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Bafin stellt Fehler in Hochtief-Bilanz fest

Die Bafin hat gleich drei Fehler in der 2017er-Bilanz von Hochtief gefunden. Foto: © HOCHTIEF
Die Bafin hat gleich drei Fehler in der 2017er-Bilanz von Hochtief gefunden. Foto: © HOCHTIEF

Der Baukonzern Hochtief muss seinen Konzernabschluss für das Geschäftsjahr 2017 korrigieren. Der Grund: Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungen (Bafin) hat festgestellt, dass Konzernabschluss und Konzernlagebericht der Essener fehlerhaft sind. Das teilte die Behörde am gestrigen Montag mit.

Die Prüfung der 2017er-Bilanz von Hochtief sei eine routinemäßige Prüfung gewesen, teilt ein Unternehmenssprecher auf Nachfrage von FINANCE mit. Eingeleitet wurde die Prüfung im Jahr 2018 noch von der Deutschen Prüfstelle für Rechnungslegung (DPR) im Auftrag der Bafin.

Hochtief hätte Projektgesellschaft HLG vollkonsolidieren müssen

Konkret hat die Bafin drei Fehler gefunden. Der erste dreht sich um die Frage, ob HLG Contracting aus Dubai (heute: BIC Contracting oder BICC) hätte vollkonsolidiert werden müssen. Bei dem Unternehmen handelt es sich um eine Minderheitsbeteiligung der australischen Hochtief-Tochterfirma Cimic. Im Konzernabschluss hatte Hochtief HLG als Gemeinschaftsunternehmen nach der Equity-Methode bilanziert – ein übliche Bilanzierungsweise für Anteile an assoziierten Unternehmen und Joint Ventures.

Weil Hochtief die Gesellschaft allerdings kontrollierte, ist die Bafin der Meinung, das Tochterunternehmen hätte bereits ab 2016 vollkonsolidiert werden müssen. Hochtief hingegen hatte die mittlerweile veräußerte Gesellschaft erst ab dem Geschäftsjahr 2020 vollkonsolidiert. Als Indiz für die Kontrolle wertet die Bafin unter anderem die Bereitstellung von wichtigen Managern von Hochtief an HLG sowie die Tatsache, dass Hochtief das Unternehmen alleinig über Gesellschafterdarlehen finanzierte sowie für Bankdarlehen garantierte.

Hochtief hätte HLG-Verlust über 140 Millionen Euro ausweisen müssen

In Zahlen bedeutet dies: Hochtief hätte 160 Millionen Euro für die Beteiligung, etwa 682 Millionen Euro für Gesellschafterdarlehen sowie 45 Millionen Euro für eine als Vermögenswert aktivierte Kaufoption für HLG-Anteile nicht verbuchen dürfen. Stattdessen hätte Hochtief die Vermögenswerte und Schulden des Gemeinschaftsunternehmens bilanzieren müssen. Damals bestanden kurz- und langfristige Verbindlichkeiten gegenüber Kreditinstituten über zusammengerechnet knapp 570 Millionen Euro.

Darüber hinaus hätte Hochtief nach Ansicht der Bafin den kompletten Verlust von HLG über rund 140 Millionen Euro ausweisen müssen – anstatt einen Verlustanteil von lediglich 45 Prozent (63 Millionen Euro). Auch Erträge und Aufwendungen aus der Folgekonsolidierung von HLG im Jahr 2017 wurden nicht berücksichtigt, bemängelt die Bafin.

Gewinne von Hochtief wurden zu hoch bilanziert

Der zweite Fehler betrifft die ausgewiesenen Gewinne von Hochtief. Der Bafin zufolge wurden das Ergebnis vor Steuern sowie das Ergebnis nach Steuern des Konzerns und auch des Segments „Hochtief Europa“ um insgesamt 24,3 Millionen Euro zu hoch ausgewiesen.

