Der Unternehmensjurist

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CFOs uns CEOs werden immer schneller in die Haftung genommen. Es ist der Job des Unternehmensjuristen, das zu verhindern.
Thinkstock / Getty Images

Das Haftungsrisiko für CEOs und CFOs hat sich in der letzten Zeit deutlich verschärft. Vorstände werden immer häufiger zum Ziel von Schadensersatzklagen. Dabei kann es schnell um Millionenbeträge gehen, wie das Beispiel des ehemaligen Siemens-CFOs Heinz-Joachim Neubürger zeigt.

„Die Verrechtlichung der Unternehmensprozesse schreitet unaufhaltsam voran“, sagt Michael Henning, Geschäftsführer der Beratungsgesellschaft Otto-Henning zu FINANCE online. „Ins Rollen gebracht durch die Gesetze zum Anlegerschutz als Antwort auf die Exzesse am ,Neuen Markt‘ erfahren die Themen Integrität, Compliance, Risikomanagement, Corporate Governance und Ethik eine herausragende Bedeutung in der Unternehmensführung der Neuzeit.“ In Verbindung mit der persönlichen Haftung durch Management und Aufsichtsrat habe die Rolle der Unternehmensjuristen eine neue Dimension erreicht.

Unternehmensjurist berichtet vermehrt an CEO

So verwundert es nicht, dass die Vorstände die Themen Recht, Haftung und Compliance immer mehr zur Chefsache machen. Dem aktuellen Rechtsabteilungs-Report 2013/14 der Beratung Otto-Henning zufolge berichten fast zwei Drittel der leitenden Unternehmensjustiziare der 150 größten Unternehmen direkt an den CEO, rund ein Fünftel an den CFO.

Klaus Schäfer, Finanzvorstand des Energieversorgers E.on gehört beispielsweise zu denjenigen CFOs, die die Themen Recht und Steuern in ihrem Beritt mitverantworten. Auch Lanxess-Finanzchef Bernhard Düttmann und Conti-CFO Wolfgang Schäfer sind ebenfalls unter anderem für das Gebiet Recht zuständig.

Aber auch in mittelständischen Firmen verläuft die Berichtslinie des Unternehmensjuristen direkt zum Finanzvorstand: Flyeralarm-CFO Hartmut Kappes, Bigpoint-Finanzchef Dieter Dehlke und SLM Solutions-CFO Uwe Bögershausen haben zum Beispiel das Rechtsgebiet in ihrem Verantwortungsbereich. Nur etwa jedes zehnte Unternehmen hat nach dem Rechtsabteilungs-Report einen eigenen Rechtsvorstand.

Aufgrund der Haftungsrisiken von CEO und CFO arbeitet die Rechtsabteilung deshalb auch primär für den Vorstand und den Aufsichtsrat, auch wenn sie grundlegend als Dienstleister für alle Bereiche im Unternehmen ausgestaltet ist. In den kleineren Abteilungen mit einem bis fünf Mitarbeitern sind eher die Generalisten zu finden, die von finanz-, über steuer- bis hin zu arbeitsrechtlichen Fragestellungen alles rund um das Gesellschaftsrecht abbilden. In den größeren Rechtsabteilungen ab fünf Mitarbeitern sind die Spezialisten angesiedelt, die nach der fachlichen, der branchenspezifischen und der geographischen Ausrichtung unterschieden werden.

Beliebter Karriereweg: Von der Großkanzlei zum Unternehmen

Trotz des vielfältigen späteren Aufgabengebiets haben die meisten Unternehmensjuristen Jura studiert und das zweite Staatsexamen abgeschlossen. Einige von ihnen haben sich aber auch an der Fachhochschule zum Wirtschaftsjuristen ausbilden lassen. Viele der 40.000 Unternehmensjuristen in Deutschland kommen dabei aus namhaften Großkanzleien, wo sie insbesondere im Wirtschafts- oder Gesellschaftrecht tätig waren. Sie suchen in den Unternehmen nach neuen Herausforderungen – sei es als Unternehmensjurist oder sogar als CFO.

Der Finanzchef des Industriegaseherstellers Messer, Hans-Gerd Wienands, stieg beispielsweise 1996 als Rechtsanwalt bei der Kanzlei Freshfields Bruckhaus Deringer in Köln ein. Er war bis 2004 für die Kanzlei tätig und wurde 2001 zum Partner ernannt. Im November 2004 wechselte er als CFO zur Messer Group und verantwortet seitdem unter anderem die Ressorts Steuern, IT und China beim Industriegasehersteller.

Thomas Schierack, CFO der Verlagsgruppe Bastei Lübbe, geht einen ähnlichen Weg: Nach dem zweiten Staatsexamen ist Schierack seit 1989 als Rechtsanwalt tätig und seit 1992 Partner in mehreren Rechtsanwaltskanzleien – unter anderem zwischen 2000 und 2004 bei Arcon. Seit 2001 berät er den Verleger Stefan Lübbe und wird Anfang 2008 kaufmännischer Geschäftsführer des Verlags. Seit dem Wechsel der Rechtsform zur Aktiengesellschaft Mitte 2013 ist er auch CEO und zuständig für den Bereich Investor Relations.

Unternehmensjurist als beratender Legal Manager

Doch auch als Unternehmensjurist ist die Aufgabe des Justitiars vielseitig und birgt einen spannenden Wechsel auf die Unternehmensseite. Dabei kommt den Juristen das neue Rollenverständnis der Corporate Syndici entgegen: Die Rolle des Unternehmensjuristen hat sich im vergangenen Jahrzehnt gewandelt. Der Leiter Recht versteht sich immer mehr als Legal Manager, d.h. als beratender Lösungsanbieter.

