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Ist Grenke das neue Wirecard?

Viceroy wirft Grenke einige Ungereimtheiten vor, manche Marktteilnehmer sehen Parallelen zu Wirecard. Zu Recht?
Picture Alliance/Dpa/Uli Deck

Kurssturz um über 50 Prozent, 1,3 Milliarden Euro vernichteter Börsenwert: Der 14. September und die darauffolgenden Tage waren eine Zäsur für Grenke. Der Grund für die heftige Marktreaktion: Der bis dahin unauffällige Mittelständler aus Baden-Baden war unerwartet ins Visier des berüchtigten US-Shortsellers Viceroy geraten. In seinem 64-seitigen Bericht sowie mehreren kürzeren nachfolgenden Papieren veröffentlichte das Research-Haus heftige Vorwürfe gegen Grenke: Vetternwirtschaft, Bilanzmanipulation und Beihilfe zu Geldwäsche seien dort an der Tagesordnung.

Besonders pikant: Viceroy, hinter dem der bekannte Investor Fraser Perring steht, hatte zuvor bei dem Möbelhersteller Steinhoff und dem Zahlungsdienstleister Wirecard mit Vorwürfen zu Bilanzmanipulationen ins Schwarze getroffen. Dieser Track Record lässt seine neueste Attacke bei vielen Aktionären glaubwürdig erscheinen. Auch Perring ist sich dessen bewusst: In seinem Analysebericht zieht er immer wieder den Vergleich mit Wirecard, dem größten Bilanzskandal der deutschen Nachkriegsgeschichte. Ist Grenke wirklich das neue Wirecard, wie es manche befürchten? Sind die Badener mit ähnlich hoher krimineller Energie am Werk?

Grenke: Einfaches Geschäft, komplexe Bilanzierung

Auf den ersten Blick könnten die beiden Unternehmen unterschiedlicher kaum sein. Wirecard galt bis zum Auffliegen des Skandals als deutsches Vorzeige-Tech-Unternehmen: ein internationaler Zahlungsdienstleister mit innovativem Geschäftsmodell, gelistet im Dax. Grenke hingegen ist glatt das Gegenteil: ein unauffälliger Finanzdienstleister aus Baden-Baden mit solidem, aber nicht gerade innovativem Geschäftsmodell, Fokus auf Leasing von Büro-Hardware. Der fast schon langweilige Mittelständer mit einigen Hundert Millionen Euro Zinserträgen ist seit Juni 2019 im MDax gelistet.

Doch eine große Gemeinsamkeit verbindet beide Unternehmen: Beide sind Finanzdienstleister und haben ein auf den ersten Blick zwar einfaches Geschäftsmodell – Wirecard wickelte elektronische Zahlungen ab, Grenke verleast Bürogegenstände und kauft Forderungen an –, doch die Bilanzierung ist komplex und schwer zu durchblicken. Das lässt die Vorwürfe des Shortsellers Viceroy auf fruchtbaren Boden fallen.

Ein Vorwurf, bei dem sich Grenke-Aktionäre schmerzlich an Wirecard erinnert fühlen dürften, berührt die Themen Kaufpreise und Eigentümerverhältnisse. So wurde Wirecard etwa vorgeworfen, Unternehmen in Indien zu überhöhten Kaufpreisen erworben zu haben von einem Fonds, der – wie man heute vermutet – Wirecard-Managern selbst gehört haben könnte. Eine Parallele sieht Perring auch bei Grenke: Konkret geht es um das Franchise-Modell, bei dem ehemalige Grenke-Mitarbeiter Leasingfirmen im Ausland aufbauten und später an Grenke verkauften. Die zugekauften Firmen seien defizitär, der durch den Kauf bilanzierte Goodwill daher aufgebläht, so Viceroys Vorwurf.

Ist der Goodwill bei Grenke zu hoch oder nicht?

Grenke selbst verteidigt den Goodwill mit den Potentialen der jungen Lizenznehmer, die das Unternehmen in der Zukunft sieht. Die Meinungen gehen auseinander. „Ob der ausgewiesene Goodwill nun angemessen ist oder nicht, das muss der beauftragte Sonderprüfer analysieren“, meint Nikolaj Schmolcke, selbständiger Unternehmensberater mit Schwerpunkt Abschlussanalyse, der sich mit dem Fall Grenke beschäftigt hat.

