HSV-Torwart Christian Mathenia liegt nach der Niederlage gegen Werder Bremen niedergeschlagen bäuchlings auf dem Platz. Dem Hamburger SV droht der erste Abstieg der Bundesligageschichte.

dpa/picture alliance/Franz Waelischmiller/Sven Simon

12.04.18
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So hart träfe der Abstieg den HSV

Der erste Abstieg der Vereinsgeschichte wäre ein finanzieller Schlag für den Hamburger SV. Welche Möglichkeiten hat CFO Frank Wettstein, den Traditionsverein vor dem Kentern zu bewahren?

Mit dem 3:2-Sieg gegen Schalke 04 am vergangenen Wochenende hat der taumelnde Bundesligadino Hamburger SV seinen ersten Pflichtspielerfolg im Jahr 2018 gefeiert. Das Aufbäumen könnte jedoch zu spät zu kommen – der erste Abstieg der Vereinsgeschichte ist nur noch schwer abzuwenden.

Denn die „Rothosen“ rangieren mit 22 Punkten auf Platz 17 der Bundesliga. Der rettende 16. Tabellenplatz, den der FSV Mainz 05 für sich beansprucht, ist bei fünf Punkten Rückstand und noch 15 zu vergebenen Zählern nur durch ein Fußballwunder zu erreichen. 

HSV werden beim Abstieg Schulden erlassen

Sollte das letzte verbliebene Gründungsmitglied tatsächlich aus der Bundesliga verschwinden, nähmen die Hamburger einen ganzen Koffer an Problemen mit. Finanzchef Frank Wettstein, der nach dem Abgang von Vorstandschef Heribert Bruchhagen als Alleinvorstand agiert, wird in den kommenden Wochen sein bestes Verhandlungsgeschick an den Tag legen müssen, um den Traditionsverein vor dem Worst Case zu bewahren: dem Verlust der Lizenz.

Die Bilanz des HSV ist von jahrelanger Misswirtschaft gezeichnet.

Denn die Bilanz des HSV ist von jahrelanger Misswirtschaft gezeichnet. Auf dem Hamburger SV lasteten laut der neuesten verfügbaren Zahlen aus dem Juli 2017 zuletzt Finanzverbindlichkeiten von 80 Millionen Euro, was zwei Drittel des Umsatzes von 120 Millionen Euro entspricht. Ein kleiner Trost beim Gang in Liga Zwei: Rund 20 Millionen Euro der Schulden würden verfallen, weil die Rückzahlung einiger Darlehen an die Erreichung sportlicher Ziele wie den mehrfachen Einzug in den europäischen Wettbewerb geknüpft war.

Die Eigenkapitalquote des HSV lag im Sommer zudem nur dank zahlreicher Kapitalerhöhungen bei noch einigermaßen stabilen 23,4 Prozent. Immer wieder musste der gönnerhafte, aber launische Milliardär Klaus-Michael Kühne einspringen, um Investitionen in den Kader zu ermöglichen. Inzwischen hält er mehr als 20 Prozent der HSV-Anteile.

Die insgesamt für eine Veräußerung genehmigten 24,9 Prozent der Anteile an der HSV Fußball-AG hat der Traditionsverein damit fast vollständig verkauft. Ein Anteilsverkauf über dieser Schwelle dürfte im Mutterverein und bei den Fans ein Erdbeben auslösen – selbst wenn der Verein dies als unabwendbar für den Erhalt der Lizenz bezeichnen würde.

Umsatzeinbrüche auf breiter Front

In dieser brenzligen Lage musste CFO Wettstein in der vergangenen Woche die Unterlagen zur Lizenzerteilung bei der Deutschen Fußball Liga (DFL) einreichen. Wie in den vergangenen Jahren schon wird der HSV auch jetzt wieder Auflagen erfüllen müssen, um die Spielerlaubnis für die Erste und Zweite Bundesliga zu erhalten. Der Zeitplan hierfür ist knapp.

