Nach dem Machtkampf um die Führungsspitze: Was steht Francotyp-Postalia als nächstes bevor?
14.02.20
CFO

Machtkampf bei Francotyp-Postalia entschieden

Der Aufsichtsrat von Francotyp-Postalia stellt sich gegen CEO und CFO Rüdiger Günther. Neuer Chef soll ein Private-Equity-Manager werden. Dessen Hintergrund regt zum Nachdenken an.

Der Machtkampf bei dem Frankiermaschinenbauer Francotyp-Postalia scheint entschieden zu sein. Der Aufsichtsrat, dem der Chef des aktivistischen Investors AOC, Klaus Röhrig, vorsitzt, hat sich am gestrigen Donnerstagabend gegen CEO und CFO Rüdiger Andreas Günther gestellt. Dem Ex-Infineon und -Claas-CFO soll „aufgrund von Differenzen in Bezug auf die Umsetzung der Konzernstrategie“ ein Aufhebungsvertrag angeboten werden.

Ein Nachfolger für Günther ist bereits gefunden: Neuer Vorstandschef soll so schnell wie möglich der Private-Equity-Manager Carsten Lind werden, derzeit noch Partner des Finanzinvestors Bavaria Industries. Zur CFO-Nachfolge findet sich in der Mitteilung des Aufsichtsrats nichts. Mit dieser Vorstandsrochade setzt sich der mit 20 Prozent Anteil größte Aktionär Rolf Elgeti durch, der seit gut einem halben Jahr Günther immer wieder stark kritisiert. Erst am vergangenen Wochenende hatte der Privatinvestor den Konflikt eskaliert. 

Wie viel kostet FP die Trennung von Günther?

Ob Günther den Aufhebungsvertrag tatsächlich unterschreiben wird, ist noch offen. Der 61-jährige frühere deutsche Meister im Karate gilt nicht als jemand, der Konflikten aus dem Weg geht. Sollte er jedoch einlenken, dürfte ihm eine hohe Abfindung winken, hat Röhrig Günthers Vertrag doch erst im vergangenen Sommer bis Ende 2022 verlängert.

Ausweislich des Vergütungsberichts aus dem Geschäftsbericht 2018 stünden Günther eineinhalb Jahresvergütungen inklusive Nebenleistungen zu. 2018 bekam Günther ein Grundgehalt von 400.000 Euro und Nebenleistungen von 20.000 Euro. Hinzu kam noch eine einjährige variable Vergütung in Höhe von 332.000 Euro. Zudem erwerben die FP-Vorstände auch noch Ansprüche auf langfristige Bonuszahlungen sowie Aktienoptionen. Wie diese im Fall eines Ausscheidens behandelt werden, geht aus dem Vergütungsbericht nicht hervor.  

FINANCE-Köpfe

Rüdiger Andreas Günther, Francotyp-Postalia Holding AG

1985 startet Günther seine berufliche Laufbahn als Investmentbanker und Country Manager bei der Continental Bank of Chicago. Ab 1988 zunächst als Bereichsleiter, später dann als Leiter des Zentralbereichs Finanzen von Metro setzt Günther Schwerpunkte in der Akquisitionsfinanzierung. Weitere Schwerpunkte sind die Etablierung des Finanz-Controllings, einer Risk-Management-Funktion und eines MIS-Systems für Finanzrisiken.

Bei dem Landmaschinenhersteller Claas durchläuft Günther ab 1993 verschiedene Managementfunktionen bis zum CFO und wird später auch noch Sprecher der Geschäftsführung. Mit der Übernahme von Renault Agriculture initiiert Günther den internationalen Geschäftsaufbau der Claas Gruppe und finanziert den Wachstumskurs mit innovativen Finanzierungsinstrumenten.

2007 geht Günther als CFO und Arbeitsdirektor zu dem Dax-Konzern Infineon. Dort baut er unter anderem eine Defense-Strategie gegen Hedgefonds und unfreundliche Investoren auf. Im Jahre 2008 wird er als CFO in den Vorstand von Arcandor berufen, um einen Sanierungsplan zu erarbeiten, der die Verselbstständigung der verschiedenen Unternehmensteile Thomas Cook, Karstadt und Quelle zum Ziel hat.

Im April 2012 wird Günther CFO des Technologiekonzerns Jenoptik, wo er die ERP-Struktur des Unternehmens mit Hilfe eines neuen SAP-Systems modernisiert. Das Projekt hat eine Laufzeit von fünf Jahren und ein Budget von über 20 Millionen Euro. Günther verlässt Jenoptik im März 2015 und übernimmt im Januar 2016 den Vorstandsvorsitz bei dem Frankiermaschinenhersteller Francotyp-Postalia. Wie bereits sein Vorgänger übernimmt er dort gleichzeitig auch die Leitung des Finanzressorts.
   

