Mit Avataren in virtuellen Welten verdient Staramba sein Geld – behauptet zumindest das Unternehmen.

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05.06.19
Finanzabteilung

Umsätze von Staramba lösen sich in Luft auf

Krasse Fehlbilanzierung bei Staramba: Die Tech-Firma hat Erlöse aus einem Token-Verkauf fälschlicherweise als Umsatz verbucht. Das bringt Staramba an den Rand der Pleite – und prominente Investoren um viel Geld.

Staramba steht am Rand der Pleite. Am gestrigen Dienstagnachmittag vermeldete der Berliner Virtual-Reality-Spezialist den Verlust von über der Hälfte des Grundkapitals. Das Unternehmen braucht nun dringend frisches Eigenkapital, um das Aus zu vermeiden. Der Abbau von 40 Prozent der Stellen ist bereits eingeleitet.

Ursache der Verlustwarnung ist eine gravierende Falschbilanzierung: Der Wirtschaftsprüfer RSM hat nicht zugestimmt, dass Staramba die Erlöse aus dem Verkauf so genannter „Token“ als Umsatz verbuchen darf. Staramba muss die auf diesem Wege zugeflossenen Gelder nun als erhaltene Anzahlung verbuchen, wobei Staramba mit diesem Aktivposten nach Angaben eines Unternehmenssprechers auch noch einen Passivposten buchen muss, der die mit dem Token-Verkauf verbundenen Leistungsverpflichtungen abbildet. Grund dafür dürfte sein, dass die virtuelle Welt, in der die Käufer ihre Tokens einlösen können, erst in Grundzügen steht.

Staramba schreibt hohen Verlust

Die Umbuchung hat gravierende Folgen für die Gewinn- und Verlustrechnung. Mit den Details zu dieser Korrektur muss Staramba außerdem noch eine weitere peinliche Tatsache einräumen: Das operative Geschäft scheint 2018 so gut wie nicht stattgefunden zu haben. Jedenfalls verringert sich durch die Umbuchung der Token-Erlöse der 2018er Umsatz von 17,6 Millionen auf 330.000 Euro. In ähnlichem Ausmaß reduziert sich auch der ausgewiesene Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda). Dieser fällt von plus 5,7 auf minus 11,1 Millionen Euro.

Dass abseits der Token-Verkäufe anscheinend so gut wie keine Geschäfte getätigt worden sind, dürfte die Aktionäre überraschen. Im Februar schrieb Staramba anlässlich  der vorläufigen Geschäftszahlen noch, „mit Erlösen aus Verkäufen von 3D-Scannern, Token, 3D-Avataren und digitalen Produkten“ Einnahmen in Höhe von 17,6 Millionen Euro erzielt zu haben. Einen dominanten Anteil der Token-Erlöse ließ diese Formulierung nicht vermuten.

Staramba lieferte sich Schlagabtausch mit BDO

Dafür, dass Staramba das Thema Bilanzierung eher unkonventionell angeht, gab es auch schon in der jüngeren Vergangenheit Hinweise. So verweigerte der damalige Prüfer BDO Staramba im Dezember vergangenen Jahres endgültig das Testat für den Jahresabschluss 2017, nachdem das WP-Haus Staramba schon im Mai vor einer negativen Einschätzung der Bilanzierungspraxis gewarnt hatte.

Die Staramba-Führung griff BDO daraufhin öffentlich an und verkündete, zivil- und strafrechtliche Schritte gegen den Prüfer prüfen zu wollen. BDO sei seiner „Sorgfalts- und Treuepflicht nicht nachgekommen“, bemängelte Staramba. Trotz des fehlenden Testats „billigte“ der Verwaltungsrat anschließend den Jahresabschluss 2017. Dort türmte sich dennoch ein Jahresverlust von 43,8 Millionen Euro auf. Grund dafür waren Goodwill-Abschreibungen auf einen Firmenwert, der 2016 im Zuge der Verschmelzung zweier Gesellschaften aus dem Staramba-Umfeld entstanden war.

Rolf Elgeti und Fredi Bobic verlieren viel Geld

Als vor einem Jahr die Konflikte mit den Wirtschaftsprüfern begannen, stand die Staramba-Aktie bei über 60 Euro, das Unternehmen war 150 Millionen Euro wert. Die Verweigerung des Bilanztestats ließ den Kurs bis zum Dezember auf 10 Euro einbrechen, wo er sich seitdem mehr oder weniger stabil halten konnte. Die gestrige Verlustanzeige hat jedoch zu einem weiteren Kursrückgang von mehr als 20 Prozent auf Kurse um 7 Euro geführt, bevor die Aktie vom Handel ausgesetzt wurde. Heute verliert Staramba erneut über 10 Prozent an Wert.

Größter Aktionär mit einem Anteil von 30 Prozent ist der Investor Rolf Elgeti, 24 Prozent gehören einer Gesellschaft des Gründers Christian Daudert, der darüber hinaus auch noch 9 Prozent persönlich hält. Auch einen bekannten Fußballmanager trifft die Schieflage von Staramba: Zu den Top-5-Aktionären gehört mit einem Anteil von 4,4 Prozent auch der Sportchef von Eintracht Frankfurt, Fredi Bobic.

michael.hedtstueck[at]finance-magazin.de

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