Der Netzwerkausrüster Euromicron hat einen Antrag auf Schutzschirmverfahren gestellt. Großaktionär Funkwerk ist darüber entrüstet.

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12.12.19
Wirtschaft

Euromicron-Pleite: Großaktionär Funkwerk ist sauer

Der börsennotierte Netzwerkausrüster Euromicron ist insolvent. Die Pleite kam offenbar überraschend – vor allem für Funkwerk. Der Großaktionär ist entrüstet über Euromicrons Kommunikation.

Euromicron rettet sich unter ein Schutzschirmverfahren. Wie der börsennotierte Netzwerkausrüster aus Neu Isenburg in dieser Woche mitteilte, muss er „nach umfassender Prüfung aller bestehenden Optionen“ einen Antrag auf Einleitung eines Schutzschirmverfahrens beim Amtsgericht Offenbach stellen. Das Unternehmen hat nun drei Monate Zeit, die Finanzierung neu zu regeln. Die Euromicron-Aktie stürzte daraufhin um mehr als 90 Prozent auf 26 Cent je Anteilsschein ab.

Euromicron will Tochtergesellschaften verkaufen

Das vorläufige Eigenverwaltungsverfahren betrifft dabei nur die Euromicron-Holding. Alle in- und ausländischen Tochtergesellschaften werden nicht am Schutzschirmverfahren teilnehmen und „nach gegenwärtigem Stand“ ihren operativen Geschäftsbetrieb fortführen, teilt Euromicron mit.

Die Euromicron-Gruppe vereint eigenen Angaben zufolge 16 mittelständische Unternehmen aus den Bereichen digitalisierte Gebäude, Industrie 4.0 und kritische Infrastrukturen an 40 Standorten in Europa, China und Pakistan. Die Neu Isenburger beschäftigen 1.900 Mitarbeiter.

Für die Übernahme dieser operativen Tochtergesellschaften seinen bereits Gespräche mit einem strategischen Investor eingeleitet worden, so Euromicron. Der Investor habe heute schon ein Erwerberkonzept vorgelegt, und strebe eine Verwertungsvereinbarung mit den finanzierenden Banken und Avalgebern an.

Euromicron-Aktie im freien Fall (Aktienchart seit Montag)

Funkwerk muss Euromicron womöglich ganz abschreiben

Die Insolvenz von Euromicon betrifft jedoch nicht nur das Unternehmen selbst. Auch der erst seit Juli dieses Jahres mit mehr als 15 Prozent beteiligte Großaktionär Funkwerk bekommt die Insolvenz finanziell zu spüren.

Die Thüringer bilanzieren die Beteiligung an Euromicron mit 5,8 Millionen Euro in ihren Büchern und müssen im Zuge der Pleite eine Abschreibung vornehmen. Sie belastet das Finanzergebnis und den Jahresüberschuss im laufenden Geschäftsjahr, teilt Funkwerk mit. Das operative Geschäft sowie die Prognose für den Umsatz und das Betriebsergebnis blieben davon jedoch unberührt, so das Unternehmen.

Wie hoch diese Abschreibung konkret ausfallen wird, kann Funkwerk derzeit noch nicht mitteilen. Im schlimmsten Fall müsse aber der komplette Betrag von 5,8 Millionen Euro abgeschrieben werden, teilte Funkwerk-CEO Kerstin Schreiber auf FINANCE-Nachfrage mit.

Funkwerk: Euromicron hat Vertrauensbasis „zerstört“

Deutlich verärgerter zeigt sich Funkwerk nach außen hin aber über die Kommunikation von Euromicron: Denn das Unternehmen erreichte die Mitteilung über die Insolvenz „völlig überraschend und ohne Vorankündigung“. Über die Gespräche zur Veräußerung der Tochtergesellschaften mit einem „der Funkwerk unbekannten strategischen Investor“, sei man weder informiert noch eingeladen worden, kritisiert Funkwerk.

„Ein derart intransparentes Verhalten des Euromicron-Vorstands hat die für eine strategische Partnerschaft notwendige Vertrauensbasis zerstört“, heißt es weiter. Auf FINANCE-Nachfrage, wie es nun um die Beteiligung bei Euromicron stehe, teilte CEO Schreiber mit: „Wir können nicht mehr vertrauensvoll zusammenarbeiten und werden unser operatives Servicegeschäft nun eigenständig oder mit einem neuen Partner ausbauen.“

Ob und in welcher Höhe Funkwerk seine Beteiligung tatsächlich reduzieren wird, ist noch nicht bekannt. Euromicron wollte die Vorwürfe von Funkwerk auf FINANCE-Nachfrage nicht kommentieren.