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In Summe wäre es überraschend, würde das Abrücken von Günther Francotyp-Postalia keinen Millionenbetrag kosten. Gemessen an der Ertragskraft des Berliner Mittelständlers ist das eine signifikante Summe: 2018 erwirtschaftete der Konzern einen Vorsteuergewinn von 1,3 Millionen Euro, im Jahr davor waren es 7,1 Millionen Euro.  

Sowohl zu der Art der „strategischen Differenzen“ als auch zu den „Kritikpunkten“ an Günther, die Elgeti dem Aufsichtsrat nach eigener Aussage vorgelegt hat, schweigt Röhrig allerdings noch immer. So erhalten die übrigen Aktionäre keinen Einblick in die Gründe für den Machtkampf, der den Maschinenbauer erfasst hat. Arbeitsrechtlich scheinen die Kritikpunkte an Günther jedoch nicht erheblich zu sein, schließlich wurde er nicht „aus wichtigem Grunde“ freigestellt. Der Aufsichtsrat „plant“ lediglich, Lind zum neuen Vorstandsvorsitzenden zu berufen, „sofern die Position vakant wird“. 

Bavaria arbeitet eng mit FP-Rivalen zusammen

Auf den ersten Blick scheint der berufliche Hintergrund des designierten neuen FP-Chef unauffällig zu sein. Lind verfügt über viel Erfahrung in Technologieunternehmen. Von 2014 bis 2018 war er CEO von Asterion International, einem Anbieter von Email-Kommunikation und Business Process Outsourcing (BPO), bis Bavaria dieses Portfoliounternehmen im April 2018 an die französische Exela Technologies verkaufte. Davor arbeitete Lind unter anderem für die großen IT-Konzerne Fujitsu und CSC.

In Asterion hatte Bavaria aber Assets gebündelt, die das Family Office im Jahr 2013 von dem FP-Konkurrenten Pitney Bowes übernommen hatte. Und schon kurz nach dem Exit kehrte das Münchener Family Office in den Markt von FP zurück – wieder mit dem Deal-Partner Pitney Bowes: Im Januar 2019 erwarb Bavaria ein neues Portfolio von Pitney-Bowes-Geschäften in Skandinavien, der Schweiz und Italien. 

Trading-Spanne verlassen (Zweijahreskurs von Francotyp-Postalia)

Steht Francotyp-Postalia vor der Zerschlagung?

Lind dürfte also über einschlägige M&A-Erfahrung im Kauf und Verkauf von Mail-Service-Assets verfügen, die auch einen wichtigen Teil des Kerngeschäfts von Francotyp-Postalia darstellen. Der Gedanke, dass Lind im Auftrag von Röhrig und Elgeti FP an Pitney Bowes verkaufen soll, ist jedoch abwegig. Der Frankiermaschinenmarkt besteht nur noch aus drei relevanten Anbietern. Kartellrechtlich dürfte eine Übernahme von FP durch Pitney Bowes unmöglich sein.

Sobald er den FP-Aktionären in der Breite bekannt wird, dürfte Linds Hintergrund jedoch Zerschlagungsfantasien wecken. Elgeti macht keinen Hehl daraus, dass er FP an der Börse für unterbewertet hält. Die Einzelteile des Konzerns dürften deutlich mehr wert sein als der aktuelle Börsenwert von 65 Millionen Euro und der Unternehmenswert von etwas weniger als 100 Millionen Euro. Im Kerngeschäft mit Frankiermaschinen und Mail-Services kämpft FP zwar mit einem strukturell rückläufigen Gesamtmarkt, gewinnt aber stetig Marktanteile hinzu. Die Cashflows, die die Berliner dort erwirtschaften, sind hoch. Ein großer Teil davon ist auch noch wiederkehrend.

Als zweite Säule entsteht gerade ein noch kleines, aber schnell wachsendes Geschäft mit Kryptographie und Internet-of-Things (IoT)-Anwendungen, das an der Börse perspektivisch hohe Bewertungs-Multiples erzielen könnte, sobald es eine kritische Größe erreicht hat. 
 
Manche Investoren nehmen offenbar schon Witterung auf. Heute hat die FP-Aktie zum ersten Mal seit fast zweieinhalb Jahren die Handelsspanne von 3 bis 4 Euro nach oben verlassen. Der Kursgewinn dieser Woche beläuft sich auf fast 10 Prozent. Die Berliner Traditionsfirma ist plötzlich „im Spiel“, wie es am M&A-Markt heißt.

michael.hedtstueck[at]finance-magazin.de 

Mehr über den in Bedrängnis geratenen FP-Chef finden Sie im FINANCE-Köpfe-Profil von Rüdiger Andreas Günther.