Francotyp-Postalia

05.11.19
Wirtschaft

Elgeti scheucht Francotyp-Postalia auf

Der Finanzinvestor Rolf Elgeti hält nach FINANCE-Informationen nun schon fast 20 Prozent an Francotyp-Postalia. Ein Aktivist will er nicht sein – erhöht aber trotzdem den Druck auf Vorstandschef Rüdiger Günther.

Bei Francotyp-Postalia (FP) bahnt sich ein heißer Herbst an. Ende August hatte der Investor Rolf Elgeti den Ankauf von mehr als 15 Prozent der Aktien gemeldet. Seitdem hat er nach FINANCE-Informationen weiter zugekauft und soll nun schon in der Nähe der 20-Prozent-Marke stehen. Gegenüber FINANCE präzisiert Elgeti nun erstmals den Hintergrund seines Investments – und macht Druck auf das Management um Rüdiger Andreas Günther, der seit Anfang 2016 als Vorstands- und Finanzchef des Berliner Frankiermaschinenbauers agiert.

Elgeti bemängelt zu hohe Kosten

Gegenüber FINANCE bemängelt Elgeti vor allem die Entwicklung der Kosten bei Francotyp-Postalia: „Ich sehe großes Kostensenkungspotential im ganzen Unternehmen, aber auch an der Unternehmensspitze. Selbst die sehr niedrig hängenden Früchte werden nicht gepflückt. Außerdem sind die Verwaltungskosten und die Managementgehälter für die Unternehmensgröße und den Börsenwert von Francotyp-Postalia viel zu hoch.“

CEO und CFO Günther verteidigt sich auf FINANCE-Anfrage mit dem Verweis auf das bereits eingeleitete Strukturprogramm namens „Jump“. Dieses läuft schon seit zwei Jahren, legt den Schwerpunkt aber eher auf langfristig wirkende Maßnahmen: Verwaltungsaufgaben sollen in Shared-Service-Center verschoben werden, während die Einführung eines neuen ERP-Systems die Prozesse schneller machen soll.

Rüdiger Andreas Günther, Francotyp-Postalia Holding AG

1985 startet Günther seine berufliche Laufbahn als Investmentbanker und Country Manager bei der Continental Bank of Chicago. Ab 1988 zunächst als Bereichsleiter, später dann als Leiter des Zentralbereichs Finanzen von Metro setzt Günther Schwerpunkte in der Akquisitionsfinanzierung. Weitere Schwerpunkte sind die Etablierung des Finanz-Controllings, einer Risk-Management-Funktion und eines MIS-Systems für Finanzrisiken.

Bei dem Landmaschinenhersteller Claas durchläuft Günther ab 1993 verschiedene Managementfunktionen bis zum CFO und wird später auch noch Sprecher der Geschäftsführung. Mit der Übernahme von Renault Agriculture initiiert Günther den internationalen Geschäftsaufbau der Claas Gruppe und finanziert den Wachstumskurs mit innovativen Finanzierungsinstrumenten.

2007 geht Günther als CFO und Arbeitsdirektor zu demDax-Konzern Infineon. Dort baut er unter anderem eine Defense-Strategie gegen Hedgefonds und unfreundliche Investoren auf. Im Jahre 2008 wird er als CFO in den Vorstand von Arcandor berufen, um einen Sanierungsplan zu erarbeiten, der die Verselbstständigung der verschiedenen Unternehmensteile Thomas Cook, Karstadt und Quelle zum Ziel hat.

Im April 2012 wird Günther CFO des Technologiekonzerns Jenoptik, wo er die ERP-Struktur des Unternehmens mit Hilfe eines neuen SAP-Systems modernisiert. Das Projekt hat eine Laufzeit von fünf Jahren und ein Budget von über 20 Millionen Euro. Günther verlässt Jenoptik im März 2015 und übernimmt im Januar 2016 den Vorstandsvorsitz bei dem Frankiermaschinenhersteller Francotyp-Postalia. Wie bereits sein Vorgänger übernimmt er dort gleichzeitig auch die Leitung des Finanzressorts.
   

