Gerry Weber muss sich einen neuen Bilanzsprüfer suchen.

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16.03.21
Banking & Berater

Gerry Weber und die (zu) späte Erkenntnis von PwC

Zwei Wochen vor der Veröffentlichung des Jahresabschlusses von Gerry Weber fällt PwC auf, dass man die Bilanz doch nicht testieren kann – weil man zu viel beraten hat. Ein ungewöhnlicher Fall, der viele Fragen aufwirft.

Seltener Fall in der Wirtschaftsprüfung: Nur zwei Wochen vor Veröffentlichung des Jahres- und Konzernabschlusses 2020 zieht sich PwC aus der Gerry-Weber-Prüfung zurück. Eigentlich wollte der Modekonzern die Zahlen zum 30. März vorlegen, am Montagabend gab Gerry Weber dann aber bekannt: „PwC hat heute die Gerry Weber International AG darüber informiert, dass aus Sicht von PwC die Besorgnis der Befangenheit gemäß §§ 319 Abs. 2 Handelsgesetzbuch besteht und PwC die Prüfung daher nicht durchführen darf.“

PwC hat zu viel bei Gerry Weber beraten

Das Problem: Abschlussprüfer PwC hat Gerry Weber im vergangenen Jahr gleichzeitig auch zu Finanzierungsfragen beraten. Grundsätzlich ist das nicht verboten. Doch seit der Abschlussprüfungsreform 2016, die eingeführt wurde, um die Prüfungsqualität zu erhöhen und Bilanzskandale zu verhindern, gibt es strenge Regeln. So sind bestimmte Beratungsleistungen gar nicht mehr erlaubt und andere nur, wenn sie eine bestimmte Honorarhöhe nicht überschreiten. Konkret dürfen diese Leistungen nur maximal 70 Prozent des durchschnittlichen WP-Honorars der vorangegangenen drei Jahre betragen (Fee Cap).

Dass dem Abschlussprüfer erst zwei Wochen vor der geplanten Bilanzpräsentation auffällt, dass die Fee Cap überschritten wurde und daher eine Befangenheit bestehen könnte, ist sehr ungewöhnlich und lässt viele Fragen offen. Zum einen müssen die Prüfungs- und Beratungsgesellschaften selbst im Vorfeld eruieren, wie viel sie beraten dürfen, ohne befangen zu sein. Große Häuser wie die Big Four haben dafür oft komplexe interne Systeme, um das sicherzustellen, denn gerade bei großen und internationalen Mandanten ist es schwer, den Überblick über alle Leistungen weltweit im Blick zu behalten.

Auch wenn das vergangene Jahr und die Corona-bedingte Geschäftsentwicklung bei Gerry Weber außergewöhnlich viel Beratungsbedarf erforderte, muss das einkalkuliert werden – und der Beratungsauftrag gegebenenfalls frühzeitig anderweitig vergeben werden. Das Prüfungs- und Beratungshaus arbeitet seit 2013 für Gerry Weber und kennt damit die Bilanzen des Unternehmens aus Halle und den erforderlichen Aufwand dementsprechend gut.

Gerry Weber braucht schnell einen neuen Prüfer

PwC erklärt auf FINANCE-Nachfrage, dass sie zum aktuellen Verfahren keine Stellung nehmen dürfen. Ärgerlich dürfte für PwC auch sein, dass die bisher investierte Arbeit in die Prüfung wohl umsonst war – zwei Wochen vor Veröffentlichung dürfte ein Gros der Arbeit schon erledigt worden sein.

Was heißt das nun für Gerry Weber? Der Konzern muss die Prüfung des Jahresabschlusses 2020 sowie die Veröffentlichung verschieben und sich dafür einen neuen Prüfer suchen, wie aus der Meldung hervorgeht. Dieser soll von einem Gericht bestellt werden. Gerry Weber darf jedoch einen Prüfer vorschlagen. Welchen genau, das prüft der Konzern noch, eine Gesellschaft, die mit der Modebranche vertraut ist wäre von Vorteil, gibt ein Sprecher auf Anfrage von FINANCE bekannt.