Hier habe Hochtief die Projektgesellschaft PPAC entkonsolidiert und daraus Gewinne in entsprechender Höhe realisiert, obwohl Hochtief danach noch für Aktivitäten der Projektgesellschaft verantwortlich und unter anderem Restrisiken des Projektgeschäfts ausgesetzt war. Daher kommt die Bafin zu dem Schluss, dass Hochtief die Gesellschaft zum Bilanzstichtag noch kontrollierte und die Gewinne demnach noch nicht hätten abgeschöpft werden dürfen.

Hochtief wies Factoring-Aktivitäten nicht aus

Der letzte Fehler betrifft Factoring- und Reverse-Factoring-Aktivitäten von Hochtief. Bis 2017 veröffentlichte Hochtief keine Details zu den Aktivitäten – hätte dies aus Sicht der Bafin aber tun müssen. Die Essener berichten erst seit 2018 „sehr detailliert“ über das Finanzierungsinstrument, so ein Sprecher des Unternehmens gegenüber FINANCE.

Konkret geht es um Forderungen über 695 Millionen Euro, die veräußert und aus der Bilanz ausgebucht worden waren. Dies habe den Cashflow aus laufender Geschäftstätigkeit um 94 Prozent positiv beeinflusst, so die Bafin. Zudem hatten die Essener Forderungen aus Lieferungen und Leistungen gegen Unternehmen des Hochtief-Konzerns über 218 Millionen Euro an Banken veräußert und abgetreten. Beides hätte laut Bafin im Konzernabschluss vermerkt werden müssen.

Hochtief vermutet hinter den nun festgestellten Fehlern eine Interpretationsdiskrepanz. Die Essener teilen auf Nachfrage von FINANCE mit, bei den drei Punkten handele es sich um Punkte, „bei denen die Bafin die Bilanzierungsregeln anders auslegt, als es Hochtief und seine damaligen Wirtschaftsprüfer im testierten Jahresabschluss 2017 taten“. Der Konzern zeigt sich aber einsichtig und hat „alle drei Themen in der Zwischenzeit korrigiert“, so ein Sprecher des Unternehmens. Die Fehler hätten „keinerlei Auswirkungen auf die aktuellen Geschäftszahlen“.

Deloitte prüfte 2017er-Bilanz von Hochtief

Die Bilanzen von Hochtief hatte damals das Big-Four-Haus Deloitte testiert. Mittlerweile ist der Wettbewerber KPMG für die Bilanztestate beim SDax-Konzern zuständig. Ungewöhnlich ist, dass die Fehler erst jetzt, fünf Jahre später, von der Bafin festgestellt werden. Fehler in Konzernabschlüssen werden allerdings immer wieder festgestellt – so auch zum Beispiel bei dem Kali- und Salzproduzenten K+S, dessen Bilanzen ebenfalls Deloitte kontrollierte, sowie bei der Stammzellbank Vita34.

Bis zum Jahr 2020 war die DPR dafür verantwortlich, die Bilanzen kapitalmarktorientierter Unternehmen auf ihre Richtigkeit zu prüfen. Nach dem Wirecard-Skandal geriet die DPR allerdings ins Visier von Kritikern, die monierten, die Behörde hätte die Bilanzungereimtheiten bei dem Zahlungsdienstleister aufspüren müssen. Die DPR ging zum Jahreswechsel 2022 in der Bafin auf, seitdem ist Letztere für die Prüfung der Konzernbilanzen zuständig.

olivia.harder@finance-magazin.de | + posts

Olivia Harder ist Redakteurin bei FINANCE und verfolgt schwerpunktmäßig die aktuellen Entwicklungen im Private-Equity- und M&A-Geschäft. Sie hat Philosophie, Politikwissenschaften, Soziologie und Geographie an der Justus-Liebig-Universität in Gießen studiert, wo sie auch einen Lehrauftrag innehatte. Vor FINANCE arbeitete Olivia Harder in den Redaktionen mehrerer Wochen- und Tageszeitungen, unter anderem beim Gießener Anzeiger.