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Doch das Cashflow-Profil des Programms bringt Günther nun in Zugzwang: 2018 verschlang Jump Einmalkosten von 8 Millionen Euro, brachte aber noch keine nennenswerten Einsparungen. In diesem Jahr fallen noch einmal über 2 Millionen Euro an, bei ersten „wiederkehrenden“ Einsparungen von gut 1,5 Millionen Euro. Die vollen Früchte werden die Aktionäre aber kaum vor 2022 sehen, wenn die Einsparungen eine Jahresrate von 6 Millionen Euro erreichen sollen. Das verlangt nach einem langen Atem.

Elgeti sieht FP-CEO Günther am Zug

Elgeti gehen die Kostensenkungen nicht schnell genug. Das Gleiche gilt für die Revitalisierung des Umsatzwachstums. Auch dort hat Günther kurz nach seinem Amtsantritt ein Langstreckenprojekt aufgelegt, dessen Ergebnisse sich ebenfalls erst in den nächsten Jahren in Form massiv steigender Umsätze zeigen sollen.

Elgeti mahnt aber an, „dass jetzt etwas passieren muss“. Indes: Einen klaren Weg aufzeigen will der Investor, der unter anderem auch mit gewichtigen Anteilen an dem Fintech Creditshelf, dem Fußballklub Hansa Rostock und dem Wertpapierhändler Seydler beteiligt ist, noch nicht: „Das ist die Aufgabe des Managements. Ich stelle allerdings fest, dass das Unternehmen sein Potential bei weitem nicht ausschöpft.“

Um seine These zu untermauern, verweist der frühere Analyst und Ex-Chef von TAG Immobilien auf das Unternehmensportfolio von Francotyp-Postalia: „Das lässt viele Möglichkeiten zu, die Firma weiterzuentwickeln: Ausbau des Ganzen, Fokussierung auf einen oder zwei Kernbereiche, umfangreiche Spartenverkäufe oder nennenswerte Zukäufe, um im Stammgeschäft Teile von Wettbewerbern zu kaufen. Außerdem noch schnelleres Wachstum in der IoT-Sparte – verschiedenste Möglichkeiten ergeben Sinn. Sie schließen sich nicht gegenseitig aus.“

„Francotyp-Postalia schöpft sein Potential bei weitem nicht aus.“

Rolf Elgeti

FP-Chef Günther setzt auf das Internet der Dinge

Rüdiger Andreas Günther – nach CFO-Stationen bei Claas, Infineon und Jenoptik am Kapitalmarkt nicht gerade unerfahren – teilt die Ansicht, Francotyp-Postalia würde richtungslos agieren, naturgemäß nicht: „Unsere Wachstumsstory ist intakt, unsere Strategie langfristig angelegt. In diesem Jahr haben wir in allen Bereichen neue Produkte und Dienstleistungen auf den Markt gebracht“, sagte er gegenüber FINANCE.

Tatsächlich hat FP im Kerngeschäft Frankiermaschinen seinen Weltmarktanteil seit Günthers Amtsantritt von 10 auf 12 Prozent ausgebaut, und eine gerade erst auf den Markt gebrachte neue Maschinengeneration eröffnet den Berlinern Chancen, noch mehr Marktanteile zu erobern. Die neuen Maschinen sind das Kernstück von Günthers Transformationsstrategie: Sie bieten Schnittstellen zu neuen digitalen Angeboten des Mittelständlers, was zu zusätzlichen Umsätzen führen soll.

Auf Marktanteilsgewinne und Cross-Selling-Erlöse ist FP angewiesen, weil das Volumen an Postsendungen und damit der dem Kerngeschäft zugrunde liegenden Markt weltweit strukturell schrumpft. Besonders wichtig ist eine wachsende Basis installierter Maschinen aber deshalb, weil der gesamte Konzern von den üppigen, margenstarken und wiederkehrenden Service-Erlösen lebt, die die Wartung der Maschinen abwirft.

Als nächsten Schritt will Günther die Verschlüsselungstechnologie, über die die Berliner verfügen, in noch andere Industriebereiche als nur das Frankiergeschäft übertragen.

Im „Internet der Dinge“ (IoT), das Maschinen miteinander verknüpft, sieht Günther auf lange Sicht das Betätigungsfeld seines Unternehmens, mit Abnehmern aus zahllosen verschiedenen Branchen. Günther hofft, dass dies FP „zu einem dynamischen Wachstumsunternehmen machen wird“.

