Das Amtsgericht München hat am heutigen Dienstag das Insolvenzverfahren über die Wirecard AG und sechs weitere deutsche Gesellschaften eröffnet.

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25.08.20
Wirtschaft

Insolvenzverwalter Jaffé greift bei Wirecard hart durch

Das Insolvenzverfahren über Wirecard ist eröffnet, und Insolvenzverwalter Michael Jaffé kündigt tiefe Einschnitte an. Mit den Strukturen, die er vorgefunden hat, geht er hart ins Gericht.

Insolvenzverwalter Michael Jaffé hat tiefe Einschnitte bei dem insolventen Zahlungsdienstleister Wirecard angekündigt. Nachdem das Amtsgericht München am heutigen Dienstag das Insolvenzverfahren über die Wirecard AG und sechs weitere deutsche Gesellschaften eröffnet hat, geht die Verfügungsgewalt über das Vermögen der insolventen Gesellschaften nun auf den Insolvenzverwalter über.

Dieser geht mit dem, was er vorgefunden hat, hart ins Gericht: Er bezeichnete die Cash-Burn-Rate zu dem Zeitpunkt, als der Vorstand Insolvenz beantragte, als „enorm“ und sieht dringenden Handlungsbedarf. Der Konzern habe in der Vergangenheit durch Zukäufe „erhebliche Überkapazitäten geschaffen“ und müsse „redimensioniert“ werden – sprich: deutlich verkleinert. Der alten Wirecard konstatiert Jaffé ein starkes „Missverhältnis zwischen den vorhandenen und den tatsächlich benötigten Ressourcen im Konzern“.

Viele dieser überzähligen Ressourcen waren vermutlich nötig, um den Geldgebern jenen Großkonzern zu simulieren, den es allem Anschein nach ausschließlich auf dem Papier, nicht aber in der Realität gab.

Jaffé kündigt Vorstandsverträge bei Wirecard

Jaffé argumentiert nun, dass man „nur durch tiefgreifende Einschnitte“ die Option erhalten könne, das Kerngeschäft rund um die Acquiring- und Issuing-Aktivitäten zu verwerten. Das bedeutet auch, dass Arbeitsplätze wegfallen werden. Mit der Eröffnung des Insolvenzverfahrens endet nun zudem der Bezug des Insolvenzgelds. Die Folgen: Gestern Abend hatte das Unternehmen Berichten zufolge bereits einige Mitarbeiter freigestellt. Insgesamt stehen 730 Mitarbeiter Jaffé zufolge vor der Kündigung. Da das Insolvenzgeld nicht mehr fließt, dürfte diese kurzfristig erfolgen. Auch Immobilien- und Leasingverträge will der Insolvenzverwalter beenden.

Und auch CFO Alexander von Knoop, der Medienberichten zufolge bis zuletzt an seinem alten Arbeitsplatz präsent war, muss seinen Schreibtisch räumen: Die Vorstandsverträge würden „insolvenzbedingt gekündigt“, teilte Jaffé mit.

Rund 570 Arbeitnehmer sollen ihre Arbeitsplätze dagegen behalten können, davon rund 350 in den insolventen Gesellschaften und 220 in der Wirecard Bank, die nicht von der Insolvenz betroffen ist.

FINANCE-Köpfe

Alexander von Knoop, Wirecard AG

Alexander von Knoop startet seine Karriere 2001 als Investment Management Associate bei PricewaterhouseCoopers in Frankfurt.

2005 wechselt er als Interner Revisor zu der Wirecard Bank in Grasbrunn, wo er später im Jahre 2014 zum Vorstandsmitglied wird. Im Jahr 2016 wird er neben seiner Tätigkeit bei Wirecard auch Non-Executive Director bei GI Technology in Chennai, Indien.

Seit dem 1. Januar 2018 ist Alexander von Knoop CFO des Zahlungsdienstleisters Wirecard.

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Investorenprozesse für Wirecard-Töchter laufen

Die große Herausforderung im Insolvenzverfahren: Mit den üblichen Maßnahmen zur Restrukturierung und Kostenanpassung sei es bei Wirecard nicht getan, bilanziert Jaffé. Dafür verbrennt der aufgeblähte Konzern offenbar zu viel Geld: „Eine so massive Verlustsituation ist im eröffneten Insolvenzverfahren unter Vollkosten nicht darstellbar“, so Jaffés Einordnung. Die Kosten und die Beschäftigten müssten „der unternehmerischen Wirklichkeit angepasst werden“.

Die Hoffnungen der Gläubiger ruhen auf der Verwertung der Assets: Derzeit wird das Kerngeschäft mit der nicht insolventen Wirecard Bank am Markt angeboten. Jaffé zufolge laufen M&A-Verhandlungen „mit mehreren namhaften Interessenten“. Die Erlöse aus einem Erwerb kämen den Gläubigern zugute. Auch Investorenprozesse für verschiedene internationale Tochtergesellschaften laufen. Wirecard Brazil ist bereits verkauft, die Verhandlungen über den Verkauf von Wirecard North America sollen weit fortgeschritten sein.

Jaffé prüft Haftungsansprüche

Neben der finanziellen Aufräumarbeiten läuft auch die juristische Aufarbeitung: Die Prüfung möglicher Haftungsansprüche aus Pflichtverletzungen der Wirecard-Verantwortlichen werde jedoch „angesichts des enormen Umfangs“ noch einige Zeit andauern, kündigte Jaffé an.

Gläubiger der Wirecard AG sowie der sechs insolventen Töchter Wirecard Technologies, Issuing Technologies, Service Technologies, Acceptance Technologies, Sales International Holding sowie Global Sales können noch bis zum 20. Oktober ihre Forderungen zur Insolvenztabelle anmelden. Ein erster Bericht des Insolvenzverwalters ist auf der Gläubigerversammlung am 18. November zu erwarten.

sabine.reifenberger[at]finance-magazin.de

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