Robust, robuster, Factoringmarkt? Bisher hat sich das Factoring im Mittelstand trotz Coronakrise gut geschlagen. Doch damit könnte bald Schluss sein.

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11.08.20
Finanzierungen

Ist Factoring gegen Corona immun?

Erstaunliche Zahlen: Factoring im Mittelstand trotzt bislang der Coronakrise, der Markt wächst sogar. Aber wie lange noch?

Die Coronakrise prallt am Markt für Factoring ab: Auf das Wachstumsjahr 2019 scheint ein ebenfalls dynamisches Jahr 2020 zu folgen, und das trotz des katastrophalen wirtschaftlichen Umfelds. Nach Zahlen des Bundesverbands Factoring für den Mittelstand (BFM) stieg das Volumen der Forderungen, die Mittelständler abgaben, im ersten Halbjahr gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 5,3 Prozent. Schon im Gesamtjahr 2019 war das Factoring-Volumen im Mittelstand um 8,7 Prozent gewachsen, im Jahr davor sogar um 9 Prozent.

Factoring ist klassisches Kriseninstrument

Obwohl in schwachen Wirtschaftslagen eigentlich immer alternative Finanzierungen wie Factoring in den Vordergrund rücken, überraschen die neuen Marktzahlen. Denn zum einen ist der Markt für Bankfinanzierungen in der Coronakrise geradezu explodiert – Stichwort KfW-Hilfen. Zum anderen hat der scharfe Wirtschaftseinbruch im Frühjahr auch das Volumen der neu entstehenden Forderungen massiv reduziert. Überdies nehmen Factoring-Anbieter selbst nur Forderungen an, deren Begleichung wahrscheinlich ist.

Aber offenbar erlebte der Factoring-Markt nur eine Delle: „Nach den pandemiebedingten Rückgängen im April und Mai sahen wir im Juni die Trendwende bei den Factoring-Umsätzen“, berichtet Michael Ritter, Vorstandsvorsitzender des BFM. Grund für die Trendwende sei gewesen, dass das „Geschäftsmodell der bankenunabhängigen Finanzierung und schnellen Bereitstellung von Liquidität dem Mittelstand einen Nutzen bietet, der gerade auch in Zeiten des wirtschaftlichen Neustarts gefragt ist“ – behauptet der Verband.

Was passiert im zweiten Halbjahr?

Doch Fragezeichen bleiben, ob sich Factoring tatsächlich nachhaltig gegen die Coronakrise stemmen kann. Die Entwicklung in der zweiten Jahreshälfte dürfte zu dieser Frage mehr Hinweise liefern als die jetzt vorgelegten Zahlen.

Die Experten des BFM rechnen mit einer erneuten Trendwende: „Wir gehen davon aus, dass sich im erfahrungsgemäß starken zweiten Halbjahr das Vorjahresniveau nicht erreichen lässt.“ Besonders schwer dürfte es im vierten Quartal werden, sofern tatsächlich im September die gelockerten Insolvenzregeln auslaufen sollten. Der Branchenverband erwartet, dass dies eine Welle von Insolvenzen auslösen würde, in deren Folge die Factoring-Gesellschaften aus Risikogründen viele Forderungen ablehnen würden.

Jedoch zeichnet sich in Berlin ab, dass die weichen Insolvenzregeln um mindestens ein halbes Jahr verlängert werden könnten. Die mittelständischen Factoring-Gesellschaften reagieren, indem sie abwarten. Während Ende 2019 noch 66 Prozent von wachsenden Umsätzen ausgingen, sind es derzeit nur 42 Prozent.

Auch bei Großunternehmen boomt Factoring

Ein ähnliches Bild zeichnen auch die Zahlen des Deutschen Factoring Verbands (DFV), der nach eigenen Angaben 98 Prozent des deutschen Marktes abbildet. Dem DFV zufolge stiegen die gesamten deutschen Factoring-Umsätze im ersten Halbjahr von 132,8 auf 134,9 Milliarden Euro – ein Plus von immerhin 1,6 Prozent.

Jedoch sank die Zahl der Unternehmen, die auf Factoring setzen, um 11,6 Prozent auf 80.8000 Kunden – nach Angaben des DFV zum Teil aber auch wegen „Portfolioumstellungen“. Die Mitglieder des DFV gehen davon aus, dass Corona den Factoring-Markt stark abbremsen wird. So erwarten 40 Prozent, dass sich der deutsche Markt nur „ausreichend entwickeln wird“. Dass der Markt sich „mangelhaft“ oder „ungenügend“ entwickeln wird, schätzen 13 Prozent der Mitglieder. So negativ gestimmt waren die Mitglieder seit vielen Jahren nicht mehr.

Die Warenkreditversicherer sind der Schlüssel

Dass sich das Factoring-Geschäft insgesamt noch so gut hält, führen die Anbieter dieses Produkts vor allem auf die Stützung der Warenkreditversicherer durch den Bund zurück. Der Bund übernahm im April den ersten Teil des Risikos, im Gegenzug müssen die Versicherer Prämien abtreten.

Sobald diese Maßnahme aber ausläuft, drohen den Factoring-Gesellschaften Probleme. „Zum Herbst hin muss dringend über eine Prolongation der Vereinbarung der Bundesregierung mit den Warenkreditversicherern beraten werden“, fordert DFV-Vorstand Helmut Karrer. „Gerade in Zeiten einer dann möglicherweise einsetzenden Insolvenzwelle muss man es den Warenkreditversicherern ermöglichen, ihren Kunden weiterhin Kreditlimite im bestehenden Umfang zur Verfügung zu stellen.“

sarah.backhaus[at]finance-magazin.de

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