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Wie CFOs die „neuen“ Aktivisten zähmen

Ein Trend zu Multi-Kampagnen mehrerer aktivistischer Investoren macht sich breit. Das erfordert besondere Dialogkompetenz von CFOs. Foto: Visions-AD - stock.adobe.com
Ein Trend zu Multi-Kampagnen mehrerer aktivistischer Investoren macht sich breit. Das erfordert besondere Dialogkompetenz von CFOs. Foto: Visions-AD - stock.adobe.com

Das Image aktivistischer Investoren ist wahrlich kein besonders gutes. Ihnen wird nachgesagt, mit einem kurzen, aber knallharten Engagement in einem Unternehmen ihr Partikularinteresse der schnellen Renditemaximierung opportunistisch durchzuboxen. Doch so schwarz-weiß ist das Geschäft der Aktivisten nicht mehr. Aus Kampagnen werden immer häufiger Zweckbeziehungen zwischen ihnen und den Managements, die durchaus ihr Gutes haben können. Der Unternehmensberater und Aktivisten-Experte Patrick Siebert von Alvarez & Marsal (A&M) hält es für sinnvoll, sich mit (potentiellen) Investmenthypothesen aktivistischer Investoren zu beschäftigen – am besten proaktiv und nicht erst aufgezwungen.

CFOs müssen die eigenen Schwachstellen kennen

Um Einfallstore selbst zu erkennen und nicht erst im Zuge einer Kampagne auf die eigenen Schwachstellen hingewiesen zu werden, sollten Unternehmen ihre Wertsteigerungsstrategie und ihr Portfolio selbst kritisch auf den Prüfstand stellen, betont auch die Managementberatung Boston Consulting Group. Dazu gehören sogenannte „TRS-Analysen“ (Total Shareholder Return), Konkurrenz- und Wettbewerbsanalysen, Maßnahmen zur Renditeentwicklung, potenzielle Angriffspunkte bei der Corporate Governance und die Zukunftsfähigkeit des Geschäftsmodells sowie der Sparten abseits des Kerngeschäfts – Stichwort ESG.

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Nicht umsonst gehören Abspaltungsideen wie Börsengänge, M&A-Deals oder Carve-outs zu den gängigen Forderungen von Aktivisten. Eine Aktivisten-Perspektive einzunehmen kann eine essentielle präventive Maßnahme sein, betont A&M-Experte Siebert. Beispielsweise können durch aktives Portfoliomanagement Erlöse in Folge veräußerter non-core-Einheiten erzielt werden, die wiederum zu einer Stärkung der Produktpipelines im Core-Geschäft führen würden, so Siebert.

Dabei hapere es CEOs und CFOs meist nicht an der Erkenntnis, dass Handlungsoptionen der Veränderungen existieren, sondern an Priorität und Umsetzungsgeschwindigkeit. Hier werde oft der Dissens zwischen langfristiger Unternehmensvision des CEO und dem maximal mittelfristigen Investmenthorizont des Finanzinvestors deutlich, so Siebert.

Alle großen Aktionäre ins Boot holen

Ist ein aktivistischer Investor erst einmal an Bord, zählt Dialogbereitschaft. Einfaches Aussitzen und blindes Abwehren ist heute riskanter als noch vor einigen Jahren, schließlich treten viele Aktivisten inzwischen merklich konzilianter auf als früher. Dies macht sie anschlussfähiger für weitere Aktionäre. Andererseits kann ein Austausch aber auch fruchtbar sein und das Unternehmen von einem Aktivisten-Aktionär profitieren.

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Der Dialog darf sich allerdings nicht auf den Aktivisten begrenzen. Da ihre Forderungen und Analysen fundierter und anschlussfähiger geworden sind, rät Siebert zu bestmöglicher Investorenkommunikation mit allen größeren Ankeraktionären über die strategische Ausrichtung des Unternehmens sowie deren Chancen und Risiken. Im Fall von öffentlichen Kampagnen oder bei Shortseller-Attacken stärkt dies die Aussichten, das Gros des Aktionariats auf die Seite des Managements zu ziehen.

Multi-Kampagnen erschweren den Dialog

Noch komplexer wird es für CEOs und CFOs bei Multi-Kampagnen, also wenn gleich mehrere Aktivisten in die Aktie einsteigen. Hier gibt es grundsätzlich zwei Szenarien: Investoren schließen sich und ihre Forderungen zusammen und treten als Verbündete auf, was ihnen mehr Durchsetzungskraft verleiht. Bei Private Equity sind derartige „Club-Deals“ gang und gäbe, aktuell zum Beispiel bei der versuchten Übernahme der Aareal Bank. Oder aber es eint die Aktivisten lediglich das gemeinsame Ziel der Wertsteigerung, jedoch mit unterschiedlichen Vorstellungen über den Weg dorthin. Vor allem bei diesen Fällen kann aus einem „einfachen“ Dialog für das Management leicht ein strategischer Drahtseilakt werden. 

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In den USA häufe sich dieses Phänomen, berichtet Siebert. Dort hätten vor allem ESG-orientierte Aktivisten keine Scheu davor, auch bei solchen Unternehmen aktiv zu werden, bei denen bereits Aktivisten mit anderen Agenden mitmischen. Solche Multi-Kampagnen erfordern besonders großes Geschick von CEOs und CFOs. Denn nicht immer ist „grün“ drin, wo „grün“ draufsteht. Umweltbezogene Forderungen können und werden auch als Mittel für die schnelle Rendite eingesetzt, da schon die schiere Ankündigung ESG-bezogener Forderungen im derzeitigen Umfeld Kurssprünge verursachen kann. Dann verschwimmen die Grenzen zwischen „guten“ und „bösen“ Aktivisten.

In Europa und Deutschland sind solche Multi-Kampagnen noch selten, doch das könnte sich ändern. „In den USA“, so betont Siebert, „werden Trends geschaffen, die früher oder später auch in Europa zu sehen sind“.

melanie.ehmann[at]finance-magazin.de

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Melanie Ehmann ist Redakteurin bei FINANCE und verfolgt schwerpunktmäßig die aktuellen Entwicklungen am M&A- und Private-Equity-Markt. Sie hat Politikwissenschaften an der Technischen Universität Darmstadt studiert. Vor FINANCE arbeitete Melanie Ehmann sechs Jahre in der Redaktion des Platow Verlags, zunächst als Volontärin, später als Wirtschaftsjournalistin im Platow Brief und den Sonderpublikationen.

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