Eintracht Frankfurt klopft an die Tür des Europa-Cups. Der angespannten Finanzlage der Hessen könnte ein solcher Coup eine Initialzündung verleihen.

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01.02.17
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Eintracht Frankfurt: Auf zu neuen Ufern

Eintracht Frankfurt braucht frisches Geld von außen, damit die Risiken aus dem Neubau des Vereinsgeländes nicht aus dem Ruder laufen. Dafür könnten sich schon bald neue Investoren finden, denn das wirtschaftliche Potential von Eintracht Frankfurt ist groß.

Überraschungen bei Eintracht Frankfurt: Die Mannschaft klopft an das Tor zur Champions League, und wirtschaftlich hat der Klub den Beinahe-Abstieg im Sommer erstaunlich gut weggesteckt. An die hohen Gewinne, die der Bundesligaklub dank des Trapp-Transfers in der vergangenen Saison eingefahren hat, sollten sich die Fans trotzdem besser nicht gewöhnen. Schon in dieser Saison könnte unterm Strich wieder ein Millionenverlust stehen, warnt Finanzchef Oliver Frankenbach.

Das heißt: Die Eintracht muss unverändert ihr Eigenkapitalpolster im Blick behalten. Dieses war mit 12,2 Millionen Euro am Ende der vergangenen Saison zwar doppelt so dick wie im Jahr davor, aber ohne hohe Transfererlöse führt der Unterhalt einer Mannschaft mit einem Etat von 39,5 Millionen Euro nach wie vor zu Verlusten. Und diese Summe hat Oliver Frankenbach für die laufende Saison im Budget angesetzt.  

Finanzchef Frankenbach: „Transfers gehören zum Geschäftsmodell“

Aber die Eintracht hat sich seit dem bewältigten Abstiegskampf ein gutes Stück weit freigeschwommen, nicht nur sportlich. Die seitdem stattgefundene Leistungsexplosion vieler Spieler hat die stillen Reserven wieder aufgefüllt, die im Wert des Spielerkaders stecken: Leistungsträger wie Bastian Oczipka, Timothy Chandler oder der fast 4 Millionen Euro teure Marco Fabián sind heute wesentlich mehr wert als noch im Sommer. Und von unten spielen sich Nachwuchstalente wie Mijat Gacinovic und Aymen Barkok in den Vordergrund. Dadurch dürfte es dem Management leichtfallen, im Sommer Millionen am Transfermarkt zu erzielen, falls dies nötig werden sollte. „Transfererlöse gehören inzwischen zum Geschäftsmodell von Eintracht Frankfurt“, erklärt Frankenbach gegenüber FINANCE.

Und auch aus dem Tagesgeschäft  könnten noch positive Überraschungen kommen. Sollte Eintracht Frankfurt nächste Woche bei Hannover 96 das Viertelfinale des DFB-Pokals erreichen, würde dies laut Frankenbach für nicht geplante Zusatzeinnahmen von 1,5 Millionen Euro sorgen. Zu deutlich steigenden Kosten würde ein Weiterkommen im Pokal dagegen nicht führen: „Aktuell sieht es danach aus, dass wir unsere Etatplanung einhalten – obwohl wir wegen des sportlichen Erfolgs deutlich höhere Prämienverpflichtungen haben als ursprünglich geplant“, zeigt sich der im August 2015 zum Finanzchef beförderte Frankenbach zuversichtlich.

Stadionverträge und Bauvorhaben: Ungute Konstellation

Trotzdem kann die Eintracht wirtschaftlich noch nicht auf Angriff umschalten, sondern muss auf Halten spielen. Dafür gibt es zwei Gründe, und beide finden sich im Umfeld der Arena im Frankfurter Stadtwald: Der eine sind die für Eintracht Frankfurt kostenträchtigen Verträge zur Nutzung des Stadions, die erst im Juni 2020 auslaufen. Der zweite Grund ist die veraltete Infrastruktur rund um das WM-Stadion, die inzwischen fast fünfzehn Jahre auf dem Buckel hat und aus der die Eintracht immer schmerzhafter herauswächst.

Dem Management von Eintracht Frankfurt gibt diese Konstellation eine ordentliche Nuss zu knacken, denn das Timing ist schlecht: Noch während die Eintracht unter ihrer ungünstigen Kostenstruktur ächzt, die sich aus der hohen Stadionmiete und dem fehlenden Zugriff auf die wertvollen Cateringrechte ergibt, muss der Klub in den nächsten drei Jahren 25 bis 30 Millionen Euro auftreiben – so viel veranschlagen die Planer für den Neubau und die Modernisierung der Verwaltung und der Sportstätten rund um die Arena.

„Rund 25 Prozent davon müssen wir aus Eigenmitteln beisteuern“, sagt Finanzchef Frankenbach. Macht 5 bis 8 Millionen Euro, die aus dem Spielbetrieb schwer zu erwirtschaften sind, will man die Mannschaft nicht schwächen. „Es ist erforderlich, das aus den Investitionen entstehende Risiko auf der Eigenkapitalseite abzufedern“: So drückt es Frankenbach im besten Finanzjargon aus.

Genussscheinemission wird wieder aktuell

Diese Aussage deutet darauf hin, dass der Verkauf von Genussscheinen, den die Eintracht vor einem Jahr wegen der akuten Abstiegsgefahr gestoppt hatte, schneller wieder akut werden könnte als manche es derzeit vermuten. Trotzdem ist anzunehmen, dass das Management zunächst noch abwarten wird, wie sich die sportliche Lage entwickelt. Schließlich wäre es ärgerlich, jetzt Genussscheine zu verkaufen, wenn man im Sommer einen wesentlich besseren Deal bekommen hätte, weil die Mannschaft sich für das internationale Geschäft qualifiziert hat. Aber spätestens nach der Sommerpause könnte die Vermarktung der Genussscheine dann anlaufen.