Durch das Eingreifen des Gerichts wird die Suche nach einem neuen Prüfer zwar beschleunigt, doch dieser muss sich nach der Bestellung erst einmal komplett neu in die Bilanzen des Unternehmens einarbeiten. So etwas kann lange dauern, zumal Prüfungen bei Unternehmen in Krisensituationen nicht selten noch aufwendiger sind. Gerry Weber will sich bemühen, „den Jahresabschluss schnellstmöglich vorzulegen“, so ein Sprecher. Und der Modekonzern drückt aufs Tempo: „Mehrere Monate sind dabei nicht in unserem Horizont.“

Gerry-Weber-CFO Florian Frank: „Keine schöne Nachricht“

Gerry Weber zeigt sich über den Rückzieher von PwC nicht erfreut. „Für die Gerry Weber Gruppe ist diese Entwicklung keine schöne Nachricht, wir werden durch einen außerhalb unseres Einflussbereichs liegenden Umstand gebremst", beklagt sich CFO Florian Frank, der zugleich Chief Restructuring Officer bei Gerry Weber ist. Allerdings ist es nicht Aufgabe des Prüfers alleine, die Höhe der Beratungsleistungen im Blick zu behalten, Unternehmen und Aufsichtsrat sind hier ebenfalls gefordert – zusätzliche Beratungsleistungen müssen vom Aufsichtsrat teils extra absegnet werden.

Trotz des nun erst einmal ausstehenden Testats hält Gerry Weber an der Prognose für 2020 und 2021 fest. Den Konzernumsatz erwarten die Ostwestfalen im vergangenen Jahr nach wie vor bei 260 bis 280 Millionen Euro, den operativen Verlust (Ebitda) im mittleren zweistelligen Millionenbereich. Für dieses Jahr rechnet der Konzern mit einem Umsatz in der gleichen Spanne und geht davon aus, weiter Verluste einzufahren. Allerdings sollen die Verluste trotz des Lockdowns auf einen niedrigen zweistelligen Millionenbetrag sinken. „Die weitere Entwicklung von Gerry Weber ist nicht gefährdet“, sagt CFO Frank.

FINANCE-Köpfe

Florian Frank, Gerry Weber International AG

Florian Frank beginnt seinen beruflichen Werdegang im Jahr 2000 als Assistant Manager Corporate Restructuring bei KPMG in Düsseldorf und Hamburg. Zu seinen Aufgaben gehören Audits insbesondere im Einzelhandelssektor. 2006 wechselt er zu Hanse Management Consulting in Hamburg und ist dort vier Jahre als Projektleiter Restrukturierung und Ertragssteigerung mit Schwerpunkt auf den Handels- und Bausektor tätig. Ab Juli 2010 ist er bei Dr. Wieselhuber & Partner in Hamburg verantwortlich für Restrukturierung und Performance Improvement.

Im Rahmen seiner betreuten Mandate wird Florian Frank mehrfach als CFO und Chief Restructuring Officer (CRO) eingesetzt. Seit Oktober 2018 ist er als CRO und Mitglied des Vorstands bei dem insolventen Modekonzern Gerry Weber in Halle/Westfalen tätig. Dort ist er für die Entwicklung und Umsetzung aller operativen Maßnahmen der Restrukturierung und der Performance-Verbesserung im Unternehmen verantwortlich.

zum Profil

Gerry Weber will Liquiditätspolster aufstocken

Um durch die Krise zu kommen, setzten die Ostwestfalen im Februar einen komplexen Finanzierungsplan auf. Damit will sich der Modekonzern 5 bis 6 Millionen Euro zusätzliche Liquidität sichern. Gerry Weber konnte erst Anfang vergangenen Jahres ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung beenden und kämpft seitdem mit den Folgen der Pandemie. Der Konzern, der im Oktober 2020 wieder an den Kapitalmarkt zurückkehrte, ist nach eigenen Angaben bis 2023 durchfinanziert.

sarah.backhaus[at]finance-magazin.de

Wie sich der westfälische Modekonzern neu aufstellen will, lesen Sie auf unserer Themenseite zu Gerry Weber. Mehr über die Karriere des CFO und CRO lesen Sie im FINANCE-Köpfe-Profil von Florian Frank.