Die Deadline der DFL ist der 23. Mai. Bis dahin muss HSV-Boss Wettstein nachweisen, wie der Verein fehlende Einnahmen aus dem Abstieg kompensieren will. Und die Umsatzeinbußen, die drohen, haben es in sich: So berichtete das „Hamburger Abendblatt“ unlängst, der Hamburger SV verliere alleine durch fehlende Einnahmen aus Logen und Business Seats rund 10 Millionen Euro.

Bis Ende März hatten satte 40 Prozent der VIP-Kunden ihre Plätze im Volksparkstadion gekündigt. Der HSV wollte diese Zahlen auf FINANCE-Anfrage nicht kommentieren. Geringere Ticketerlöse sowie weniger Einnahmen aus dem Merchandising dürften zusätzliche Millioneneinbußen verursachen.

FINANCE-Köpfe

Frank Wettstein, HSV Fußball AG

Im Jahr 2000 beginnt Frank Wettstein seinen beruflichen Werdegang bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Baker Tilly Roelfs in Düsseldorf als Assistent in der Wirtschaftsprüfung und Restrukturierung. Dort legt er seine Examina als Steuerberater und Wirtschaftsprüfer ab und steigt in der Folgezeit bis zum Partner auf.

Im September 2012 macht er sich mit einem Team von Wirtschaftsprüfern und Beratern selbständig und gründet die Wettstein Schmidt Wirtschaftsprüfungsgesellschaft in Aachen. In dieser Zeit ist Frank Wettstein parallel auch Partner der Berliner Unternehmensberatung CIC Consultingpartner.

Wettstein betreut überwiegend Restrukturierungsfälle in den Bereichen Immobilien und Automotive, fungiert aber auch als Abschlussprüfer börsennotierter Gesellschaften. Während seiner Zeit als Wirtschaftsprüfer berät Wettstein unter anderem die Fußballklubs Borussia Dortmund, Alemannia Aachen und 1860 München und erwirbt sich so einen Ruf als Finanzfachmann im deutschen Profifußball.

Im November 2014 wird Frank Wettstein schließlich zum Finanzchef der HSV Fußball AG berufen, in die der Hamburger SV wenige Monate zuvor seine Lizenzspielerabteilung ausgegliedert hatte. Als im März 2018 HSV-Vorstandschef Heribert Bruchhagen entlassen wird, wird Wettstein vorübergehend zum alleinigen Vorstand berufen.

zum Profil

Vor allem aber würde ein Abstieg den HSV Unmengen an TV-Geld kosten. Der neue Fernseh-Deal der Bundesliga ist ein Geldsegen für viele Vereine, der HSV würde von diesen Fleischtöpfen ausgeschlossen: Die „Zeit“ hat herausgefunden, dass dem Verein im Abstiegsfall 15 Millionen Euro weniger zufließen würden. Und diese Schätzung dürfte noch konservativ sein. Auch diese Zahlen wollte der HSV nicht kommentieren.

Geht HSV-Juwel Jann-Fiete Arp zu den Bayern?

Klar ist: Um Kapital aufzutreiben, müsste der HSV im Abstiegsfall seine besten Spieler verkaufen. Verschiedene Medien schätzen, dass Wettstein zwischen 30 und 40 Millionen Euro am Transfermarkt erlösen müsste, um die Finanzierung zu sichern. Das entspricht etwa der Hälfte des aktuellen Marktwerts des Kaders.

Immerhin hat sich der HSV für den Abstiegsfall abgesichert. Fast alle Kicker haben einen Vertrag für die Zweite Liga, betonte Finanzchef Wettstein vor kurzem. Den höchsten Transfererlös versprach das Top-Talent Jann-Fiete Arp, der laut „transfermarkt.de“ auf einen Marktwert von 7,5 Millionen Euro kommt. Immer wieder wurde eine Ablösesumme im zweistelligen Millionenbereich kolportiert.

HSV-Talent Jann-Fiete Arp soll im Abstiegsfall für 8 Millionen Euro zum FC Bayern wechseln.

Jüngsten Berichten der „Sportbild“ zufolge soll im Abstiegsfall nun der FC Bayern den Jugendnationalspieler für lediglich 8 Millionen Euro kaufen. Dadurch könnte nun Flügelflitzer Filip Kostic (Marktwert: 8 Millionen Euro) am meisten Geld in die Kassen spülen.

