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Die Metamorphose der Aktivisten: Vom Raubritter zum strategischen Partner?

Dialog statt Streit. Aktivistische Investoren finden immer häufiger ein offenes Ohr bei Unternehmen. Foto. LoloStock - stock.adobe.com
Dialog statt Streit. Aktivistische Investoren finden immer häufiger ein offenes Ohr bei Unternehmen. Foto. LoloStock - stock.adobe.com

Sie gelten als Raubritter am Kapitalmarkt. Aber dieses Bild wird den aktivistischen Investoren nicht gerecht, behauptet der Corporate-Transformation-Experte Patrick Siebert vom Beratungshaus Alvarez & Marsal (A&M). Die Analysen vieler Finanzinvestoren seien auf den Punkt: „Sie legen Schwachstellen offen, beschleunigen notwendige Transformationsprozesse und machen immer häufiger auch ESG und Diversität zum Teil ihrer Forderungen.“

Diesen Wandel nicht zu ignorieren, ist gerade für deutsche Unternehmen wichtig, schließlich sind sie es, die 2022 verstärkt in den Fokus aktivistischer Investoren auf der Suche nach Rendite in Europa rücken könnten. Einzig britische Unternehmen locken in Europa mehr Hedgefonds-Manager an.

Ein Vergleich: Im Frühjahr 2018 standen nur 18 deutsche Unternehmen auf einer von Alvarez & Marsal erstellten „Abschussliste“. Dort listet die Unternehmensberatung jene Firmen auf, bei denen sie das Risiko, in den nächsten 18 Monaten Ziel einer Aktivisten-Attacke zu werden, besonders hoch einschätzt. Damals belegte Deutschland in Europa noch Platz 5. Im jüngsten A&M-Report von Ende November lag die Zahl der deutschen Unternehmen schon um 50 Prozent höher bei 27 potentiellen Zielen, was Platz 2 im Länder-Ranking bedeutet.

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Krisenresilienz der deutschen Industrie lockt Aktivisten an

Das wachsende Interesse der Aktivisten an deutschen Unternehmen könnte auch mit den Folgen der Coronakrise zusammenhängen: Die deutsche Wirtschaft habe Corona, so Siebert, gut gemeistert, aber zahlreiche Unternehmen litten unter geschwächten Bilanzen – eine Situation, in der sich Aktivisten wohlfühlen.

Das liegt an ihrem Fokus: Aktivistische Fonds wollen nicht das Unmögliche möglich machen, sondern mit einem überschaubaren Zeithorizont Potenziale heben lassen. Branchen, deren Aktien Nachholbedarf nahelegen, oder Firmen, die in der Konkurrenzanalyse (noch) nicht Spitzenreiter sind, aber ein positives Momentum aufweisen, rücken im Screening-Prozess aktivistischer Investoren in den Vordergrund, betont der Corporate-Transformation-Experte.

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Energie- und Chemiekonzerne im Visier

Und die Qualität ihrer Analysen nehme weiter zu, erklärt Siebert. Die Befunde treffen den Nerv der Zeit und deckten vorhandene Schwachstellen auf. In der Vergangenheit hingegen hatten die lautesten Aktivisten eher – wie etwa Elliott – mit Merger-Arbitrage-Geschäften bei öffentlichen Übernahmen oder – wie Cevian und Third Point – mit „Buy-and-Break“-Strategien von sich reden gemacht. Wenn nun aber die Forderungen vieler Aktivisten anspruchsvoller werden, können CEOs und CFOs es sich nicht mehr leicht machen und die Hedgefonds als „Störenfriede“ oder „Kurzfristdenker“ in die Ecke stellen. Sie müssen ihren kritischen Aktionären mit Wertsteigerungsstrategien begegnen, die  mehr denn je auch komplexe Transformationstrends berücksichtigen.

