Akasol-CFO Carsten Bovenschen erzählt, wie das Coronavirus ihm und seinem Unternehmen immer näher gekommen ist – Teil 2 der FINANCE-CFO-Serie.

Akasol

12.05.20
CFO

„Corona ist uns immer näher gekommen“

Erst fegte Corona durch die Supply Chain, dann war „Notgeschäftsfühung“ angesagt – so erlebt Carsten Bovenschen, CFO beim Batteriesystemhersteller Akasol, die Coronakrise.

 

„Uns hat die weltweite Ausbreitung des Coronavirus schon seit Ende Januar operativ beschäftigt. Zuerst tauchte China auf unserem Risikoradar auf – dort sitzen wichtige Zulieferer von uns. Dann griff die Epidemie auf Südkorea über – von dort beziehen wir wichtige Vormaterialien, allen voran die Batteriezellen, die wir dann in unsere Systeme integrieren. Schon als Corona noch ein asiatisches Problem war, kämpften wir bereits um unsere „Business Continuity“. 

Dann schossen plötzlich die Infiziertenzahlen in Italien in die Höhe, und es kam zum Lockdown. Italien war dann schon das dritte von Corona schwer getroffene Land, in dem wichtige Lieferanten von uns sitzen. Das war eine ganz komische Situation: Im Alltag hier in Deutschland hat man Ende Februar/Anfang März von Corona noch kaum etwas mitbekommen, aber hinter der Firmenpforte war die Situation schon ungeheuer präsent. Es gab Momente, da hat es mich geängstigt zu beobachten, wie Corona immer näher an uns heranrückte.

FINANCE-Köpfe

Carsten Bovenschen, Akasol AG

Im Jahr 1994 schließt Bovenschen sein Studium ab und beginnt seine berufliche Karriere als Assistent der Geschäftsleitung der BBmedica, 1995 wechselt er als Head of Controlling zum Logistikunternehmen Scansped, das heute zu Schenker gehört. Von Mai 2000 bis zum Erwerb der Anteile durch ITT Industries 2004 ist Bovenschen Finance Director bei dem börsennotierten Wassertechnologie-Unternehmen Wedeco, davon 16 Monate als CFO der US-Tochtergesellschaft.

Im April 2004 wechselt er als Bereichsleiter Konzernfinanzen zur Coveright Surfaces Holding, einem Spin-off der niederländischen Akzo Nobel. Von Mai 2007 bis Dezember 2010 ist er Finanzvorstand beim Solar-Maschinenbauer Roth & Rau. Ab Juni 2012 ist er CFO bei Solarwatt – zunächst  als Mitglied des Vorstands, nach dem Rechtsformwechsel im Januar 2013 als Geschäftsführer und Gesellschafter.

Im Januar 2018 tritt Bovenschen von seinem Posten als Finanzvorstand bei Solarwatt zurück. Ein Jahr später wird er CFO bei dem kurz zuvor an die Börse gegangenen Batterieproduzenten Akasol.

zum Profil

Akasol gründet Corona-Taskforce

Deshalb waren wir mit unseren Krisen- und Hygieneplänen auch schon sehr weit, als die Lage hier in Deutschland an Dynamik gewann. Schon sehr früh in der Coronakrise hatten wir uns gefragt: Was bedeutet es für unsere Produktion, wenn einer unserer Mitarbeiter krank wird? Wie können wir trotz möglicher Einschränkungen die essenziellen Unternehmensprozesse am Laufen halten und gleichzeitig eine ausreichende Kommunikation zwischen den einzelnen Unternehmensbereichen gewährleisten?

Uns war wichtig, immer adäquat und schnell auf die sich ändernden Gegebenheiten reagieren zu können. Aus diesem Grund haben wir bereits Anfang März im Vorstand und gemeinsam mit der zweiten Führungsebene eine Taskforce gebildet und tägliche Lagebesprechungen eingeführt. Zudem haben wir die interne Kommunikation intensiviert und unsere Mitarbeiter kontinuierlich auf dem Laufenden gehalten, zum Beispiel zu den einzelnen Maßnahmen, die wir angeschoben haben.

Auch unsere Produktionsschichten haben wir zeitlich komplett voneinander getrennt, so dass im Ernstfall zumindest die zweite und dritte Schicht weiterarbeiten können, wenn in einer der drei ein Infektionsfall auftritt.

