Mit EY hat jetzt auch die letzte Big-Four-Gesellschaft ihre Zahlen für das vergangene Geschäftsjahr 2023/2024 (30. Juni) vorgelegt. Die Umsätze des Prüfungs- und Beratungshauses in Deutschland stagnierten bei rund 2,6 Milliarden Euro. Das entspricht einem Plus von lediglich 1,1 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.
Die anderen Big-Four-Häuser Deloitte, KPMG und PwC waren zuletzt teils deutlich stärker gewachsen. Trotz des schwachen Wachstums dürfte EY aber knapp den zweiten Platz hinter Marktführer PwC behauptet haben. Im Gegensatz zu den Mitbewerbern gibt EY nur den Umsatz und nicht die Gesamtleistung an. Diese dürfte bei einem Umsatz von 2,6 Milliarden Euro knapp über der Gesamtleistung in Höhe von 2,65 Milliarden Euro liegen, die Deloitte für das vergangene Geschäftsjahr genannt hat.
Die Steuerberatung, in der EY sich als Marktführer in Deutschland sieht, steuerte mit 822 Millionen Euro den größten Teil zum Gesamtumsatz bei. Als Haupttreiber erwies sich hierbei der Bereich Global Compliance and Reporting.
Auf die Wirtschaftsprüfung entfielen 720 Millionen Euro. Der Bereich Consulting wiederum erwirtschaftete einen Umsatz von 587 Millionen Euro, und die Strategie- und Transaktionsberatung setzte 465 Millionen Euro um. In der Beratung erweisen sich für EY Technologiethemen wie Automatisierung, Cyber-Sicherheit und SAP-Beratung als Wachstumsfelder. Großen Beratungsbedarf gibt es demnach auch bei der Integration des Nachhaltigkeitsreportings in die IT.
EY: Kein einfaches Geschäftsjahr
Mit dem Vorjahr lassen sich die Segmentumsätze nicht vergleichen, weil die Geschäftsbereiche neu zugeordnet wurden. Klar ist aber, dass das abgeschlossene Geschäftsjahr kein einfaches für EY war. Henrik Ahlers, Vorsitzender der Geschäftsführung von EY in Deutschland, gibt sich dennoch zufrieden und sieht eine „insgesamt stabile Entwicklung“.
„Die Rahmenbedingungen waren insgesamt nicht einfach: Angesichts einer angespannten politischen Lage und einem herausfordernden gesamtwirtschaftlichen Umfeld haben sich viele Unternehmen mit großen Transformationsaufträgen zurückgehalten. Zum anderen mussten wir eigene Herausforderungen managen“, bilanziert Ahlers das vergangene Geschäftsjahr.
Dazu gehört die Umstrukturierung im Jahr 2024, durch die vor allem die Wirtschaftsprüfung stärker von den anderen Geschäftsbereichen abgetrennt worden war. Kritiker sehen darin vor allem den Versuch, Vermögen vor möglichen Haftungen aus Schadensersatzklagen in Sicherheit zu bringen. Im Zuge der Umstrukturierung habe sich EY auch von „nicht profitablem und von risikobehaftetem Geschäft getrennt“, was zulasten des Umsatzes ging. Um welche Bereiche es sich handelt und wie viel Umsatzvolumen dadurch genau abgeschnitten wurde, wollte EY auch auf Nachfrage von FINANCE nicht beantworten.
Wirecard-Skandal belastet Wirtschaftsprüfung
Daneben sind auch in der Rechtsberatung einige Großprojekte ausgelaufen, und die Wirtschaftsprüfung ist unverändert von den Folgen des Wirecard-Skandals belastet. Das zeigt sich in der Zahl der geprüften Dax-40-Unternehmen. Hier verlor EY zuletzt massiv an Boden und prüft nur noch sechs Unternehmen der obersten deutschen Börsenliga.
