Das Jahr 2023 steht unter dem Stern großer Aufgaben: Auch wenn Worst-Case-Szenarien für die deutsche Wirtschaft bislang ausgeblieben sind, gibt es zahlreiche Herausforderungen: das Bankenbeben, hohe Energiekosten, steigende Zinsen oder der Fachkräftemangel, um nur einige zu nennen. Neben dem Ukraine-Krieg schwelt der Konflikt zwischen China und Taiwan gefährlich, und jüngst beschäftigt der Angriff der Hamas auf Israel die Gemüter.
Wie gehen Finanzentscheider mit diesen Risiken um? Welche Finanzierungsinstrumente eignen sich jetzt am besten? Darüber diskutieren CFOs und Bankenvertreter zum Auftakt der diesjährigen Structured FINANCE live in Stuttgart mit FINANCE-Chefredakteur Markus Dentz.
Im Podium sitzen die CFOs Thomas Dippold von SGL Carbon und Dr. Christian Terlinde von Flender International sowie die Bankenverteter Johannes Anschott von der BayernLB, Sonja Kardorf von der Deutschen Leasing und Robert Schindler von der Commerzbank.
Bankenfinanzierungen werden schwieriger
Inmitten des schwierigen Umfelds von Bankenbeben und Zinsanstieg hat SGL Carbon im Frühjahr eine große Finanzierung gestemmt. Aus der Transformation kommend und gerade eine große Restrukturierung abgeschlossen, hat das Team um CFO Thomas Dippold zwei wichtige Finanzierungen vorzeitig verlängern können. „Das war möglich, weil wir früh den Dialog zu den Banken gesucht haben“, sagt Dippold.
Aber auch er habe gemerkt, dass sich bei der Finanzierung durch Banken etwas verändert: „Bei unserer neuen Revolving Credit Facility waren dieses Mal nur fünf Banken statt zuvor sechs Banken involviert. Zum einen gab es unsererseits nicht so viel Cross-Selling, zum anderen haben sich die Banken dieses Mal eher zurückgehalten.“ Und nicht nur das: Er merke auch deutlich, dass die geopolitischen Spannungen Kapitalmarktfinanzierungen belasten.
Das zeigt sich auch bei einer Umfrage unter den Podiumszuschauern. 42 Prozent des Saals, der mit rund 2.000 Personen gefüllt war, merkt, dass sich die Banken in der Kreditvergabe im Vergleich zum Vorjahr eher zurückhalten. Immerhin 49 Prozent merken keinen Unterschied und nur 9 Prozent der Befragten erleben ihre Bank als freigiebiger in der Kreditvergabe.
Dem hält Robert Schindler, Bereichsvorstand Mittelstandsbank Süd bei der Commerzbank entgegen: „Zwar spricht über ein Drittel der KMU von einer restriktiven Haltung der Banken, wir erleben hingegen geringe Kreditnachfragen. Wir würden Investitionen gerne begleiten, aber viele Unternehmen haben diese zurückgestellt, sie ins Ausland verlagert oder sind auf andere Kriseninstrumente ausgewichen.“ Nichtsdestotrotz schaue sich die Commerzbank die eingehenden Kreditnachfragen durchaus genau an.
Investitionen stocken, sind aber notwendig
Flender als auch SGL Carbon sehen sich laut ihrer CFOs für die kommenden drei Jahre durchfinanziert. „Wir müssen abwarten, wie sich die Wirtschaft insgesamt entwickelt“, so Christian Terlinde. Auch Dippold bestätigt: „Wir haben alles richtig gemacht, indem wir uns mit festen Zinsen für drei Jahre eingeloggt haben. Wir wissen nicht, was geopolitische Schocks auslösen.“
China hat sich unter anderem durch den schwelenden Konflikt mit Taiwan als Investitionsstandort selbst aus dem Rennen genommen. „USA und Indien sind starke Alternativen“, so Flender-CFO Terlinde. Indien greife etwa die Unabwägbarkeiten von China auf, und der Inflation Reduction Act der USA locke durchaus. Er brauche aufgrund der Antragsverfahren in den USA aber noch etwas Zeit zur Entfaltung.
Doch es führt nur ein Weg aus dem drohenden Stillstand: Investition und Transformation. Wo eine klassische Finanzierung nicht möglich ist, sind krisenresistentere Instrumente wie Leasing eine Alternative. Es zählt laut Deutsche-Leasing-Vorständin Kardorf zumindest zu den Krisengewinnern: „Leasing im Finanzierungsmix bietet eine große Chance. Wir schauen auf die Bonität des Kunden und prüfen die Qualität des Assets. Und wenn das Asset gut ist, gibt es vielleicht auch einen Pricing-Vorteil“, so Kardorf.
CFOs müssen sich auf die Krisen vorbereiten
Mit Leasing, Asset Based Finance oder etwa Factoring ist der Baukasten für die Krisenfinanzierung gesetzt. Darüber hinaus dafür empfiehlt Johannes Anschott, Mitglied des Vorstands der BayernLB: „Ich würde nicht nur auf ein Instrument setzen und Abhängigkeiten von Instrumenten und Playern vermeiden.“ Zudem rät er, in der Zeit multipler Herausforderungen den persönlichen Kontakt zu Finanzierern zu pflegen – sowie offen und transparent miteinander zu kommunizieren. „Wenn dann mal ein Risiko kommt, dann arbeiten alle konstruktiv an einer Lösung“, so Anschott.
Schindler betont die Stärke des deutschen Mittelstandes: „Der Mittelstand ist schnell und flexibel und dem müssen wir uns wieder bewusstwerden. Unternehmen brauchen klare, berechenbare Entscheidungsparameter für Investitionen.“ Zu mehr Mut zu investieren, ruft indes Kardorf von der Deutschen Leasing auf: „Wenn nicht jetzt, wann dann? Wir müssen dem Preiskampf um Assets, etwa durch China, mit Investitionen für den deutschen Standort die Stirn bieten.“
Esra Laubach ist Redakteurin bei FINANCE und widmet sich schwerpunktmäßig den Themen Transformation, Restrukturierung und Recht. Sie ist Sprach- und Kommunikationswissenschaftlerin. Vor FINANCE war sie rund fünf Jahre als Legal-Journalistin für den Juve Verlag in Köln tätig, wo sie auch ihr journalistisches Volontariat absolvierte. Esra Laubach arbeitete während ihres Studiums multimedial u.a. für das ARD-Morgenmagazin, mehrere Zeitungen und moderierte beim Hochschulradio Kölncampus.