„Der Schreck saß mir in den Gliedern“

Und dann sind wir in der Verwaltung auch schon alle ins Home Office gewechselt. Für mich war das eine extrem intensive Zeit, da ich als CFO unter anderem auch noch für den Einkauf und die IT zuständig bin. Das Einkaufs- und Supply-Chain-Thema habe ich Ihnen bereits geschildert. Die Verlagerung der Verwaltung ins Home Office war dann mein großes IT-Projekt. Und ganz nebenbei lief auch noch die Erstellung und Prüfung des Jahresabschlusses. Was für ein Ritt!

Als wäre das nicht genug gewesen, bin ich dann auch noch krank geworden. Ich wachte morgens mit Fieber, Husten und Halsschmerzen auf. Da geht einem in so einer Zeit wie jetzt natürlich einiges durch den Kopf. 

Ein fast schon lustiges Erlebnis hatte ich dann bei meinem Hausarzt. Als er anfing, mich zu befragen, wusste ich schon nach den ersten drei Worten, was die nächsten Fragen sein würden, denn genau diese Fragen hatten wir erst einige Tage zuvor in unserem Krisenstab operationalisiert, um Corona-Fälle bei Akasol herausfiltern und isolieren zu können: Haben Sie sich in einem Risikogebiet aufgehalten? Mit wem hatten Sie Kontakt? Wo haben sich diese Leute aufgehalten? Für uns in der Firma waren diese Fragen damals zentral, beschäftigen wir doch Mitarbeiter aus über 30 Nationen.

„Als wäre das alles nicht genug gewesen, bin ich dann auch noch krank geworden. Da geht einem natürlich einiges durch den Kopf.“ 

Am Ende meines Arztbesuchs stand dann fest: Ich bekomme keinen Corona-Test. Nach einigen Tagen ging es mir dann auch wieder besser. Bestimmt war es nur eine klassische Männergrippe. Aber ich bin danach drei Wochen lang nicht vor die Tür gegangen, der Schreck saß mir buchstäblich in den Gliedern.    

Jetzt profitiert Carsten Bovenschen von Corona

Also war Notgeschäftsführung angesagt, gesundheitlich angeschlagen aus dem Home Office heraus. Trotz der wirklich nicht einfachen Umstände hat das im Rückblick überraschend gut funktioniert. Allerdings war ich es am Ende wirklich leid, dass mein meist gesagter Satz jeden Tag war: „Könnt Ihr mich gut hören?“

Inzwischen sind viele meiner Mitarbeiter aus der Verwaltung – inklusive mir selbst – wieder zurück im Büro, und wir haben es geschafft, wieder eine gewisse berufliche Nähe zueinander aufzubauen. Und jetzt profitiere ich sogar von Corona: Ich pendele jede Woche vom Niederrhein nach Darmstadt, und das sind im Moment sehr entspannte Autofahrten. Es ist ja kaum jemand unterwegs.    

„Dank der Krise ist unsere Kommunikation untereinander noch verbindlicher geworden.“

Und mittlerweile erkenne ich auch schon Positives, das uns die Krise beschert hat. So ist bei uns allen im Team der Digitalisierungsgrad höher und die Kommunikation noch verbindlicher geworden. Dafür haben die virtuellen Meetings und Telefonkonferenzen gesorgt. Wir haben uns angewöhnt, nach jeder Besprechung sowohl die Ergebnisse als auch die „Next Steps“ detailliert festzuhalten – eigentlich eine Selbstverständlichkeit, aber vor Corona nicht in jeder informellen Besprechung wirklich „gelebt“. 

Das musste aber auch sein, allein schon wegen des Formats, in dem man sich austauscht. Beim Präsenzführen kann man als Verantwortlicher immer nochmal nachschärfen, hinunter in die Produktion gehen, sich erkundigen, Feedback geben. Nach Telkos können Sie das vergessen. Mir gefällt, wie mein Kollege Matthias Zieschang das bei Ihnen beschrieben hat, dass die Kommunikation in der Corona-Zeit „fast schon militärisch“ ist. Das trifft es sehr gut. Die Disziplin, mit der wir die zahllosen Herausforderungen abarbeiten, ist sehr, sehr hoch.“  

michael.hedtstueck[at]finance-magazin.de

Die Serie
In dieser Reihe begleiten wir in den nächsten Monaten mehrere CFOs auf ihrem Weg durch die Coronakrise. Sie berichten ganz persönlich von ihren Erlebnissen beim Kampf gegen die Folgen der Krise in ihren Unternehmen. Mit dabei sind die CFOs Carsten Bovenschen (Akasol), Ralf Brühöfner (Berentzen) und Matthias Zieschang (Fraport).