Francotyp-Postalia-Aktie zeigt keine Dynamik

Doch die Gegenwart ist deutlich trister als diese Zukunftsvision. Nach dem ersten Halbjahr musste Francotyp-Postalia nicht nur die Wachstumsprognose für das laufende Geschäftsjahr zurücknehmen, sondern – schlimmer noch – auch noch die Mittelfristziele verschieben. Die Zielmarken 250 Millionen Euro Umsatz für 2020 und 400 Millionen für 2023 werden nun „innerhalb des ursprünglichen Zeitrahmens noch nicht in dieser Höhe erreicht werden“, warnte Günther. Im vergangenen Jahr lag der Umsatz bei 205 Millionen Euro.

Den Aktienkurs hat diese doppelte Guidance-Senkung aber nicht belastet – zum einen, weil Elgeti weiter zukauft, zum anderen, weil der Kapitalmarkt die Ziele ohnehin nie für bare Münze genommen hat. Die Kursentwicklung spricht eine klare Sprache: Die FP-Aktionäre haben die Kursrallye am deutschen Aktienmarkt nicht mitgemacht, das Papier steht heute um 10 Prozent niedriger als vor fünf Jahren. Eine zwischenzeitliche Kursverdoppelung bis Mitte 2017 erwies sich nicht als nachhaltig, von 6 Euro hat sich die Aktie auf aktuell rund 3,50 Euro wieder nahezu halbiert. Den Tiefpunkt erreichte sie zu Beginn dieses Jahres bei 3 Euro.

Verlorene Jahre für die Aktionäre von FP (5-Jahres-Chart)

Elgetis Plan für Francotyp bleibt vage

Für Elgeti ist diese Kursschwäche Fluch und Segen zugleich. Einerseits hat sie ihm den Einstieg ermöglicht: Nach FINANCE-Informationen haben gleich zwei frühere Großaktionäre ihre Anteile entnervt an Elgeti abgetreten, die Schweizer Quaero Capital und der Hamburger Asset-Manager SPSW Capital. Und während Elgeti am Markt war, um sein 15-Prozent-Paket aufzubauen, traf er dort praktisch keine anderen Aufkäufer.

Andererseits setzt Elgeti mit seinem Einstieg nicht nur Vorstandschef Günther unter Druck, sondern in gewisser Weise auch sich selbst: Wenn er eine Idee für FP haben sollte, die sich von Günthers Langfristplan nennenswert unterscheidet, müsste er sie früher oder später vorbringen, denn aus sich heraus verspricht das Investment in Francotyp-Postalia wenig Dynamik zu entfalten.

Gegenüber FINANCE beschränkt sich Elgeti aktuell darauf, zu erklären, dass er FP für „massiv unterbewertet“ hält: „Das Bestandsgeschäft ist nicht so schlecht, wie der Kapitalmarkt denkt. Und die Aufwärtspotentiale aus dem entstehenden IoT-Geschäft gibt es quasi als freie Option oben drauf.“

Wie FINANCE aus Unternehmenskreisen erfahren hat, ist Elgeti von verschiedenen Stellen bereits darum gebeten worden, seine Agenda zu präzisieren.

Doch genau in diese Rolle, die auf die eines Aktivisten hinauslaufen würde, will sich der Investor nicht drängen lassen: „Wenn, dann möchte ich höchstens eine konstruktiv-freundliche aktivistische Rolle einnehmen. Am liebsten würde ich mich so wenig wie möglich einbringen.“

Gibt es eine Allianz zwischen Elgeti und AOC?

Damit rückt der zweitgrößte FP-Aktionär nach Elgeti ins Blickfeld, und dieser hat ein eindeutiges Profil als aktivistischer Investor vorzuweisen: 9,5 Prozent der Anteile liegen bei AOC, jenem Investor, der 2016 und 2017 nur etwas mehr als ein Jahr brauchte, um den Generikaproduzenten Stada in eine Übernahme durch eine Private-Equity-Gruppe zu treiben. AOC-Chef Klaus Röhrig ist schon seit 2012 bei Francotyp-Postalia investiert, seit 2013 ist er Chef des Aufsichtsrats. Auf eine Gesprächsanfrage von FINANCE ging der öffentlichkeitsscheue Österreicher nicht ein. Aber es ist naheliegend, dass auch er mit der Entwicklung seines Investments hadert.

