Der WSF wird gegebenenfalls auch eine Fairness Opinion beauftragen, um die finanzielle Angemessenheit von einzelnen Investitionen unabhängig und neutral beurteilen zu lassen“, sagt von Witzleben. Aus seiner Sicht ist das auch für die Unternehmen ein wichtiger und sinnvoller Schritt.

Staat könnte Nachhaltigkeitsthemen forcieren

Zudem sollten Unternehmen sich auch darüber im Klaren sein, dass der Staat mit dem Verkauf der Eigenkapitalbeteiligung auch einen Gewinn einfahren will. Und zwar möglichst schnell: „Alle Rekapitalisierungsmaßnahmen müssen mit einem Step-up-Mechanismus versehen sein, der dafür sorgt, dass die Vergütung für den Staat steigt“, erklärt Latham-Experte Harald Selzner. Damit sollen die Unternehmen dazu angehalten werden, schnell Exitmöglichkeiten zu schaffen, beziehungsweise das staatliche Kapital schnell zurückzuzahlen.

Für Andreas Stöcklin ist klar, dass der Staat als selbstbewusster Investor auftreten wird. „Das hat die Regierung schon deutlich gemacht. Die Unternehmensführung muss sich deshalb darauf einstellen, dass der Staat seine Einflussmöglichkeiten nutzen wird.“

Staat könnte Nachhaltigkeitsthemen forcieren

Stöcklin denkt dabei nicht nur an die klassischen Themen wie Zukäufe, Vergütung, Dividenden oder die Aufnahme von weiterem Kapital, bei denen der Staat nach Möglichkeit klare Regeln vorgeben wird. „Wir gehen ganz klar davon aus, dass der Staat das Thema Nachhaltigkeit stark forcieren wird“, sagt er. Ob es um den Klimawandel oder soziale Aspekte wie Vielfalt und Integration geht – man sähe beispielsweise unter Private-Equity-Investoren sehr deutlich, wie zentral diese Themen inzwischen geworden seien. „Der Staat wird diese Themen daher allein deshalb forcieren, weil Nachhaltigkeit ein wichtiges Investitionskriterium sowie Schwerpunkt von Due Diligence geworden ist“, so der Experte.

„Wir gehen ganz klar davon aus, dass der Staat das Thema Nachhaltigkeit stark forcieren wird.“

Andreas Stöcklin, Leiter des Deutschlandgeschäfts bei Duff & Phelps

„Großunternehmen werden zudem verpflichtet sein, einen Bericht darüber abzugeben, wie die erhaltenen Beihilfen den ökologischen und digitalen Wandel unterstützen“, ergänzt Rainer Wilke von Latham & Watkins.

antonia.koegler[at]finance-magazin.de

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