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Nach Prüferpanne: Gerry Weber will jetzt KPMG

KPMG wird voraussichtlich neuer Abschlussprüfer von Gerry Weber. Rödl & Partner hatte auch um das Mandat gekämpft.
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Der Modehändler Gerry Weber hat einen neuen Prüfer gefunden. Das geht aus der Einladung zur Hauptversammlung des Unternehmens hervor, wonach der Aufsichtsrat KPMG als neuen Abschlussprüfer ab dem Geschäftsjahr 2021 vorschlägt.

Für gewöhnlich würde eine solche Meldung nicht für viel Aufmerksamkeit sorgen, wäre da nicht die Prüferpanne aus dem März gewesen. Damals musste das Unternehmen überraschend verkünden, dass der reguläre Abschlussprüfer PwC kurzfristig abgesprungen ist – und das gerade einmal zwei Wochen vor der geplanten Veröffentlichung der Jahreszahlen. Das Problem: PwC hatte bei Gerry Weber zu viel beraten und war damit über die erlaubte Honorarhöchstgrenze für die gleichzeitige Prüfung und Beratung bei dem selben Unternehmen gekommen. 

Rödl sprang bei Gerry Weber für PwC ein

Dass ein solcher Interessenskonflikt einer renommierten, internationalen Prüf- und Beratungsgesellschaft wie PwC nicht eher aufgefallen ist, sorgte für Verwunderung. PwC prüfte Gerry Weber bereits seit 2013 und hätte sich des Aufwands für die Prüfung daher bewusst sein müssen. Der Modehändler Gerry Weber, der durch eine jahrelange Krise ohnehin schon einen schweren Stand am Kapitalmarkt hat, musste daraufhin die Veröffentlichung der Geschäftszahlen verschieben.

Nur wenige Wochen nach diesem kuriosen Vorfall präsentierte Gerry Weber dennoch die testierten Zahlen für 2020 – abgesegnet hatte sie da das mittelständische Prüf- und Beratungshaus Rödl & Partner. Auf die Frage, wie das Next-Six-Haus es geschafft hat, sich so kurzfristig in das Zahlenwerk des kriselnden Modehändlers einzuarbeiten, erklärte ein Sprecher von Gerry Weber auf FINANCE-Anfrage, dass Rödl bereits die Auslandsgesellschaften von Gerry Weber prüfe und daher mit dem Konzern vertraut sei. Zudem habe Gerry Weber intern alle Ressourcen auf die Abschlussprüfung konzentriert, um den neuen Veröffentlichungstermin einzuhalten – und auch Rödl sei mit einem großen Team angerückt.

Für Rödl kommt es ganz bitter

Umso überraschender ist nun, dass Gerry Weber die kurzfristig eingesprungenen Prüfer von Rödl & Partner nicht als die neuen Konzernprüfer auserkoren hat, sondern das Big-Four-Haus KPMG. Beworben hatte sich Rödl durchaus: Wie aus der Einladung zur Hauptversammlung hervorgeht, hat der Prüfungsausschuss zum Schluss zwischen Rödl und KPMG abgewogen, sich dann aber für letztere entschieden. „Der Prüfungsausschuss hat einen Auswahlprozess durchgeführt, an dem mehrere Prüfgesellschaften teilgenommen haben. Aufgrund der darin aufgestellten Kriterien hat man sich letztlich für KPMG entschieden“, sagte der Unternehmenssprecher zur Erklärung.

Und für Rödl kommt es noch bitterer: Perspektivisch will Gerry Weber auch die Auslandsgesellschaften durch KPMG prüfen lassen, um die Prüfleistung aus einer Hand zu beziehen. Dabei wäre der Mittelständler Gerry Weber, bei dem man sogar schon ein Fuß in der Tür hat, für einen mittelständischen Prüfer wie Rödl & Partner ein idealer Kandidat gewesen, um mehr Prüfmandate zu gewinnen. Im Mittelstand sind die Chancen der kleineren Prüfer größer, den dominierenden Big Four Marktanteile streitig zu machen. Für KPMG wiederum – zuletzt von vielen großen Mandatsverlusten gebeutelt – dürfte das ein erfreulicher Zugewinn sein.

julia.schmitt[at]finance-magazin.de

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Julia Schmitt ist Chef vom Dienst bei FINANCE-Online und Moderatorin bei FINANCE-TV. Sie betreut die Themenschwerpunkte Wirtschaftsprüfung, Controlling und Bilanzierung. Julia Schmitt hat einen Abschluss in Volkswirtschaftslehre und Publizistik und arbeitete während ihres Studiums unter anderem in der Online-Redaktion der ZDF heute.de-Nachrichten.

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