Wie stark müssen sie sich strecken? Vor allem viele kleinere Unternehmen stehen vor einer riesigen Eigenkapitallücke, warnt der Lobbyverband AFME.

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05.03.21
Finanzierungen

„Eigenkapitallücke von bis zu 600 Milliarden Euro“

Das dicke Ende der Corona-Pandemie kommt noch, warnt Adam Farkas, CEO von AFME, dem Lobbyverband der Finanzindustrie. Gerade im Mittelstand könnte eine Insolvenzwelle anrollen, wenn die EU dem Markt für Hybridkapital nicht unter die Arme greift.

Die Association for Financial Markets in Europe (AFME), eine Lobbyorganisation für Unternehmen aus der Finanzbranche, warnt vor einer immensen Eigenkapitallücke, die die Erholung der Wirtschaft nach der Coronakrise gefährden könnte. Der Verband hat diese Frage gemeinsam mit PwC in einer Studie untersucht. AFME-Chef Adam Farkas erklärt im FINANCE-Interview, wo die größten Gefahren liegen und wie ein europäischer Markt für Hybridkapital das Schlimmste noch verhindern könnte.

Herr Farkas, Sie sind Mitautor einer aktuellen Studie, die vor einem massiven Anstieg der Unternehmensinsolvenzen in den kommenden Monaten warnt. Was veranlasst Sie zu der Sorge?
Wir sehen dieses Risiko als eine Spätfolge der Coronakrise. In den vergangenen Jahren haben wir bei vielen Unternehmen sehr stabile Unternehmensbilanzen gesehen, aber das hat sich 2020 gedreht. Wir haben in einer aktuellen Umfrage festgestellt, dass 10 Prozent der europäischen Unternehmen nur noch über Barreserven für die nächsten sechs Monate verfügen. Das kann sehr schnell zu einem massiven Problem werden. Es könnte einen signifikanten Anstieg der Insolvenzen im ersten Halbjahr verursachen.

Staaten haben allerdings viel Geld in die Hand genommen, um Unternehmen in der Krise zu unterstützen. Sind die Hilfen nicht ausreichend?
Die staatliche Unterstützung war sehr gut und sinnvoll. Sie war allerdings stark auf die Schuldenseite fokussiert. Wir rechnen deshalb damit, dass es ein Problem geben könnte, wenn die staatlichen Maßnahmen zurückgefahren werden. Unternehmen haben in der Krise viele Schulden aufgenommen, damit sind die Bilanzen nicht mehr im Gleichgewicht. Einer deutlich höheren Verschuldung steht weniger Eigenkapital gegenüber. Wir schätzen die Eigenkapitallücke der europäischen Unternehmen auf bis zu 600 Milliarden Euro. Vielen Unternehmen wird es schwerfallen, diese Lücke durch Gewinne wieder zu schließen.

„Unternehmen haben in der Krise viele Schulden aufgenommen, damit sind die Bilanzen nicht mehr im Gleichgewicht.“

Die Eigenkapitalmärkte haben im vergangenen Jahr allerdings ebenfalls geboomt. Auch beim Aufstocken von Eigenkapital waren CFOs nicht untätig.
Für große börsennotierte Unternehmen ist das zutreffend, aber das Problem besteht umso drängender für nicht gelistete Mittelständler und die kleineren Unternehmen, die KMUs. Und diese Gruppe umfasst, wie ich betonen möchte, die überwiegende Mehrheit der europäischen Unternehmen. Kleinere Unternehmen verlassen sich traditionell stärker auf eine Bankenfinanzierung. Sie trifft es deshalb besonders hart.

Eigenkapital stützen ohne Abgabe von Stimmrechten

„Wir sollten uns speziell auf hybride Finanzierungslösungen fokussieren, die zwar das Eigenkapital stützen, aber nicht mit Stimmrechten einhergehen.“

Was genau schlagen Sie vor? Vor allem familiengeführte Unternehmen sind nicht dafür bekannt, ihr Eigenkapital durch das Hereinholen fremder Investoren aufzustocken.
Gerade deshalb möchten wir mehr Fokus auf diese Problematik richten. Noch können wir handeln. Die nach wie vor geringe Zahl der Unternehmensinsolvenzen zeigt deutlich, dass es noch nicht zu spät ist, gegenzusteuern. Wir brauchen jetzt eine Debatte darüber, wie man Familienunternehmen und KMUs auf der Equity-Seite unterstützen kann – in einer Form, in der sie es auch annehmen würden.