Im Gespräch mit FINANCE erläutert Frankenbach, worum es ihm damit geht: „Wir suchen nach einer Lösung für eine Überbrückung bis Mitte 2020.“ Dann soll die Neuverhandlung der Arenaverträge zu höheren Einnahmen und geringeren Kosten führen: „Unter dem Strich wird uns das um viele Millionen Euro im Jahr besser stellen“, kündigt der Eintracht-Finanzchef an. Es ist anzunehmen, dass das Management versuchen wird, genau mit dieser Aussicht Investoren zum Kauf der Genussscheine zu motivieren.

Stadionkosten hemmen die Entwicklung von Eintracht Frankfurt

Das wirtschaftliche Potential, das nach 2020 in Griffweite rückt, ist groß, denn aktuell lastet die Stadionfrage wie ein Mühlstein auf den Entwicklungsmöglichkeiten von Eintracht Frankfurt. Weil der Verein mit geschätzten 9 Millionen Euro so viel Stadionmiete bezahlen muss wie kaum ein anderer Bundesligaklub und auch an den Cateringeinnahmen nicht nennenswert partizipiert, muss der Etat knapp gehalten werden.

Bei Kaderkosten von 36,4 Millionen Euro und einem Umsatz von 109,3 Millionen Euro lag die Personalkostenquote der Eintracht in der vergangenen Saison bei nur 33 Prozent – für einen Profiklub sehr wenig. Selbst wenn man extrem kritisch rechnet und den Etatansatz der laufenden Saison (39,5 Millionen Euro) zum rein operativen Umsatz der Vorsaison (92,9 Millionen Euro, ohne Transfererlöse) in Bezug setzt, errechnet sich lediglich eine Personalkostenquote von 42,5 Prozent. Bringt die Neuverhandlung der Stadionverträge der Eintracht 2020 den erhofften Turnaround, könnte die Eintracht allein dadurch wohl bis zu 10 Millionen Euro mehr in ihren Kader stecken als aktuell.

Frankenbach: „Europa League hätte einen enormen Hebel“

Und das ist nicht das einzige Aufwärtspotential. Beispiel Europa League: Weil die Eintracht vor drei Jahren international spielte, kassiert sie noch immer Mittel aus dem europäischen TV-Geldertopf – aktuell 3 Millionen Euro pro Saison, wie Frankenbach vorrechnet. Doch Ende der Saison 2018/19 ist es damit vorbei – außer, die Eintracht schafft bis dahin eine erneute Europa-League-Teilnahme. Dies würde nicht nur den Wegfall der bisherigen Finanzspritze verhindern, sondern auch noch neue Millioneneinnahmen ermöglichen, denn die Uefa verteilt inzwischen mehr TV-Gelder als früher. „Der wirtschaftliche Hebel einer Europa-League-Qualifikation wäre enorm“, sagt Frankenbach.

Auch in der Bundesliga explodieren die TV-Einnahmen. Hat Eintracht Frankfurt in der Vorsaison nur 36,4 Millionen Euro aus dem nationalen Fernsehtopf erhalten, dürfte dieser Umsatzposten schon in dieser Saison auf über 40 Millionen Euro ansteigen. Ab der nächsten Saison sind sogar 50 Millionen Euro in Reichweite, falls die Eintracht ihr Ziel erreicht, im nationalen TV-Gelder-Ranking von Platz 12 auf Platz 10 zu klettern. Konkurrenten um diesen Platz sind der 1.FC Köln und der FC Augsburg. Aktuell hat die Eintracht knapp die Nase vorn.

Die Bagger rollen bald – der Rubel auch?

Doch das ist das Best-Case-Szenario. In der Realität ist Eintracht Frankfurt weit davon entfernt, eine Geldmaschine wie Bayern München, Borussia Dortmund oder Borussia Mönchengladbach zu sein. Selbst zu Konkurrenten wie Hertha BSC Berlin oder dem 1.FC Köln hat sich finanziell eine Lücke aufgetan.

Und die Risiken für einen Rückschlag sind greifbar: Fällt die Mannschaft wieder in ihr Muster der sportlichen Berg- und Talfahrt zurück, werden sich aus der zusammengewürfelten Truppe aus älter werdenden Stützen wie Oczipka, Russ oder Abraham und vielen Leihspielern nicht so leicht Transfereinnahmen generieren lassen, ohne an die Substanz zu gehen.

Frankenbach räumt dies offen ein: „Ich gebe zu, dass unser Vorgehen noch nicht optimal ist. Aber wir müssen uns mit Modellen beschäftigen, die eine Verstärkung unseres Kaders mit geringstmöglichen Mitteln erlauben.“ Sportchef Fredi Bobic sei es gelungen, „trotz des auferlegten Sparkurses eine wettbewerbsfähige Mannschaft aufzubauen“.

Mit derlei Improvisationen bei der Kaderplanung wird sich die Eintracht auch noch eine ganze Weile durchhangeln müssen. Aber der Aufbruch zu neuen Ufern nimmt Gestalt an. Am Montag gab die Stadt Frankfurt der Eintracht grünes Licht, sich rund um die Commerzbank Arena vergrößern zu dürfen. Noch in diesem Jahr werden die Bagger rollen – und danach vielleicht auch der Rubel.             

michael.hedtstueck[at]finance-magazin.de

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