Die spanische Bank Santander übernimmt das Kerngeschäft von Wirecard.

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17.11.20
Deals

Wirecard-Verkäufe bringen eine halbe Milliarde ein

Die spanische Bank Santander schnappt sich für 100 Millionen Euro das europäische Kerngeschäft von Wirecard. Insgesamt hat der Insolvenzverwalter Michael Jaffé mit Wirecard-Verkäufen bisher 500 Millionen Euro erlöst. Was kommt noch?

Aus 77 mach 1: Nachdem im Sommer rund 77 Interessenten für das Wirecard-Kerngeschäft Vertraulichkeitsvereinbarungen abgegeben haben, hat die spanische Großbank Banco Santander nun den Zuschlag für das europäische Geschäft „Acquiring & Issuing“ des insolventen Zahlungsdienstleisters erhalten. Das teilte der Insolvenzverwalter Michael Jaffé mit.

Im Rahmen dieses Asset-Deals übernimmt die Santander sowohl die Technologieplattform in Europa als auch alle dafür notwendigen Vermögenswerte. Ein Großteil der Mitarbeiter in dem Geschäftsbereich „Acquiring & Issuing“ sowie die Mehrheit der Beschäftigen der Wirecard Bank AG – zusammengenommen rund 500 Mitarbeiter – sollen zudem in das globale Händlerservice-Team der Santander wechseln.

Dieses Team soll künftig unter der Dachmarke Getnet geführt werden. Im Händlerservice bündelt die Santander die weltweite Abwicklung von Zahlungsdienstleistungen im Handel. Bestehende Wirecard-Kunden sind jedoch nicht Teil des Deals, wie die spanische Bank betonte. Nach dem Abschluss der Transaktion, den Jaffé bis Ende dieses Jahres erwartet, soll die Wirecard Bank geordnet heruntergefahren werden. Die Behörden, darunter die Kartellbehörden und die Bafin, müssen dem Deal noch zustimmen.

Santander kauft Wirecard-Kerngeschäft für 100 Millionen

Die Ratio der Santander hinter dem Deal ist simpel: Durch den Zukauf wollen die Spanier im Geschäft mit Zahlungsdienstleistungen und dem damit verbundenen Händlergeschäft in Europa wachsen. Einen offiziellen Kaufpreis nennt Jaffé nicht, Finanzkreisen zufolge liegt dieser aber bei rund 100 Millionen Euro.

Der Insolvenzverwalter zeigt sich mit dem Deal zufrieden: „Wir haben damit auch den Investorenprozess für das Wirecard-Kerngeschäft trotz ungünstigster Voraussetzungen erfolgreich abschließen können. Dies ist umso bemerkenswerter, als der gesamte Prozess durch immer neue Skandal-Meldungen überschattet wurde und anfänglich keine Liquidität zur Aufrechterhaltung des Geschäftsbetriebs verfügbar war.“

US-Geschäft von Wirecard ist 300 Millionen Euro wert

Mit dem Verkauf des Wirecard-Kerngeschäfts sind nun die wesentlichen Vermögenswerte des insolventen Zahlungsdienstleisters verkauft. Mitte August ging bereits die brasilianische Wirecard-Tochter an den Wettbewerber Pagseguro. Im Oktober folgten dann gleich drei Veräußerungen: Das rumänische Geschäft ging an den Wettbewerber Sibs, die Wirecard Retail Services an den Zahlungsdienstleister Unzer (ehemals Heidelpay), hinter dem der Finanzinvestor KKR steht.

Das Nordamerikageschäft verkaufte Jaffé an die US-Holding Syncapay. Finanziert wurde der US-Deal von dem Finanzinvestor Centerbridge. Der Kaufpreis soll bei rund 300 Millionen Euro gelegen haben – damit ist das US-Geschäft deutlich wertvoller als das nun veräußerte europäische Kerngeschäft. Insgesamt hat der Insolvenzverwalter Finanzkreisen zufolge nun bereits rund 500 Millionen Euro aus den Wirecard-Verkäufern erlösen können – Geld, das den Gläubigern von Wirecard zugutekommen soll.

Daneben konnten auch bereits die Wirecard-Gesellschaften in Österreich und Zentraleuropa sowie in Neuseeland und Australien veräußert werden, teilt ein Sprecher des Insolvenzverwalters mit. Auch das Geschäft in Großbritannien, die Wirecard Card Solutions, wechselte bereits den Besitzer und gehört nun dem britischen Finanzdienstleister Railsbank.

Was bleibt für die Wirecard-Gläubiger?

Insgesamt sieht es mit der Gläubigerbefriedigung dennoch nicht allzu rosig aus: Wie die „Süddeutsche Zeitung“ schreibt, rechnen Gläubiger offenbar nicht damit, dass die Verkaufserlöse am Ende 1 Milliarde Euro erreichen. Die Verbindlichkeiten bei den Hausbanken und Investoren belaufen sich auf über 3,2 Milliarden Euro.

Der Investorenprozess ist aber noch nicht abgeschlossen: Noch zum Verkauf stehen die Tochtergesellschaften in der Türkei, in Südamerika und Asien, wie beispielsweise die Geschäfte in Indonesien und Vietnam. Hier rechnet Jaffé in den nächsten Wochen mit Ergebnissen. Abgewickelt werden sollen neben der Wirecard Bank hingegen einzelne Ländergesellschaften, die kein operatives Geschäft haben, so der Sprecher des Insolvenzverwalters.

Der Aschheimer Zahlungsdienstleister Wirecard musste Ende Juni Insolvenz anmelden, nachdem der Wirtschaftsprüfer EY das Testat verweigerte, weil 1,9 Milliarden Euro auf Treuhandkonten in Asien nicht zu finden waren.

olivia.harder[at]finance-magazin.de

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