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Lieferengpässe führen zu mehr Insolvenzen

Wo ist die Ware? Durch Lieferengpässe geraten immer mehr produzierende Unternehmen in Schieflage, zeigt der neue FINANCE-Insolvenz-Report
Wo ist die Ware? Durch Lieferengpässe geraten immer mehr produzierende Unternehmen in Schieflage, zeigt der neue FINANCE-Insolvenz-Report. Foto: BlackMediaHouse - stock.adobe.com

Störungen in der Lieferkette bringen einige Unternehmen in die Bredouille: Während Einzelhandel und Dienstleister gut über den Sommer gekommen sind, steigen die Insolvenzzahlen im produzierenden Gewerbe und insbesondere im Automotive-Sektor. Das zeigt der aktuelle FINANCE-Insolvenz-Report, für den die Restrukturierungsberatung Falkensteg exklusiv für FINANCE die Großinsolvenzen von Unternehmen mit einer Umsatzgröße ab 20 Millionen Euro auswertet.  

Zwar liegt die Zahl der Insolvenzanträge bei Großunternehmen immer noch auf einem niedrigen Niveau, doch im September gab es erste Anzeichen für eine negative Trendwende: Neun der insgesamt 14 Insolvenzen des dritten Quartals wurden im September angemeldet. In Summe war die Zahl der neuen Insolvenzen jedoch nur knapp halb so hoch wie im dritten Quartal 2020, als 33 Verfahren verbucht wurden.

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Automotive führt Insolvenzliste an

Auffällig dieses Mal: Mit den Bolta-Werken, der Heinze-Gruppe, A-Kaiser und Emil Bucher sind die vier größten Insolvenzen des dritten Quartals – alle mit einem Umsatzvolumen von mehr als 100 Millionen Euro – im Automotive-Segment verortet. Eine weitere Gemeinsamkeit: Auf eine Eigenverwaltung können die Unternehmen nicht setzen, in allen Verfahren wurde die Regelinsolvenz angeordnet. Während sich Eigenverwaltung und Regelverfahren in den Vorquartalen in etwa die Waage hielten, wurden im dritten Quartal elf der 14 Insolvenzanträge in ein Regelverfahren verwiesen.

„Die Abrufe in den nächsten vier Monaten werden kaum besser werden.“

Johannes von Neumann-Cosel, Falkensteg

Falkensteg-Partner Johannes von Neumann-Cosel erwartet zwar keine große Insolvenzwelle im Automotive-Bereich, jedoch fahren viele Zulieferer seiner Beobachtung nach derzeit auf Sicht: Die Lücke zwischen den Abrufen der OEM und ihren ursprünglich einmal getätigten Bestellungen vergrößere sich seit Mitte des Jahres.

Viele Unternehmen passen die Produktionsplanung und Materialbeschaffung inzwischen an die tatsächlichen Lieferungen der Vorwochen an, berichtet der Restrukturierer. „Noch wichtiger ist es aber, einen täglichen Blick auf die Liquiditätssituation zu werfen. Die Abrufe in den nächsten vier Monaten werden kaum besser werden. Das muss jetzt in die Unternehmensplanung einfließen“, rät von Neumann-Cosel.

Düstere Aussichten für Retail-Unternehmen

Ein schwieriger Jahresausklang steht auch der Retail-Branche bevor: Klassische Einzelhändler sehen die Kauflaune der Kunden durch steigende Inzidenzwerte bedroht, und Lieferengpässe insbesondere bei Elektronikartikeln schlagen auf Präsenz- wie Onlinehandel durch – keine guten Vorzeichen für das so wichtige Weihnachtsgeschäft. „Weihnachten ist das Hauptgeschäft, in dem der Einzelhandel seine Gewinne erzielt und damit den Wareneinkauf vorfinanziert. Knirscht es zu dieser Zeit, hat das erhebliche Auswirkungen. Da bei vielen Händlern die Substanz inzwischen aufgebraucht ist, könnte nach dem Auslaufen der staatlichen Hilfen eine Pleitewelle der Retailer folgen“, befürchtet von Neumann-Cosel.

„Nach dem Auslaufen der Hilfen könnte eine Pleitewelle der Retailer folgen.“

Johannes von Neumann-Cosel, Falkensteg

Ein positives Signal sendet die aktuelle Fortführungsquote: Der Großteil der Unternehmen, die im vergangenen Jahr Insolvenz anmelden mussten, hat eine zweite Chance bekommen. Von insgesamt 180 Insolvenzanträgen sind 125 durch den Verkauf an einen Investor (85) oder über einen Insolvenzplan (40) saniert worden. Damit liegt die Rettungsquote bei stolzen 69 Prozent und damit deutlich über dem Schnitt der Vorjahre von jeweils rund 60 Prozent. Weitere 16 Verfahren aus 2020 sind noch offen und könnten die Fortführungsquote weiter steigern.

In den ersten drei Quartalen 2021 wurden bislang insgesamt 48 Verfahren angemeldet. Zehn Unternehmen haben über einen Asset Deal neue Besitzer gefunden, in vier Fällen wurde ein Insolvenzplan vereinbart.

sabine.reifenberger[at]finance-magazin.de

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Sabine Reifenberger ist Chef vom Dienst der FINANCE-Redaktion. Ihre redaktionellen Themenschwerpunkte sind Restrukturierung, die Transformation der Finanzabteilung und Finanzierungsthemen. Seit 2012 moderiert sie beim Web-TV-Sender FINANCE-TV. Außerdem verantwortet sie den Themenhub FINANCE-Transformation, die Distressed Assets Konferenz und das FINANCE CFO Panel. Die Politologin volontierte bei einer Tageszeitung und schrieb während des Studiums als freie Journalistin unter anderem für das Handelsblatt und die Financial Times Deutschland.

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