Gleich mehrere verschiedene Banken haben im Schuldscheinmarkt Digitalisierungsoffensiven gestartet. Allen digitalen Plattformen ist gemein, dass sie mit erheblichen Zeit- und Kostenersparnissen werben. Für das Münchener Traditionsunternehmen Giesecke+Devrient, das sich vom Hersteller von Maschinen zum Drucken von Bargeld zu einem Spezialisten für Sicherheitstechnologie gewandelt hat, war diese Entwicklung aber kein Grund, bei seinem Debütschuldschein einen anderen Weg als den herkömmlichen zu gehen.
„Unseren Schuldschein über eine digitale Plattform zu begeben, war für uns kein Thema“, sagt Giesecke+Devrient-CFO Peter Zattler zu FINANCE. Der Grund: „Wir sind das erste Mal an den Schuldscheinmarkt gegangen, mussten zunächst eine Dokumentation erstellen und brauchten Beratung seitens der Banken.“
Zattler berichtet, dass ihm die Arrangeure des Schuldscheins, BayernLB und DZ Bank, den klassischen Weg empfohlen haben. Zu diesem Zeitpunkt im April fand gerade die erste Emission über die digitale Schuldscheinplattform VC Trade statt. Vor diesem Hintergrund sagt Zattler: „Mit dem klassischen sind wir den berechenbareren Weg gegangen.“
Darum wählt Giesecke+Devrient den Schuldschein
Der CFO hatte sich für einen Schuldschein entschieden, um das „Fremdkapital-Instrumentarium von Giesecke+Devrient um einen dritten Baustein zu verbreitern“. Bislang waren die Münchener über einen Konsortialkredit in Höhe von 180 Millionen Euro mit einer Laufzeit bis Mai 2022 sowie über verschiedene Darlehen der Europäischen Investitionsbank (EIB) finanziert. Mittels der Schuldscheinplatzierung konnte der Finanzchef eine dritte Investorengruppe für sich erschließen, denn vor allem Sparkassen und genossenschaftliche Institute sowie deutsche Geschäftsbanken zeichneten den Schuldschein.
Insgesamt 200 Millionen Euro sammelte Giesecke+Devrient über den Schuldschein ein. Das Volumen verteilt sich laut Zattler ungefähr zu je einem Drittel auf eine fünf-, sieben-, und zehnjährige Tranche, wobei die fünfjährige Tranche sowohl fest als auch variabel verzinst wird. Ursprünglich wollte der Finanzchef nur 75 bis 100 Millionen Euro platzieren. „Da uns die Investoren aber über 300 Millionen angeboten und wir in den kommenden Monaten durchaus Finanzierungsbedarf haben, stockten wir das Volumen auf.“
Giesecke+Devrient will weiter wachsen
„Man braucht nicht überall die großen Stäbe der Banken.“
Die Münchener sind auf Wachstumskurs und haben in den kommenden Monaten verschiedene Projekte zu finanzieren: Mitte Januar dieses Jahres gewannen sie einen Großauftrag über 260 Millionen Euro in Ägypten. Die ägyptische Zentralbank hat das Familienunternehmen beauftragt, eine integrierte Anlage für die Produktion und die Bearbeitung von Banknoten im neuen Regierungszentrum Ägyptens südöstlich von Kairo zu planen und zu bauen.
Mitte Juli, kurz vor Bekanntgabe der Schuldscheinplatzierung, konnte sich der Konzern in Bangladesch einen weiteren Millionenauftrag sichern: Veridos, ein Joint Venture von Giesecke+Devrient und der Bundesdruckerei im Geschäft mit Identifikationslösungen, soll für die Einwanderungs- und Passbehörde von Bangladesch in den kommenden zwölf Jahren elektronische Reisepässe bereitstellen sowie Grenzkontrollsysteme liefern und betreiben. „Es gibt noch zwei bis drei weitere Projekte, die in den nächsten Monaten Realität werden können“, sagt Zattler, der schon seit 2001 die Finanzen von Giesecke+Devrient steuert.
CFO Zattler offen für Fintechs und digitale Plattformen
Dem gerade platzierten Schuldschein könnten deshalb auch weitere Emissionen folgen, und da kann sich der CFO durchaus auch eine Platzierung über eine der digitalen Schuldscheinplattformen vorstellen: „Ich kann zwar im Moment noch nicht einschätzen, ob sich diese digitalen Plattformen etablieren werden, aber ich bin für sie durchaus offen.“ In Zukunft könnten sie eine interessant Option sein, schließlich brauche man nicht überall die großen Stäbe der Banken, ist der CFO überzeugt.
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Manchen Fintechs traut der erfahrene Finanzchef zu, den Banken das Geschäft streitig zu machen. Bestes Beispiel hierfür ist der Fintech-Pionier 360T. Mit der Devisenhandelsplattform arbeitet auch Giesecke+Devrient zusammen. „Im Währungsbereich hätte man vor zehn Jahren nicht daran geglaubt, dass elektronischer Devisenhandel möglich ist“, sagt Zattler. Heute sei er nicht mehr wegzudenken. „360T hat zu mehr Transparenz im Devisenhandel geführt.“ Auf eine ähnliche Entwicklung setzt Zattler auch im Geschäft mit Kapitalmarktemissionen.
Sabine Paulus ist seit 2008 Redakteurin beim Fachmagazin FINANCE und der Online-Publikation DerTreasurer. Ihre Themenschwerpunkte sind Personal, Organisation, Karriere und Finanzierung. Sie ist M.A. und hat an der Universität Konstanz unter anderem das Hauptfach Deutsche Literatur studiert.