„Fakt ist aber, dass der bilanzierte Goodwill gerade einmal bei rund 100 Millionen Euro liegt – das fällt bei einer Bilanzsumme von über 7 Milliarden Euro kaum ins Gewicht.“ Selbst wenn eine Korrektur notwendig werden sollte, könne man hier sicher nicht von einem Bilanzskandal im Ausmaß von Wirecard sprechen, so der Experte. Inzwischen hat Grenke auch angekündigt, das Franchise-Modell in der bisherigen Form aufzugeben und Start-ups künftig intern aufzubauen.

Welche Rolle hat Wolfgang Grenke?

Deutlich mehr Sprengstoff birgt eine andere von Viceroy aufgeworfene Frage: Wer steht denn eigentlich hinter den Verkäufern der Franchise-Unternehmen? Wer profitiert? Eigentümer der Start-ups ist die CTP Handels- und Beteiligungs GmbH, deren Gesellschafter seit Jahresbeginn 2020 Grenke-Gründer Wolfgang Grenke selbst ist. Der 69-Jährige saß bis vor wenigen Wochen noch im Aufsichtsrat von Grenke und könnte zudem schon vor Jahresbeginn über ein undurchsichtig verschachteltes System indirekt an CTP beteiligt gewesen sein. Dieser Interessenskonflikt wäre offenkundig.

Überzeugend erklären konnte das Unternehmen die unnötig komplizierte Beteiligungsstruktur und das Franchise-System, das um den Gründer kreist, bisher noch nicht. Die Vorwürfe erinnern, oberflächlich betrachtet, an die unklaren Eigentümerverhältnisse bei Wirecards Indien-Zukäufen. Diese undurchsichtigen Strukturen scheinen für einen MDax-Konzern zudem nicht passend – auch Wirecard hatte ein für einen Dax-Konzern mängelbehaftetes internes Kontrollsystem.

Solche Zukäufe wie in Indien könnten bei Wirecard den Zweck gehabt haben, Geld aus dem Konzern zu schleusen, vermutet man heute. Am Ende fehlten 1,9 Milliarden Euro Cash auf Treuhandkonten in Asien – das brachte Wirecard schließlich in die Insolvenz. Shortseller Vicerory wirft auch Grenke vor, ausgewiesenes Geld würde schlicht nicht existieren. Doch diesen Vorwurf hat Grenke bereits ausgeräumt. KPMG hätte 98 Prozent des Geldes auf Konten der Deutschen Bundesbank nachgewiesen, gab der Finanzdienstleister gut drei Wochen nach der Shortseller-Attacke bekannt.

„Das ist ein großer Unterschied zu Wirecard“, meint der emeritierte Professor Volker Peemöller, der auf Bilanzskandale spezialisiert ist und unter anderem an der Universität Erlangen-Nürnberg gelehrt hat. „Es war geschickt von Wirecard zu behaupten, dass die Gelder auf Treuhandkonten lägen, denn hier waren dem Prüfer rechtlich die Hände gebunden, Belege bei den Banken selbst anzufragen. Bei einem Beleg von der Bundesbank, wie er jetzt bei Grenke vorliegt, kann man allerdings davon ausgehen, dass das Geld existiert.“

Grenke reagiert schnell – Wirecard hielt hin

Ein Unterschied zwischen Wirecard und Grenke zeigt sich auch im Umgang mit den Vorwürfen. Wirecard hat stets versucht, jegliche Kritik im Keim zu ersticken, teilweise auch, indem Kritiker eingeschüchtert wurden. Trotz jahrelanger, teils gravierender Verdächtigungen konnte sich der Aufsichtsrat, der im Übrigen keinen Prüfungsausschuss hatte, außerdem erst im Herbst 2019 zu einer Sonderprüfung durchringen. „Grenke hingegen hat ausführlich und in angemessener Zeit auf die Vorwürfe reagiert und sofort ein Sondergutachten angekündigt“, hebt Peemöller hervor.