„Ich habe das gleiche Interesse wie AOC und Respekt vor deren Track Record und Professionalität.“

Rolf Elgeti

Elgetis Zurückhaltung, wenn es darum geht, dem Management klare Vorgaben zu machen, lässt beiden Großaktionären nun noch alle Möglichkeiten – bis hin zu einer Allianz, schließlich hat Röhrig als Aufsichtsratschef Günthers Kurs stets mitgetragen. Elgeti scheint den Schulterschluss mit AOC sogar zu suchen: „Im Kern habe ich das gleiche Interesse wie AOC und auch Respekt vor deren Track Record und Professionalität. Alles Weitere wird sich auf konstruktive Art und Weise finden.“ Nach einem unmittelbar bevorstehenden Konflikt zwischen den beiden Finanzinvestoren klingt das nicht.

Für die FP-Führung kann dieser Status quo eine gute oder eine schlechte Wendung nehmen. Überzeugt AOC-Chef Röhrig Investor Elgeti von seinem Kurs der strategischen Geduld, dürfte Günther wohl die Zeit bekommen, um im nächsten Jahr tatsächlich nachzuweisen, dass das Digitalgeschäft anzieht und „Jump“ die Kosten wie versprochen senkt. Drängt Elgeti jedoch auf Veränderungen, und Röhrig schwenkt auf diese Linie ein, dürfte das Aktionariat von Francotyp-Postalia künftig eine deutlich aktivere Rolle spielen als in der Vergangenheit.

Günther muss FP erst noch „akquisitionsfähig“ machen

Das Problem: Glaubt man Günther, ist der Maschinenbauer für große Veränderungen noch gar nicht bereit: „FP muss erst noch akquisitionsfähig gemacht werden, um eine transformierende Übernahme auch integrieren zu können“, sagte er gegenüber FINANCE. Immerhin sei man dabei „auf einem guten Weg“.

Akquisitionschancen scheint Günther aber ausschließlich in den Zukunftsbereichen zu sehen. Dort sind die Bewertungen allerdings hoch und die Deals riskant – die meisten in diesen Bereichen für FP möglichen Targets sind der Start-up-Phase noch kaum entwachsen. Im traditionellen Frankiermaschinengeschäft sieht Günther dagegen höchstens „Arrondierungsmöglichkeiten, beispielsweise durch die Übernahme einzelner Händler“.

Die Kasse von Francotyp-Postalia ist voll

Was den gegenwärtigen Stillstand so brisant macht: Geld, um mit Vehemenz den Konzern in die eine oder andere Richtung zu wuchten, wäre vorhanden. FP ist zwar netto mit 33 Millionen Euro verschuldet, erwartet für dieses Jahr aber einen um Sonderkosten bereinigten operativen Gewinn (Ebitda) „signifikant“ oberhalb der 27 Millionen Euro des Vorjahres. Das entspricht einem sehr geringen Leverage in der Größenordnung von 1x Ebitda.

Hinzu kommen sehr robuste, wiederkehrende Cashflows aus dem Servicegeschäft, die es zuließen, Schulden nach einer möglichen Großakquisition schnell wieder abzutragen. Darüber hinaus hat CFO Günther FP nach seinem Amtsantritt einen neuen Kreditrahmen in Höhe von 200 Millionen Euro arrangiert. Ein Teil der Kredite ist im operativen Geschäft gebunden, aber Firmenkennern zufolge ließe sich durchaus ein hoher zweistelliger Millionenbetrag für M&A mobilisieren – zusätzlich zu der Möglichkeit, auch noch eine Kapitalerhöhung durchzuführen, welche die Firepower in den dreistelligen Millionenbereich hieven würde.

Mit großem Interesse dürften Elgeti und Röhrig auf diese Geldreserven schauen. An der Finanzierung würden Manöver in die „verschiedensten“ Richtungen, die sich der neue Großaktionär vorstellen kann, nicht scheitern. Die entscheidende Frage ist, wer aus dem kompliziert miteinander verwobenen Trio Elgeti, Günther, Röhrig als Erster die Initiative ergreift.

michael.hedtstueck[at]finance-magazin.de
 

Erfahren Sie mehr über den CEO und CFO von Francotyp-Postalia im FINANCE-Köpfe-Profil von Rüdiger Andreas Günther.