Betroffen ist auch die Funkwerk-Mutter Hörmann Industries, die mit 78 Prozent an Funkwerk beteiligt ist. Auch Hörmann sei von der Insolvenz überrascht worden und rechnet mit einer Belastung des Finanzergebnisses und des Jahresüberschusses, hieß es.

Verhandlung von Euromicron und Banken gescheitert

Dass ein Unternehmen kurz vor der Pleite keinen Kontakt zum Großaktionär aufnimmt, ist in der Tat ungewöhnlich: Immerhin hätte dieser vielleicht mit einer Finanzspritze aushelfen können oder wäre an den zum Verkauf stehenden Töchtern interessiert.

Dabei hat sich Euromicron offenbar um finanzielle Hilfe bemüht: Im Vorfeld der Insolvenz waren nämlich „Gespräche über einen Überbrückungskredit oder andere liquiditätsstützende Maßnahmen zur Sicherung der Konzernfinanzierung“ gescheitert. Damit entfiel die positive Fortführungsprognose, und Euromicron meldete wegen Überschuldung Insolvenz an.

Euromicron sitzt auf hohem Schuldenberg

Die Anfang November veröffentlichten Neun-Monatszahlen zeigen, wie eng es war. Während das Unternehmen Ende 2018 eine Nettoverschuldung in Höhe von 92,9 Millionen Euro aufwies, war der Schuldenberg bis Ende September schon auf 104 Millionen Euro angewachsen. Dem gegenüber standen 10 Millionen Euro an flüssigen Mitteln. Ende Januar 2020 steht eine Tilgung von 25 Millionen Euro an.

Der Umsatz in den ersten neun Monaten lag bei 221,9 Millionen Euro, ein Rückgang von 11 Millionen Euro im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Euromicron verbuchte dabei einen Verlust von fast 8 Millionen Euro, was etwa dem Vorjahreswert entspricht. Mit der Veröffentlichung der Zahlen kassierte der Netzwerkausrüster Anfang November zudem seine Prognose für das Gesamtjahr 2019 und begründete das vor allem mit Auftragsverschiebungen in mehreren operativen Geschäften.

Doch das Unternehmen versuchte damals auch, positive Signale zu senden: So habe man an wichtigen strategischen Themen gearbeitet, einen Ankerinvestor gewonnen sowie eine Kapitalerhöhung erfolgreich abgeschlossen – damit ist Funkwerk gemeint. Umso überraschender ist dann die offenbar fehlende Kommunikation mit dem Investor.

Euromicron berief noch im November einen CFO

Nur eine Woche nach der Veröffentlichung der Neun-Monatszahlen gab das Unternehmen im Zuge einer Neuausrichtung außerdem Veränderungen im Vorstand bekannt. Unter anderem berief Euromicron mit Michael Hofer einen eigenständigen CFO in den Vorstand.

Hofer soll künftig neben den Finanzen auch die Ressorts Controlling, Personal und IT verantworten und als Finanzchef „die Geschäftsprozesse zur Steigerung der operativen Ertragskraft der Gesellschaften weiter verbessern“, hieß es damals. Zusätzlich soll Andreas Schmid als Chief Operations Officer (COO) in den Euromicron-Vorstand eintreten, er ist bislang noch im Vorstand von Funkwerk. Nach damaliger Aussage werden Hofer und Schmid ihre Positionen im März 2020 antreten – wo das Unternehmen dann steht, ist derweil völlig unklar.

olivia.harder[at]finance-magazin.de

Update vom 29.04.2020:

Bei der Vorlage der Geschäftszahlen für 2019 im April 2020 hat sich gezeigt, dass Funkwerk tatsächlich die vollen 5,8 Millionen Euro auf die Anteile von Euromicron abschreiben musste. Entsprechend geringer fiel das Finanzergebnis aus. Insgesamt sorgte ein gestiegenes Geschäftsvolumen aber für ein Umsatz- und Ergebnisplus, was über den Erwartungen lag: 2019 setzte Funkwerk 94,8 Millionen Euro um (Vorjahr: 82,7 Millionen Euro), das Betriebsergebnis lag bei 16,3 Millionen Euro (Vorjahr: 11,4 Millionen Euro). Aufgrund des Coronavirus hat das Unternehmen keine Prognose für 2020 abgegeben.

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