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Das Schlimmste ist noch nicht überstanden

Restrukturierer befürchten, dass noch viele Insolvenzen bevorstehen.
Totojang1977 - Adobestock.com

Gut ein Jahr nach dem Ausbruch des Coronavirus lässt sich festhalten: Deutschlands Wirtschaft ist bisher glimpflicher durch die Pandemie gekommen als anfänglich befürchtet. Der Einbruch des Bruttoinlandsprodukts 2020 fiel mit 4,9 Prozent gegenüber dem Vorjahr nicht nur weniger stark aus als zunächst angenommen.

Auch die befürchtete Welle von Unternehmenspleiten ist bislang ausgeblieben. Die wirtschaftliche Not vieler Unternehmen schlug sich vor allem deshalb nicht in den Zahlen nieder, weil die Pflicht, einen Insolvenzantrag zu stellen, in der Coronakrise zeitweise ausgesetzt wurde.

Insolvenzwelle steht bevor?

Ob in diesem Jahr eine Pleitewelle droht, ist umstritten. Restrukturierungsexperten gehen aber mehrheitlich davon aus, dass Deutschland eine Insolvenzwelle bevorsteht. Das zeigt das aktuelle Restrukturierungsbarometer, das FINANCE in Zusammenarbeit mit dem Beratungshaus Struktur Management Partner (SMP) erhoben hat und in dem 83 Banker und andere Finanzierer ihre Einschätzungen zum aktuellen Restrukturierungsumfeld gegeben haben.

Demnach erwarten 58 Prozent der Befragten einen starken Anstieg der Insolvenzen, beginnend im dritten Quartal dieses Jahres. Nur 4 Prozent rechnen damit schon im laufenden Quartal. Allerdings gehen auch 17 Prozent davon aus, dass es zu keinem Anstieg der Unternehmensinsolvenzen kommt.

Coronakrise bleibt größte Gefahr

Mit der Sorge vor einer Insolvenzwelle korrespondiert auch die Erwartung, dass in der deutschen Wirtschaft das Schlimmste der Coronakrise noch nicht überstanden ist. Immerhin 73 Prozent der befragten Workout-Finanzierer sind dieser Ansicht – ein erheblicher Anstieg gegenüber den 43 Prozent, die diese Meinung im Herbst 2020 vertraten. „Auch wenn es in den vergangenen Monaten deutlich weniger Restrukturierungen gab, bleiben viele Probleme ungelöst – vor allem die Corona-bedingte Verschuldung“, kommentiert Georgiy Michailov von Struktur Management Partner die aktuelle Situation. 

Unter den exogenen Gefahren, die die Restrukturierungsexperten aktuell als am problematischsten für die von ihnen betreuten Unternehmen einschätzen, rangieren die Auswirkungen der Coronakrise auf Platz eins (86 Prozent), gefolgt von der Digitalisierung (75 Prozent) und einer Wachstumsschwäche in der Eurozone (58 Prozent).

„Auch wenn es in den vergangenen Monaten deutlich weniger Restrukturierungen gab, bleiben viele Probleme ungelöst.“ 

Georgiy Michailov, Struktur Management Partner

Zombie-Unternehmen stellen Gefahr dar

Die Tatsache, dass bislang so wenige Unternehmen den Gang zum Insolvenzrichter antreten mussten, sehen die Restrukturierungsexperten durchaus kritisch. Denn durch die staatlichen Corona-Hilfsmaßnahmen werden viele Firmen durchgeschleppt, die unter normalen Umständen nicht oder nur schwer überlebensfähig wären. Solche Zombie-Unternehmen bergen nach Einschätzung von 67 Prozent der Befragten eine Gefahr für die Wirtschaft, weil sie den notwendigen Strukturwandel verzögern oder verhindern. Dass es sich dabei nur um ein temporäres Problem handelt, glauben 13 Prozent der Befragten.

Spätestens dann, wenn solche Firmen Kredite tilgen müssen oder die Zinsen anziehen, rechnen sie mit einer steigenden Zahl von Unternehmenskrisen. Nur 11 Prozent der Befragten stufen die Problematik der Zombie-Unternehmen als nicht relevant ein.

Staatliche Kredite, erschwerte Restrukturierung

Die von vielen Unternehmen in Anspruch genommenen staatlichen Hilfen werden sich nach Einschätzung der Umfrageteilnehmer auch in der Restrukturierungspraxis auswirken. Mehr als die Hälfte der Befragten (54 Prozent) erwartet zumindest etwas erschwerte Restrukturierungsprozesse aufgrund des Engagements der öffentlichen Hand; 13 Prozent glauben sogar an stark erschwerte Restrukturierungen. 

Und die Mehrheit der Workout-Finanzierer geht zudem davon aus, dass die durch die Coronakrise stark gestiegene Verschuldung die Spielräume für die Zukunftssicherung ihrer Portfoliounternehmen beeinträchtigt.

Banken prüfen neue Kredite kritisch

Keine gravierenden Veränderungen gibt es bei der Einschätzung, ob die Banken neue Kreditengagements in der aktuellen Situation zumindest in Einzelfällen kritischer prüfen. Knapp vier Fünftel der Restrukturierungsexperten bejahen das (77 Prozent); im Herbst 2020 waren es nur unwesentlich mehr (81 Prozent). Die intensivere Prüfung hat insbesondere deutlich höhere Dokumentations- und Reporting-Anforderungen zur Folge. Anders als noch vor einem halben Jahr geben die Befragten an, in Einzelfällen nicht nur die Covenants zu verschärfen, sondern Branchen generell auszuschließen.

Die Finanzierung von Restrukturierungsfällen bleibt hingegen herausfordernd. Zwar ist der Anteil der Befragten, die das als schwierig oder sehr schwierig einschätzen, vom Allzeithoch im Herbst 2020 (59 Prozent) um vier Prozentpunkte auf 55 Prozent gesunken. Von einfachen oder sehr einfachen Finanzierungsbedingungen sprechen aber weiterhin nur 6 Prozent der Umfrageteilnehmer.

redaktion[at]finance-magazin.de

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