Dies betrifft allen voran ESG und Diversität, zwei Faktoren, die nicht zuletzt durch öffentlichen Druck von Gesellschaft, Politik und Gesetzgebern Einzug in Corporate Germany gefunden haben. Verstärkt drängen Aktionärsaktivisten auf Verbesserungen bei ESG-Strategien, sie fordern klare Marschrouten.

Siebert verortet ihre Kampagnenziele insbesondere unter börsennotierten Konzernen in emissionsintensiven Branchen wie Chemie, Stahl und Energie. RWE-Chef Markus Krebber erlebt dies gerade am eigenen Leib. Er muss sich seit einigen Monaten von dem auf Erneuerbare Energien spezialisierten aktivistischen Investor Enkraft Capital den Vorwurf anhören, dass er das Braunkohlegeschäft angeblich viel zu langsam herunterfahre. Enkraft behauptet, dass RWE durch eine Abspaltung des Kohlegeschäfts kurzfristig 20 Milliarden Euro oder 30 Euro pro Aktie mehr wert werden könnte, und dies sei eine „konservative Schätzung“, schreibt Enkraft in einem Brief an Management und Aufsichtsrat des Energieriesen.

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Aktivisten wollen immer noch M&A – aber anders

Das Vorgehen von Enkraft bei RWE zeigt, dass sich die Methoden der Aktivisten im Vergleich zu früher nicht geändert haben: Diskrete Ansprache mit klaren Ansagen, bei Zurückweisung durch das Management eine Veröffentlichung der Kampagne, um den Druck zu erhöhen und andere Aktionäre zum Mitmachen zu animieren. Außerdem setzen die Aktivisten immer noch am liebsten auf Wendemanöver, die zwar eine Weile brauchen, um umgesetzt zu werden, deren reine Ankündigung aber sehr schnell einen deutlichen Sprung beim Aktienkurs auslösen könnte – oftmals der klassische Portfolioumbau mit Hilfe von M&A oder Abspaltungen.

Was sich indes geändert hat, sind die Größe der Zielunternehmen und die Investitionssummen, bei manchen Investoren zusätzlich auch die Haltedauer der Investments. Um genau zu sein, lag der Durchschnitt der von A&M analysierten Übernahmedeals in Deutschland Ende 2021 bei 794 Tagen.

CFO-Profil

Dr. Markus Krebber, RWE AG

Dr. Markus Krebber

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RWE AG

Ebenso dürfte die durchschnittliche Marktkapitalisierung der Zielkonzerne europaweit deutlich von zirka 14 Milliarden Euro in 2020 auf über 23 Milliarden Euro in den Jahren 2022/23 ansteigen, so die Prognose von Alvarez & Marsal. Dies liege daran, dass aktivistischen Hedgefonds immer mehr Geld zufließe und große (Industrie-)Konglomerate attraktive Wertsteigerungspotenziale in ausgewählten Geschäftsbereichen bieten.

Ein größeres und länger andauerndes finanzielles Engagement und das Ausnutzen von gesellschaftlich populären Megathemen wie ESG stärken die Akzeptanz der Aktivisten in den Augen vieler „normaler“ Investoren. Für Managementteams ist es schwerer, diese Phalanx abzuwehren, als dies bei Attacken in der Vergangenheit der Fall gewesen ist.

In den USA, so Siebert, sei der Umgang zwischen Aktivisten und Unternehmen noch rauer als in hierzulande, da öffentliche Kampagnen als Druckmittel zur Zielerreichung von aktivistischen Investoren weit verbreitet sind. In Europa ist dieses Verhalten eher selten.

melanie.ehmann[at]finance-magazin.de

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Melanie Ehmann ist Redakteurin bei FINANCE und verfolgt schwerpunktmäßig die aktuellen Entwicklungen am M&A- und Private-Equity-Markt. Sie hat Politikwissenschaften an der Technischen Universität Darmstadt studiert. Vor FINANCE arbeitete Melanie Ehmann sechs Jahre in der Redaktion des Platow Verlags, zunächst als Volontärin, später als Wirtschaftsjournalistin im Platow Brief und den Sonderpublikationen.

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