„Den klassischen Verhinderer gibt es nicht mehr“, sagt Michael Henning von der Beratung Otto-Henning. 87 Prozent der General Counsel der führenden 150 Unternehmen in Deutschland beschrieben die Rolle des Rechtsbereichs mit präventiver, unabhängiger Rechtsberatung. Drei Viertel sähen ihre Rechtsabteilung dabei als Kontroll- und Ordnungsfunktion, 63 Prozent als Risikomanager und nahezu jeder Zweite als mitverantwortlich für ethische und nachhaltige Unternehmensführung.

Aufgrund dieser fachlichen Voraussetzungen gibt es auch einige Unternehmensjuristen, die in das operative Geschäft wechseln. Gerade in kleinen und mittelständischen Unternehmen können Juristen in die Geschäftsführung aufsteigen. ElringKlinger-CFO Stefan Wolf hat beispielsweise nach seiner Promotion zunächst als Rechtsanwalt in der Kanzlei Thümmel, Schütze & Partner gearbeitet, bevor er 1997 als Syndikusanwalt bei dem Automobilzulieferer einstieg und von dort an die Spitze vorstieß.

Andreas Segal, Finanzvorstand des Immobilienunternehmens Deutsche Wohnen, hat seine berufliche Karriere ebenfalls als Rechtsanwalt begonnen und sich auf die Bereiche Corporate Finance und Steuerrecht spezialisiert.

In den Großkonzernen sind die Karrierewege im Rahmen des Talentmanagement strukturierter als im Mittelstand. Zunächst arbeiten die Juristen in der Regel in der Holding und wechseln dann beispielsweise als Rechtsabteilungsleiter in eine Tochtergesellschaft, aber auch hier ist der Aufstieg bis zum CFO möglich.

Unternehmensjuristen verdienen vergleichsweise gut

Das Aufgabenspektrum im Unternehmen ist vielfältig, die Position für die Firma essentiell. Die hohe Bedeutung der Rechtsabteilung spiegelt sich auch im Gehalt der Unternehmensjuristen wieder: Bei den meisten Dax-Unternehmen liegt das Einstiegsgehalt der Beratung Otto-Henning zufolge bei 80.000 bis 90.000 Euro. Dieser Betrag setzt sich aus der Grundvergütung, dem Bonus, gegebenenfalls Aktien, Altersvorsorge und Firmenwagen zusammen.

Info

Was Unternehmensjuristen verdienen können

Junior Unternehmensjurist: 40.000 bis 80.000 Euro
Unternehmensjurist: 80.000 bis 110.000 Euro
Leiter Recht: 90.000 bis 200.000 Euro

Quellen: Michael Page, Fricke Finance & Legal, Otto-Henning

Dies ist etwas weniger, als Berufseinsteiger in international tätigen Großkanzleien verdienen. Dort ist ein Einstiegsgehalt von 100.000 Euro (Grundvergütung und Bonus) durchaus keine Seltenheit. Dieser Gehaltsunterschied gleicht sich aber dem aktuellen 2014er Otto Henning Vergütungsbenchmark zufolge im Laufe der Zeit aus, da die Konzerne mit steigender Hierarchieebene mit zum Teil umfangreichen variablen Bestandteilen wie Aktienpakete, betriebliche Altersvorsorge und Firmenwagen überzeugen können.

„Auf der Ebene des mittleren Managements stehen die Syndikusanwälte finanziell sogar besser da als ihre Kollegen aus Kanzleien, da die jährlichen Nebenleistungen nicht selten einen bruttoäquivalenten Wert von 40.000 bis 50.000 Euro übersteigen“, sagt Andreas Bong, Managing Partner bei Otto-Henning. „In kleineren Unternehmen liegen die Einstiegsgehälter bei einer Gesamtvergütung von rund 45.000 Euro, Dax-Konzerne fangen bei etwa 70.000 Euro Gesamtvergütung an“, sagt. Der Median von allen Einsteigerpositionen liege etwa bei 62.000 Euro. Ein Leiter Recht könne sicherlich mit einem Gehalt im sechsstelligen Bereich rechnen.

Info

Das Bundessozialgericht hat Anfang April 2014 ein brisantes Urteil gesprochen: Unternehmensjuristen sollen sich künftig nicht mehr in den berufsständischen Versorgungswerken versichern und von der gesetzlichen Rentenversicherungspflicht befreien lassen können – auch wenn sie neben ihrem Hauptberuf als Anwalt zugelassen sind. Dieses Urteil dürfte weitreichende Folgen für die Unternehmensjuristen haben – nicht nur auf ihr Gehalt. Lesen Sie mehr hierzu in unserer Schwesterpublikation Compliance.

Info

Einen detaillierten Überblick über die verschiedenen Berufsbilder im Finanzbereich – einschließlich Ausbildung, Karrierewege und Gehaltsentwicklungen – finden Sie auf unserer Themenseite Jobs in Finance.

Sabine Paulus ist seit 2008 Redakteurin beim Fachmagazin FINANCE und der Online-Publikation DerTreasurer. Ihre Themenschwerpunkte sind Personal, Organisation, Karriere und Finanzierung. Sie ist M.A. und hat an der Universität Konstanz unter anderem das Hauptfach Deutsche Literatur studiert.