Deutsche Dax-Unternehmen haben hohe Goodwill-Summen angesammelt. Diese könnten bald platzen.

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28.07.20
Finanzabteilung

Corona lässt Goodwill-Positionen wackeln

Die Dax-Unternehmen sitzen auf riesigen Goodwill-Positionen. Die Coronakrise könnte jetzt zu einer Abschreibungswelle führen – mit schlimmen Folgen.

„Wir rechnen wegen des Coronavirus mit einer Welle von Goodwill-Abschreibungen“, prognostiziert Martin Wambach, Geschäftsführender Partner bei Rödl & Partner und verantwortlich für den Bereich Wirtschaftsprüfung. Der Zementhersteller HeidelCement etwa, der erst kürzlich bekanntgab, dass er 3,4 Milliarden Euro Goodwill abschreiben muss, könnte also nur der Anfang gewesen sein.

Ein Problem: Die Goodwill-Positionen in den Bilanzen sind zuletzt deutlich gestiegen: „Wegen der hohen M&A-Aktivitäten haben die deutschen Dax-Unternehmen in den vergangenen Jahren so viel Goodwill angesammelt wie noch nie“, beobachtet Wambach.

Dax-Unternehmen halten über 300 Milliarden Goodwill

Eine Erhebung der Bilanzbloggerin Carola Rinker, die FINANCE vorliegt, zeigt, dass die Dax-Unternehmen 2019 auf einen Goodwill-Wert von insgesamt 323 Milliarden Euro kommen. Das Eigenkapital der Dax-Unternehmen liegt bei 915 Milliarden Euro. Von den 30 Unternehmen hätten nur acht im vergangenem Jahr eine Wertminderung vorgenommen, darunter zum Beispiel Vonovia und die Deutsche Bank. Besonders hohe immaterielle Vermögenswerte haben Linde, Siemens und Bayer angesammelt – sie haben 30 bis 40 Milliarden Euro Goodwill in ihren Bilanzen.

Einigen dieser Posten könnte es nun zumindest zum Teil an den Kragen gehen, denn Corona ist ein sogenanntes „Triggering Event“, das außerplanmäßige Impairment-Tests erfordern kann. Solche Werthaltigkeitstests müssen nach der derzeitigen Regelung jeweils einmal im Jahr durchgeführt werden.

Zwar sorgt Corona laut Wirtschaftsprüfer Wambach jetzt dafür, dass jedes Unternehmen über seinen Goodwill nachdenken muss. Trotzdem müsse nicht jedes direkt außerplanmäßig einen Impairment-Test machen. „Das Institut für Wirtschaftsprüfung (IDW) unterscheidet zwischen verschiedenen Fällen: Erstmal ist entscheidend, ob das Unternehmen von der Coronakrise betroffen ist. Falls sich das Virus negativ auf das Geschäft auswirkt, sollten nachhaltig betroffene Unternehmen den Test durchführen.“ Dies gilt etwa für Unternehmen aus der Luftfahrt, dem stationären Handel sowie dem Messe- und Event-Geschäft.

„Wir rechnen wegen des Coronavirus mit einer Welle von Goodwill-Abschreibungen.“

Martin Wambach, Geschäftsführender Partner bei Rödl & Partner

Bei Abschreibung droht bilanzielle Überschuldung

Indes: Es ist eine Herausforderung für Unternehmen und Wirtschaftsprüfer, festzustellen, ob und wie viel des Goodwill-Wertes abgeschrieben werden muss. Denn in der aktuellen Lage, in der niemand die weitere Entwicklung der Pandemie und der Wirtschaft konkret prognostizieren kann, fällt auch die Abschätzung der weiteren geschäftlichen Entwicklung schwerer als sonst. 

Obwohl bei einer Goodwill-Abschreibung nicht direkt Geld abfließt, ist sie trotzdem gefährlich für die Bilanzen der Unternehmen. „Der Goodwill ist ein Teil des Eigenkapitals. Falls der Goodwill im Verhältnis zum Eigenkapital einen hohen Anteil hat und dieser dann abgeschrieben wird, wird das Eigenkapital belastet. Darunter leiden dann auch die andere Bilanzkennziffern, was bis zur bilanziellen Überschuldung führen kann“, so der Wirtschaftsprüfer. Die Erhebung von Bloggerin Rinker ergab: Bei jedem dritten Dax-Konzern liegt das Verhältnis des Goodwills zum Eigenkapital bei mehr als 30 Prozent.

Planmäßige Abschreibung könnte wieder kommen

Die aktuelle Lage ist so prekär, dass der Berufsverband der Investment Professionals (DVFA) eine Änderung der Goodwill-Bilanzierung: Zurück zur planmäßigen Abschreibung, wie sie bis 2004 noch galt, plus Impairment-Tests. Bis 2004 wurde der Goodwill noch in jährlichen Schritten abgeschrieben. Eine planmäßige Abschreibung würde das Risiko hoher außerplanmäßiger Abschreibungen reduzieren, meinen Kritiker wie die DVFA. In der Rechnungslegung nach HGB gibt es heute noch die planmäßige Abschreibung des Goodwills über zehn Jahre. Dieser Zeitraum schwebt auch der DVFA vor.

Ausgerechnet kurz vor Ausbruch der Coronakrise hat das International Accounting Standards Board (IASB) aber einen Vorstoß gewagt, der in eine ganz andere Richtung geht. Das IASB schlägt vor, dass Unternehmen die jährlichen Impairment-Tests nicht mehr machen müssen, sondern nur noch dann, wenn es ein „Triggering-Event“ gibt. Grund: der hohe Aufwand solcher Tests.

Die Debatte darum sollte eigentlich Ende September abgeschlossen werden, durch Corona wurde die Frist zur Kommentierung bis Jahresende verlängert. Rödl & Partner-Experte Wambach beobachtet: „Die Experten sind sich noch uneinig. Bei der letzten Abstimmung gab es eine knappe Befürwortung der Beibehaltung der aktuellen Regeln. Jedoch soll die Diskussion jetzt im erweiterten Kreis fortgesetzt werden.“ Ausgang: unklar. 

Goodwill: Wie geht es weiter?

Die große Frage ist: Was wollen eigentlich die Unternehmen? Sich an den marktorientierten Schätzwerten (den sogenannten „fair values“) orientieren, das Kernstück von IFRS, oder eher eine gläubigerorientierte, vorsichtige Bilanzierungspraxis. Wambach: „Da die Ermessensspielräume bei der Goodwill-Bilanzierung naturgemäß stark subjektiv geprägt sind, ist es eher eine Frage, welche Bilanzpolitik die Unternehmen verfolgen. Wenn ein Unternehmen Wert auf eine vorsichtige Bilanzierung legt, dann spricht viel dafür, den Goodwill frühzeitig maximal weit abzuschreiben.“

Unabhängig davon, ob die planmäßige Abschreibung wieder verpflichtend wird oder nicht, für Wambach steht fest: „Die Coronakrise sollte genutzt werden, die Goodwills in den Bilanzen kritisch zu hinterfragen. Denn wenn ein Unternehmen sich erst einmal in Schieflage befindet, wirkt die Abschreibung des Goodwills massiv krisenverstärkend.“

sarah.backhaus[at]finance-magazin.de