Zunächst sollte der bisherige Prüfer KPMG die Sonderprüfung allein durchführen. Nachdem dies öffentlich kritisiert wurde, holte man Warth & Klein Grant Thornton an Bord. Die Bafin hat außerdem noch Mazars mit der Prüfung anderer Teilaspekte beauftragt – somit sind drei Gesellschaften bei Grenke im Haus, was die Glaubwürdigkeit der Prüfungsergebnisse erhöhen dürfte. Anders als Wirecard hat Grenke außerdem einen Prüfungsausschuss – wenn Bilanzierungsexperten im Aufsichtsrat einen Blick auf die Geschäftsberichte werfen, sinkt die Wahrscheinlichkeit für Manipulationen.

Auch wenn es ein paar oberflächliche Gemeinsamkeiten zwischen Grenke und Wirecard gibt, so scheinen die Aktionäre nach dem ersten Schock nicht mehr an den großen Bilanzskandal bei Grenke zu glauben. Ganz überzeugt davon, dass es nichts zu beanstanden gibt, sind die Anleger aber noch nicht: Der Aktienkurs hat sich zwar etwas stabilisiert, das frühere Niveau aber noch nicht erreicht.

Grenke-CFO Hirsch will an Bilanzierung arbeiten

Neben der undurchsichtigen Rolle Wolfgang Grenkes dürfte die schwer zu durchdringende Bilanzierung dazu beitragen. Das Problem: In Grenkes Bilanz, Gewinn- und Verlustrechnung und Cashflow-Rechnung werden aufgrund von IFRS-Vorschriften die Geschäfte aus Leasing, Factoring und Bank zusammengeworfen. Viele gängige Kennzahlen für eine Analyse haben daher kaum Aussagekraft. „Aber am Ende des Tages haben wir auch keine andere Wahl, als die IFRS-Standards zu beachten“, beklagte sich CFOSebastian Hirsch kürzlich in einem Interview mit FINANCE.

Doch völlig sind ihm die Hände nicht gebunden: Es ist erlaubt, zusätzliche Kennzahlen in Geschäftsberichten aufzuführen. Und es gibt weitere Überlegungen: „Neben der Aufschlüsselung der drei Sparten in unserer Darstellung planen wir auch, die großen Bilanz- und Cashflow-Positionen stärker hervorzuheben und diese ausführlicher und vor allem klarer zu kommentieren“, so Hirsch. Gerade nach einem Bilanzskandal wie bei Wirecard kann sich ein Unternehmen wie Grenke undurchsichtige Eigentümerverhältnisse und schwer verständliche Zahlenwerke nicht leisten. Mehr Transparenz ist den Badenern stark anzuraten.

julia.schmitt[at]finance-magazin.de

Info

1978 in Baden-Baden von Wolfgang Grenke gegründet, konzentriert sich Grenke zunächst nur auf Leasing von Büroausstattung wie Telefonanlagen, Kopierer und Computer. Heute ist Grenke auch im Factoring und Banking tätig und beschäftigt in 32 Ländern mehr als 1.700 Mitarbeiter. 2020 beläuft sich das Zinsergebnis auf rund 369 Millionen Euro. Mehr zum Unternehmen und der Shortseller-Attacke finden Sie auf unserer Themenseite zu Grenke.

Der Grenke-CFO Sebastian Hirsch kennt den Finanzdienstleister sehr gut: Er hat bisher seine gesamte Karriere bei Grenke verbracht. Mehr zu seinen Stationen bei Grenke finden Sie im Köpfe-Profil von Sebastian Hirsch.

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Julia Schmitt ist Chef vom Dienst bei FINANCE-Online und Moderatorin bei FINANCE-TV. Sie betreut die Themenschwerpunkte Wirtschaftsprüfung, Controlling und Bilanzierung. Julia Schmitt hat einen Abschluss in Volkswirtschaftslehre und Publizistik und arbeitete während ihres Studiums unter anderem in der Online-Redaktion der ZDF heute.de-Nachrichten.