Neben dem Imageschaden hatten die Verstrickungen im Fall Wirecard, dessen juristische Aufarbeitung weiterhin läuft, für EY auch weitere Folgen: Die Abschlussprüferaufsichtsstelle (Apas) verhängte im berufsrechtlichen Verfahren eine Geldstrafe in Höhe von 500.000 Euro sowie ein zweijähriges Annahmeverbot neuer Prüfmandate bei Unternehmen von öffentlichem Interesse (PIE) mit Sitz in Deutschland. Dieses läuft noch bis März 2026.
Im Kapitalanleger-Musterverfahren (KapMuG) dagegen hat EY zuletzt einen Erfolg erzielt, aber sicher vor Schadenersatzforderungen geschädigter Wirecard-Anleger ist das Big-Four-Haus damit noch nicht.
EY hofft auf Erholung in der Wirtschaftsprüfung
Das stärkste Wachstum im Geschäftsfeld Wirtschaftsprüfung hat EY im vergangenen Geschäftsjahr 2023/2024 in der prüfungsnahen Beratung erzielt. „Mit der drängenden Notwendigkeit der grünen Transformation und steigenden Anforderungen an ethisches Verhalten von Unternehmen in der Lieferkette ist das Thema Nachhaltigkeitsberichterstattung für Unternehmenslenker nach wie vor ein bedeutendes Aktionsfeld – trotz der begrüßenswerten Erleichterungen, die die EU-Kommission jüngst beschlossen hat“, erläutert Ahlers. Das verleihe der Nachfrage nach Prüfungsleistungen in diesem Bereich einen Schub. Auch die Beratung bei der Finanzberichterstattung und im Zusammenhang mit Kapitalmarkttransaktionen sorge für Wachstum.
In der klassischen Wirtschaftsprüfung kann EY immerhin erste Erfolge bei der Neuakquise vorweisen: Dank der speziellen Unternehmenskonstellation bei Qiagen hat EY für 2025 ein neues Abschlussprüfungsmandat im Dax gewonnen. Zudem will die DWS Group EY als ihren Abschlussprüfer für das Geschäftsjahr 2026 vorschlagen – wenn EYs Neumandatssperre abgelaufen ist. Allerdings wird EY laut DWS nicht die Tochtergesellschaften und Fonds prüfen, die Schadensersatzklagen gegen Wirecard gestellt haben. DWS will damit mögliche Interessenkonflikte vermeiden.
„Zudem werden wir ab Frühjahr 2026 wieder mit aller Kraft in den Wettbewerb auf dem Abschlussprüfungsmarkt eingreifen können, der dann durch eine neue Phase der verpflichtenden Prüferrotation an Dynamik gewinnen wird“, gibt sich Ahlers nach der Durststrecke in der Wirtschaftsprüfung für die Zukunft kämpferisch.
EY erwartet auch 2024/2025 keine großen Sprünge
Auch die neue globale Strategie „All in“ soll perspektivisch neue Wachstumsimpulse liefern. Dazu gehört unter anderem der Fokus auf margenstärkere Geschäfte wie die ganzheitliche Beratung bei großen Transformationsprojekten oder Managed Services, also die Übernahme von Zentralfunktionen für Kunden, darunter die Steuerfunktion und das Management von Regulierungsanforderungen. Vor allem letzteres Geschäftsfeld haben auch die Mitbewerber im Blick und wollen dieses ausbauen.
Für das laufende Geschäftsjahr 2024/2025 fallen die Erwartungen bei EY allerdings vorerst bescheiden aus. Ahlers rechnet „mit einer ähnlich verhaltenen Entwicklung wie im vergangenen Jahr“. Die Rahmenbedingungen in Deutschland hätten sich weiter verschlechtert, insbesondere bei Investitionen und Transaktionen.
Lena Scherer ist Redakteurin bei FINANCE. Sie hat Publizistik, Anglistik und Komparatistik an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz studiert und nebenbei für verschiedene Redaktionen gearbeitet. Bevor sie zu FINANCE kam, war sie mehr als acht Jahre lang beim Branchen-Fachdienst buchreport aktiv, zuletzt als Co-Chefredakteurin. Dort hat sie unter anderem Marktanalysen vorgenommen sowie die Bereiche Fachinformation, Recht/Wirtschaft/Steuern und Digitales betreut.
