Das Nachfolgesegment des Entry Standard nimmt Gestalt an. Jetzt hat die Deutsche Börse die Spielregeln für das neue KMU-Segment präsentiert.

Deutsche Börse

14.12.16
Finanzierungen

Börse präzisiert Spielregeln für neues KMU-Segment

Die Deutsche Börse liefert weitere Details zu ihrem neuen KMU-Segment, das den Entry Standard ersetzt. Was ein Listing dort kostet, wer hinein darf und wer haftet – der FINANCE-Überblick.

Die Deutsche Börse hat das Regelwerk für ihr neues Mittelstandssegment („KMU-Segment“)  vorgelegt. Das neue Segment, das noch keinen Namen hat, soll ab März kommenden Jahres den Entry Stand ersetzen, der durch zahllose Pleiten und Skandale in Verruf geraten ist.

Auch wenn noch nicht alle wichtigen Punkte final geregelt sind, unterstreicht die Börse mit den neuen Spielregeln ihren Anspruch, die Markthygiene zu verbessern. So nimmt sie bei prospektähnlichen Emissionsunterlagen die beantragenden Kapitalmarktpartner der Emittenten dezidiert mit in die Haftung, wenn auch – weil anders rechtlich nicht möglich – nur gegenüber der Deutschen Börse selbst und nicht gegenüber den Käufern der Wertpapiere.

Geht ein Emittent mit einem vollwertigen Wertpapierprospekt an das neue KMU-Segment, müssen die Kapitalmarktpartner hingegen nach wie vor nicht mit unterschreiben. Dies ist allerdings eine Vorgabe des Gesetzgebers und keine der Deutschen Börse. „Das Konzept erscheint mir ausgegoren, zwingt die Kapitalmarktpartner zu sorgfältigem Handeln, um einer mittelbaren Haftung zu entgehen und dürfte damit dazu beitragen, alte Missstände zu vermeiden“, glaubt der Kapitalmarktanwalt Robert Michels, Partner bei der Kanzlei Dentons.

Wie stark kann die Börse bei den Kapitalmarktpartnern selektieren?

In ihrem Entwurf zum Regelwerk, der FINANCE vorliegt, definiert die Börse auch, welche Anbieter überhaupt als Kapitalmarktpartner zugelassen werden: Der Kreis beschränkt sich auf Banken, Finanzdienstleister, Anwaltskanzleien und Wirtschaftsprüfer. Mindestens einen von der Börse zugelassenen Vertreter dieser Berufsgruppen muss ein Emittent an seine Seite holen, sonst hat er keine Chance, in das neue KMU-Segment hineinzukommen. Eine genauere Präzisierung des Regelwerks für die Kapitalmarktpartner soll noch folgen, kündigt die Deutsche Börse an.

Die Marktteilnehmer werden mit großem Interesse beobachten, wie sorgfältig die Deutsche Börse bei der Zulassung der Kapitalmarktpartner selektiert. Speziell wie sie sich gegenüber Banken und Emissionsberatern positioniert, die in der Vergangenheit skandalträchtige Emittenten an den Markt für Mittelstandsanleihen gebracht haben, dürfte interessant werden.

Derzeit schwer abzusehen ist ebenfalls, ob abgelehnte Bewerber über den Klageweg versuchen werden, doch noch als Kapitalmarktpartner zugelassen zu werden. Womöglich muss die Deutsche Börse zunächst einen Musterprozess durchstehen, bis endgültig klar wird, mit welcher Kraft der Handelsplatz die gewünschte Markthygiene überhaupt durchsetzen darf.

So viel kostet das Listing im neuen KMU-Segment

Aus dem Papier der Deutschen Börse geht auch hervor, wie das neue Segment strukturiert ist und wie genau Unternehmen in das neue KMU-Segment hineinkommen können. Der Freiverkehr der Deutschen Börse wird künftig aus drei Ebenen bestehen: dem kaum regulierten Quotation Board, einem „Basic Board“ und schließlich dem KMU-Segment als Premiumsegment des Freiverkehrs. Alle Unternehmen, die jetzt im Entry Standard notiert sind, landen zunächst im Basic Board, können bis zum 24. März aber einen vereinfachten Zugang zum KMU-Segment beantragen.

Dafür müssen sie mehrere Mindestkriterien erfüllen: Aktienemittenten bezüglich Größe und Profitabilität (Details dazu gibt es hier), Bondemittenten bezüglich Verschuldungs- und Zinsdeckungsgrad. Außerdem müssen Aktienemittenten mindestens 10 Millionen Euro Marktkapitalisierung auf die Waage bringen. Bondemittenten eine Anleihe von mindestens 20 Millionen Euro ausstehen haben. Über 80 Emittenten dürften diese Kriterien anfangs erfüllen, schätzt Michels. Neuemittenten auf der Aktienseite werden in Zukunft aber schon eine Mindestkapitalisierung von 30 Millionen Euro mitbringen müssen, um im KMU-Segment gelistet zu werden.

Die Aufnahme in das KMU-Segment kostet für Aktienemittenten einmalig 20.000 Euro, hinzu kommen für Unternehmen mit einem Marktwert von über 30 Millionen Euro noch Extra-Beträge, die mit zunehmender Marktkapitalisierung immer weiter steigen und einen mittleren fünfstelligen Betrag erreichen können. Für Bondemittenten liegen die Einbeziehungskosten pauschal bei 10.000 Euro. Die laufende Notierung im KMU-Segment wird für Aktienemittenten 20.000, für Bondemittenten 10.000 Euro pro Jahr kosten. Extra-Gebühren für das Pflicht-Research, das die Deutsche Börse beauftragt und bezahlt, fallen nicht an. 

Deutsche Börse lockt ausländische Emittenten ins KMU-Segment

Interessant ist auch, dass die Deutsche Börse für anderswo kapitalmarktnotierte Unternehmen die Tür zu ihrem KMU-Segment weit aufstößt: Sie ermöglicht jedem Unternehmen, dass an einer bekannten anderen Börse notiert ist, die Handelsaufnahme in das KMU-Segment ohne neuen Börsenprospekt. Diese Möglichkeit dürfte Emittenten zahlreicher nichtdeutscher Börsenplätze offenstehen, zum Beispiel für Unternehmen von der US-Börse Nasdaq, der Londoner AIM oder der Wiener und der Schweizer Börse.

„Ich kann mir vorstellen, dass dies den einen oder anderen ausländischen Emittenten anlocken wird – vor allem, wenn ihnen in Deutschland die Sichtbarkeit eines First Movers winkt“, glaubt Dentons-Partner Michels. Unterm Strich findet er lobende Worte für die neuen Spielregeln: „Die Deutsche Börse hat ihren Teil erfüllt und eine wohl konzipierte und den aktuellsten EU-Vorgaben entsprechende KMU-Plattform geschaffen“, findet der Kapitalmarktrechtler.

michael.hedtstueck[at]finance-magazin.de

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