Wie genau könnte die Hilfe denn aussehen?
Wir sollten uns speziell auf hybride Finanzierungslösungen fokussieren, die zwar das Eigenkapital stützen, aber nicht mit Stimmrechten einhergehen. Die Unternehmen sind nämlich durchaus bereit, für Equity eine Prämie zu zahlen und auch ihre Gewinne zu teilen. Unsere Studie hat gezeigt, dass sie ein Premium von bis zu 8,8 Prozent in Kauf nehmen würden, solange sie die Zügel nicht aus der Hand geben müssen.

Solche Instrumente existieren doch in vielen Ländern bereits, wie etwa in Deutschland die Genussscheine.
Das ist richtig, in einigen Ländern gibt es bereits solche Instrumente. Wir fordern allerdings, dass in einem ersten Schritt noch mehr Aufmerksamkeit auf diese Instrumente gelegt wird. Viele Finanzverantwortliche wissen gar nicht, welche Möglichkeiten ihnen zur Verfügung stehen. Darüber hinaus gibt es häufig noch Probleme bei Steuerfragen und bei der Bilanzierung. Zudem sollte der Fokus stärker daraufgelegt werden, wie solche Instrumente im Insolvenzfall zu behandeln sind. Je mehr Klarheit Unternehmen und Investoren haben, umso attraktiver werden diese Instrumente.

In einem zweiten Schritt wäre eine Harmonisierung dieser Finanzierungsinstrumente innerhalb der EU wünschenswert, damit ein einheitlicher Markt über Ländergrenzen hinweg entstehen könnte. Wir schlagen deshalb die Entwicklung eines neuen pan-europäischen Hybridinstruments vor.

Neues hybrides Instrument gefordert

Wie genau sollte dieses neue Instrument aussehen?
Es gibt viele Möglichkeiten, wie das genau ausgestaltet sein könnte. Denkbar wäre ein fixer Kupon, kombiniert mit einer Gewinnbeteiligung. Man könnte auch einen Step-up-Mechanismus einbauen, bei dem die Zinsen in Stufen ansteigen und der für Unternehmen damit einen Anreiz setzt, diese Papiere frühzeitig wieder zurückzukaufen. Einen ähnlichen Effekt hätte auch eine Umwandlung in Eigenkapital nach einigen Jahren, wenn Unternehmen es nicht schaffen, die Schulden abzuzahlen. Aus unserer Sicht wäre es auch sinnvoll, dieses Instrument an ESG-Faktoren zu knüpfen, um es für Investoren noch attraktiver zu machen.

Eine Harmonisierung auf EU-Ebene braucht viel Zeit, ebenso die Einführung eines neuen Kapitalmarktinstruments. Akut würde das wohl kaum helfen, um die Eigenkapitallücke zu schließen. Was müsste aus Ihrer Sicht kurzfristig gemacht werden, um die Insolvenzwelle abzuwenden, die Sie befürchten?

Für kleinere Unternehmen könnte es umfassendere staatliche Hilfen in der Form von Eigenkapital geben. Denkbar wären auch Fonds öffentlicher Hand, die speziell in Hybridinstrumente für KMU investieren. Auch eine Risikoübernahme oder Risikoteilung von Seiten des Staates wäre eine Option. Die KfW-Programme auf der Kreditseite sind ein Beispiel in Europa dafür. Es gibt bereits staatliche Unterstützung, etwa von Seiten des European Investment Funds. Aus unserer Sicht werden die bestehenden Maßnahmen aber nicht ausreichen. Es geht schließlich auch nicht nur darum, die negativen Folgen der Krise abzufedern, die Unternehmen müssen auch Zugang zu Kapital erhalten, um in ihre Zukunft zu investieren.

antonia.koegler[at]finance-magazin.de