Verbrennt weiterhin hin viel Geld: Automobilzulieferer Leoni

Leoni

10.07.19
Wirtschaft

Leoni spaltet sich auf

Leoni stellt seine Kabelsparte ins Schaufenster: Der Autozulieferer will den Geschäftsbereich veräußern oder an die Börse bringen. Den Erlös kann der kriselnde Konzern dringend gebrauchen.

Leoni will sich von seiner Sparte Wire & Cable Solutions (WCS) trennen. Wie der kriselnde Autozulieferer in der Nacht zum heutigen Mittwoch mitteilte, will er den Unternehmensbereich für Kabellösungen entweder an die Börse bringen oder verkaufen. Für welche Option man sich entscheide, sei noch nicht endgültig entschieden, auch ein Anteilsverkauf sei nicht ausgeschlossen.

Idealerweise würde die Kabelsparte aber „ganzheitlich“ verkauft, teilte ein Unternehmenssprecher auf FINANCE-Anfrage mit. Gespräche mit potentiellen Kaufinteressenten hätten allerdings noch nicht begonnen. Damit werden nun die Berater betraut sein, die Leoni bereits mandatiert hat.

Mit dem Erlös will Leoni in erster Linie sein zweites Standbein, die zuletzt defizitäre Bordnetzsparte (Wiring Systems Division, WSD) stärken: „Wir wollen uns mit diesem Schritt neue finanzielle Möglichkeiten erschließen. Wir brauchen die Mittel, um die Bordnetzsparte strategisch weiterzuentwickeln”, räumte der neue Chef Aldo Kamper gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters ein. Die Autobauer forderten von Leoni ein breiteres Produktangebot zur Vernetzung der Fahrzeuge im Zeitalter der E-Mobilität.

Leoni gibt mehr als ein Drittel des Umsatzes ab

Das kann allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass der geplante Verkauf der Kabelaktivitäten ein radikaler Schritt für das SDax-Unternehmen ist: Die Sparte erwirtschaftete im abgelaufenen Geschäftsjahr einen Umsatz von 1,9 Milliarden Euro – und damit mehr als ein Drittel des Konzernumsatzes von 5,1 Milliarden Euro.

Auf welchen Erlös Leoni hoffen darf, ist unklar. Eine erste Indikation gibt aber ein Deal zweier Wettbewerber aus dem vergangenen Sommer: Damals übernahm der italienische Kabelhersteller Prysmian den US-Wettbewerber General Cable für eine Unternehmensbewertung von 3 Milliarden US-Dollar. Auf Basis des 2017er Ergebnisses vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) in Höhe von rund 200 Millionen Dollar ergibt sich ein Ebitda-Multiple von 15,2x.

Leoni weist keine Ebitda-Zahlen für die Geschäftsbereiche aus. Das Ebit von WCS lag 2018 bei 66 Millionen Euro. Allerdings hatte es 2017 noch bei 105 Millionen Euro gelegen. Der Negativtrend setzt sich in den ersten drei Monaten des Jahres fort: Das Ebit sank um 8 auf 14 Millionen Euro. Insofern dürfte es für die Nürnberger schwierig werden, bei einem Verkauf ein ähnlich hohes Multiple zu erzielen.

Leoni-Bordnetzsparte verbrennt massiv Cash

Analysten werten den geplanten Verkauf der Kabelsparte zwiegespalten: Obwohl auch WCS zuletzt hinter seinen Zielen hinterherhinkte, sei die Sparte dennoch ein Stabilisator für das Unternehmen gewesen, wie Warburg-Analyst Marc-René Tonn kommentiert. Auch Mainfirst-Analyst Alexander Wahl macht darauf aufmerksam, dass das eigentliche Problem die defizitäre Bordnetzsparte ist, die vorwiegend für die derzeit schwächelnde Automobilindustrie fertigt.

Hinzu kommen hausgemachte Probleme in der Bordnetzsparte. So hatte Leoni zuletzt massive Kostenschwierigkeiten am mexikanischen Standort. Auch deshalb stand im ersten Quartal unter dem Strich ein Minus von 139 Millionen Euro für die Sparte. Mit einem Verkauf der hoffnungsträchtigeren Kabelsparte würde Leoni daher „sein Tafelsilber verkaufen“, findet Mainfirst-Analyst Alexander Wahl. Auch an der Börse konnten die Pläne von Leoni nicht überzeugen: Nachdem die Aktie gestern Abend zunächst zugelegt hatte, verlor das Papier am heutigen Vormittag 2 Prozent an Wert.

Während hinter der strategischen Logik des Deals durchaus Fragezeichen stehen, erkennen die Analysten an, dass Leoni das frische Geld gut gebrauchen kann, um seine finanzielle Lage zu verbessern. 2018 lag der Free Cashflow mit minus 147 Millionen Euro im tiefroten Bereich. Die Nettofinanzverschuldung des SDax-Konzerns kletterte im ersten Quartal 2019 auf 1 Milliarde Euro. In Relation zum 2018er-Ebitda liegt der Verschuldungsgrad von Leoni nun bei 3,3x.

Neue CFO Jägering soll Leoni wieder auf Kurs bringen

Das Unternehmen selbst kündigte heute an, am „bestehenden Refinanzierungsbedarf“ zu arbeiten und dabei alle Optionen in Betracht zu ziehen. Eine Möglichkeit könnte sein, frisches Geld über eine Kapitalerhöhung zu besorgen. In Analystenkreisen wird schon länger über einen solchen Schritt spekuliert. Unter anderem wird im März 2020 eine Tranche eines Schuldscheindarlehens von 200 Millionen Euro fällig.

Die Erlöse aus der Trennung des Kabelgeschäfts dürften daher die finanzielle Lage entlasten. Die Mittel sollen jedoch vor allem in die Bordnetzsparte fließen und in den 120 Millionen Euro teuren Konzernumbau. Das Programm unter dem Namen Value 21 sieht Kosteneinsparungen von 500 Millionen Euro pro Jahr bis 2022 vor.

Der Aufgabe, den kriselnden Automobilzulieferer wieder auf Kurs zu bringen, hat sich nach dem Abgang von CFO Karl Gadesmann die neue Finanzchefin der Nürnberger, Ingrid Jägering, angenommen. Sie soll das Unternehmen wieder rentabel machen und besonders den Cashflow der Nürnberger auf ein stabiles Niveau heben.

olivia.harder[at]finance-magazin.de