Mit beiden Transfers wäre gerade einmal die halbe Miete eingefahren. Wie viel formschwache Profis wie Walace, André Hahn oder Kyrgiakos Papadopoulos dem HSV einbringen würden, ist völlig offen.

Der HSV muss ohne Spielerverkäufe auskommen

Aber selbst wenn Wettstein es tatsächlich schaffen sollte, durch Spielerverkäufe das dringend nötige Geld hereinzuholen, gibt es ein großes Problem: Der HSV kann seine Profis erst im kommenden Sommer veräußern. Das reicht der DFL nicht. Sie will den Liquiditätsnachweis im Mai.

Um die Finanzlücke zu überbrücken, diskutiert das HSV-Management laut Recherchen der „Zeit“ nun eine vorzeitige Verlängerung des Vertrags mit dem Vermarkter Lagardère, der dem HSV Sponsoren besorgt und dafür Prämien kassiert. Auch eine Bürgschaft der Stadt Hamburg sowie die erneute Begebung einer Fan-Anleihe stehen offenbar zur Debatte. Zu den Spekulationen wollte sich ein Sprecher nicht äußern.

Eine weitere Lösung könnte der teilweise Verkauf des Volksparkstadions sein, das dem Verein seit drei Jahren vollständig gehört. Ein solches Manöver würde allerdings – genauso wie ein Deal mit Lagardère – einmalig die Kasse füllen, danach aber auf Jahre hinaus hohe laufende Kosten verursachen. 

Hamburger SV: Muss Kühne wieder einspringen?

Eine saubere Finanzierungslösung ohne Folgekosten oder andere große Nachteile gibt es für den HSV aber nicht. Daher wird immer wieder der Name des Gönners Klaus-Michael Kühne genannt, der kurzfristig Geld zur Verfügung stellen könnte.

Kühne hat zwar gesagt, dass er seinem Herzensverein keine Darlehen mehr gewähren wolle. Aber der Unternehmer ist dafür bekannt, seine Meinung häufig spontan zu ändern. Kühne vertraut Berichten zufolge zudem dem neuen Aufsichtsratschef und starken Mann beim HSV, Bernd Hoffmann. Dies könnte seine Zahlungsbereitschaft wieder wecken.

Hoffmann und Alleinvorstand Wettstein müssten den launischen Investor jedoch vom zukünftigen Weg des HSV überzeugen. Ein „Weiter so“ wird dem Milliardär, der schon weit mehr als 100 Millionen Euro in den HSV gepumpt hat, kaum reichen, um den Geldhahn noch ein weiteres Mal aufzudrehen.

Der HSV hat für die Zukunft aber weder ein sportliches Konzept vorzuweisen, noch einen Sportvorstand, geschweige denn einen Vorstandsvorsitzenden. Eine mehr als schwere Aufgabe für die Rumpfführung des Hamburger SV um Interims-Chef Frank Wettstein und Interims-Sportchef Bernhard Peters.

Eine Rumpfführung muss den HSV vor dem Horrorszenario bewahren.

Fände sich keine Brückenfinanzierung, drohte dem HSV der freie Fall in Liga Drei oder sogar noch tiefer – ein Szenario, das der Verein unter allen Umständen vermeiden will. Denn dann könnte dem Bundesligadino das gleiche Schicksal drohen wie anderen Traditionsvereinen, beispielsweise dem 1. FC Kaiserslautern oder 1860 München. Beide Klubs sind nach ihren Abstiegen aus der Bundesliga nie wieder auf die Beine gekommen.

jakob.eich[at]finance-magazin.de

Seit fünf Jahren kämpft der Bundesligadino von der Elbe gegen den Abstieg. Finanziell brachte das immer wieder brenzlige Situationen mit sich. Lesen Sie die gesamte Story zum HSV auf der FINANCE-Themenseite zum Hamburger SV.Analysen zur Finanzlage anderer Vereine wie Bayern München, Borussia Dortmund und Eintracht Frankfurt bietet unser Fußballfinanz-Blog „Dritte Halbzeit“.

Nähere Informationen zum HSV-Finanzchef finden Sie auf dem FINANCE-Köpfe-Profil von Frank Wettstein.