Newsletter

Abonnements

EY muss Wirecard-Akten herausgeben

EY muss die Wirecard-Akten herausgeben.
EY muss die Wirecard-Akten herausgeben. Foto: tina7si - stock.adobe.com

Während in München mit Wirecard zurzeit der mutmaßlich größte Betrugsfall verhandelt wird, konnte Insolvenzverwalter Michael Jaffé vor dem Landgericht Stuttgart einen Sieg gegen den ehemaligen WirecardWirtschaftsprüfer EY erringen: Das Big-Four-Haus muss dem Insolvenzverwalter Einsicht in die Akten aus der Prüfung des insolventen Zahlungsdienstleisters gewähren.

Die 31. Kammer für Handelssachen des Landgerichts Stuttgart gab damit einem Antrag des Insolvenzverwalters statt. Dieser verlangte Auskunft über den Inhalt, Einsicht und Herausgabe von Handakten, die für Jahresabschlussprüfungen sowie einer von EY im Auftrag von Wirecard durchgeführten forensischen Sonderuntersuchung angelegt worden waren.

EY muss Handakten an Insolvenzverwalter herausgeben

EY muss zudem Antworten auf konkrete Fragen zur Prüfung des Wirecard-Abschlusses zum 31. Dezember 2016 geben, die der Insolvenzverwalter in seiner Klage formuliert hat. EY wurde darüber hinaus gerichtlich untersagt, die Handakten zu vernichten. Das geht aus einem Urteil von 15. November hervor, das jetzt öffentlich geworden ist.

In dem Verfahren ging es um die Frage, ob EY überhaupt Auskunft über seine Handakten geben muss. Während der Insolvenzverwalter sich auf die Rechenschaftspflicht berief, argumentierte EY, dass es sich bei Handakten um berufsrechtlich geschützte Arbeitspapiere handele. Eine etwaige Rechenschaftspflicht sei auf die „Handakten im engeren Sinne“ begrenzt. Interne Arbeitspapiere, seien dagegen durch § 51b Abs. 4 WPO von Auskunfts- und Herausgabeansprüchen ausgenommen. Trotzdem händigte EY laut Landgericht Stuttgart die Handakten dem Wirecard-Untersuchungsausschuss des Deutschen Bundestags aus.

Das Landgericht Stuttgart urteilte schließlich im Sinne des Insolvenzverwalters. Demnach unterliegen Abschlussprüfer gegenüber ihren Auftraggebern grundsätzlich einer umfassenden Auskunfts- und Rechenschaftspflicht. Dieser Anspruch des Mandanten erstrecke sich demnach auch auf Auskunft und Einsicht in die Handakten und Arbeitspapiere, die zurecht als wichtige Ergänzung zum Prüfungsbericht gelten würden.

EY will Rechtsmittel gegen das Urteil einlegen

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig, EY will dagegen Rechtsmittel einlegen. „Nach Auffassung von EY ist das Auskunfts- und Einsichtsersuchen des Insolvenzverwalters weder dem Grunde nach noch vom Umfang her von den bestehenden rechtlichen Vorgaben gedeckt. Aus diesem Grund werden wir die Urteilsgründe analysieren und Rechtsmittel gegen die Entscheidung des Gerichtes einlegen“, teilt EY auf FINANCE-Anfrage mit.

Im März 2017 hatten die Wirtschaftsprüfer dem CFO von Wirecard mitgeteilt, dass bestimmte in den Jahren 2015 und 2016 gebuchte Umsätze nicht in angemessener Art und Weise nachgewiesen worden seien, was sich negativ auf den Konzernabschluss auswirken könnte. Diese offenen Bilanzierungsfragen waren auch Gegenstand der forensischen Sonderuntersuchung.

Ende März 2017 hatte EY nochmals mit einer Einschränkung des Bestätigungsvermerks gedroht, wenige Tage später aber dennoch ein uneingeschränktes Testat erteilt. Insolvenzverwalter Jaffé möchte wissen, wie es dazu kam, und verlangt deshalb Akteneinsicht.

Frage nach Schadensersatz war nicht anhängig

EY war jahrelang Wirtschaftsprüfer von Wirecard und hatte die Bilanzen stets uneingeschränkt testiert, obwohl immer wieder Vorwürfe zu Bilanzungereimtheiten aufgetaucht waren. Ob EY schadensersatzpflichtig ist, war nicht Gegenstand des Verfahrens. Da die Klage des Insolvenzverwalters aber der Prüfung und Verfolgung möglicher Schadenersatzansprüchen dient, setzte das Gericht den Streitwert auf 13 Millionen Euro fest.

Insolvenzverwalter Micheal Jaffé konnte damit im Zuge der Aufarbeitung der Wirecard-Insolvenz einen weiteren Sieg vor Gericht erringen. Erst kürzlich hatte das Landgericht München I geurteilt, das Aktionäre nicht als Gläubiger gelten und demnach keine Schadenersatzansprüche gegenüber dem Insolvenzverwalter geltend machen können.

Die Wirecard-Pleite gilt als der mutmaßlich größte Betrugsfall und Bilanzskandal der deutschen Nachkriegsgeschichte. Rund 20 Milliarden Euro sollen dadurch vernichtet worden sein. Vor dem Landgericht München müssen sich zurzeit die früheren Wirecard-Manager Markus Braun, Stephan von Erffa sowie Oliver Bellenhaus wegen des Verdachts auf Bilanzfälschung, Marktmanipulation, Untreue und gewerbsmäßigen Bandenbetrug verantworten. Für den Mammutprozess sind 100 Prozesstage bis ins Jahr 2024 angesetzt.

Falk Sinß ist Redakteur bei FINANCE. Er hat Soziologie, Politologie und Neuere und Mittlere Geschichte in Frankfurt am Main sowie in Mainz Journalismus studiert, wo er auch einen Lehrauftrag inne hatte. Vor seiner Zeit bei FINANCE war Falk Sinß drei Jahre Redakteur der Zeitschrift Versicherungswirtschaft und zehn Jahre für verschiedene Medien des Universum Verlags tätig.