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14.05.19
Finanzierungen

Der IPO-Markt wacht auf

Nach einem extrem schwachen Start zeigt der IPO-Markt wieder Lebenszeichen. Gerade die Schweiz kann einige Großtransaktionen verzeichnen. Doch das Umfeld bleibt schwierig.

Es war das mit Abstand schwächste Quartal seit Jahren. Zum Jahresauftakt gab es am europäischen IPO-Markt lediglich 12 Transaktionen, die es insgesamt auf ein Volumen von knapp 800 Millionen Euro brachten. Man muss bis ins Jahr 2011 zurückgehen, um einen Dreimonatsabschnitt zu finden, in dem das Volumen noch geringer ausfiel: Im vierten Quartal 2011 wurden lediglich 592 Millionen Euro erlöst. Im Vergleich zum ersten Quartal 2018 ist der Rückgang enorm. Damals kamen 52 Transaktionen mit einem Volumen von ungefähr 14 Milliarden Euro an den Markt.

„Grund für die extrem geringen Aktivitäten waren geopolitische Risiken“, berichtet Ralf Darpe, ECM-Chef für die DACH-Region bei der Société Générale. Allen voran die Unsicherheit rund um den Brexit, aber auch konjunkturelle Sorgen, der Handelsstreit zwischen China und den USA, ebenso wie Ungewissheit um die weitere wirtschaftliche Entwicklung in China führten zu einer großen Zurückhaltung sowohl bei Emittenten als auch bei Investoren.

Das Resultat waren Verschiebungen zahlreicher IPO-Projekte, darunter große wie die VW-Tochter Traton und die Powertrain-Sparte von Conti, aber auch kleine wie der IPO des IT-Dienstleisters Onoff, der es vor wenigen Tagen immerhin über eine Notierungsaufnahme an die Börse München schaffte.

IPO-Fenster ist plötzlich wieder offen

Doch jetzt tut sich plötzlich etwas am IPO-Markt, argumentiert IPO-Experte Darpe: „Einige Sorgen um einen beginnenden wirtschaftlichen Abschwung haben sich als übertrieben herausgestellt. Daher ist das Fenster nun zum zweiten Quartal wieder offen.“ Das liegt auch daran, dass sich die Aktien der Börsenneulinge gut entwickeln: „Bei den Börsengängen, die an den Markt gekommen sind, zeigt sich insgesamt eine stabile Nachmarkt-Performance“, so Darpe.

„Bei den Börsengängen zeigt sich insgesamt eine stabile Nachmarkt-Performance.“

Ralf Darpe, ECM-Experte der Société Générale

Das bessere Umfeld schlägt sich sofort in den Zahlen wieder: Schon jetzt gab es im zweiten Quartal zehn Transaktionen, die insgesamt für ein Volumen von 6,6 Milliarden Euro sorgten – achtmal so hohe Erlöse wie in Q1.

IPO-Aktivitäten ziehen im zweiten Quartal an

Auch in Deutschland ändert sich die Lage. Nachdem sich in den ersten Monaten des Jahres kein Emittent an den Markt getraut hat, wagt sich mit dem österreichischen Unternehmen Frequentis nun auch ein Kandidat in Frankfurt aufs Parkett. Das Wiener Unternehmen, das Flugsicherungssysteme und Software für Sicherheitsbehörden entwickelt, hat ein Dual-Listing vorgenommen und ist seit dem heutigen Dienstag in Wien und Frankfurt notiert.

Das Familienunternehmen musste den Preis für die Aktien mit 18 Euro allerdings am unteren Ende der Platzierungsspanne festlegen – und das, obwohl Frequentis Schützenhilfe von der B&C Privatstiftung erhielt, die sich im Zuge des Börsengangs über eine Tochter mit 10 Prozent an Frequentis beteiligte und so einen nennenswerten Teil der angebotenen Aktien zeichnete. Die Stiftung ist Mehrheitsaktionärin der bekannten österreichischen Industrieunternehmen Lenzig, Amag Austria Metall und Semperit. Einem Medienbericht zufolge hätte Frequentis ohne den Einstieg des neuen Investors mangels Nachfrage nicht alle neuen Aktien verkaufen können. Das Platzierungsvolumen des IPO liegt bei insgesamt 54 Millionen Euro.

VW nimmt Traton-Börsenpläne wieder auf

In einer ähnlichen Größenordnung könnte der angekündigte Börsengang von Abacus Medicine liegen. Das dänische Handelsunternehmen für Pharmazeutika hatte im vergangenen Jahr den ersten Anlauf an die Börse abgebrochen und will es nun erneut versuchen: Die mit rund 30 Prozent im Jahr wachsenden Dänen wollen neue Aktien über bis zu 50 Millionen Euro sowie Aktien eines Altaktionärs in noch unbestimmter Höhe anbieten. Die Transaktion soll je nach Marktumfeld noch in der ersten Jahreshälfte abgeschlossen werden.

Enorm viel Rückenwind bekommt das IPO-Sentiment aber von den Berichten rund um Teamviewer. Der PE-Investor Permira, dem Teamviewer gehört, soll angeblich den Börsengang der schwäbischen Softwarefirma planen. Es könnte eine milliardenschwere Transaktion werden, berichtet das „Handelsblatt“. Permira hatte Teamviewer vor etwa fünf Jahren für 870 Millionen Euro gekauft. Nun wird das Unternehmen mit 4 bis 5 Milliarden Euro bewertet, heißt es.

Am deutlichsten zeigt sich der Stimmungsumschwung am IPO-Markt an der Ankündigung von VW am gestrigen Montag, die im März verschobenen Börsenpläne für die Lkw-Sparte Traton wieder aufzunehmen. „Wir haben immer deutlich gemacht, dass wir den Börsengang unverändert anstreben. Die aktuellen Markteinschätzungen haben uns ermutigt, jetzt diese Entscheidung zu treffen“, kommentiert CFO Frank Witter den Schritt. Noch vor der Sommerpause soll es soweit sein.

Schweiz und Italien dominieren IPO-Markt

Ein gänzlich anderes Bild zeigt sich im bisherigen Jahr am Schweizer Markt. Der Alpenstaat kann gleich drei Groß-IPOs vermelden: Stadler Rail mit einem Platzierungsvolumen von 1,3 Milliarden Franken (rund 1,2 Milliarden Euro), Medacta mit etwa 589 Millionen Franken (520 Millionen Euro) und Alcon, die Abspaltung der Augenheilsparte von Novartis, die allerdings kein öffentliches Angebot enthielt.

Insgesamt ist der Schweizer Markt bis jetzt für 25 Prozent des gesamten europäischen Marktvolumens verantwortlich, nur noch übertroffen von Italien, wo 28 Prozent des Gesamtvolumens verzeichnet wurden.

Ein gänzlich anderes Bild zeigt sich am Schweizer Markt.

Brexit erschwert die Prognosen für das Gesamtjahr

Ob der europäische IPO-Markt den Schwung aus dem zweiten Quartal in das restliche Jahr mitnehmen kann, ist noch unklar. Größtes Hemmnis ist der Brexit. Weil sich dieses Ereignis auf den Herbst verschoben hat, öffnet sich nun zwar ein unverhofftes Fenster. Aber die Folgen für das Jahresendgeschäft dürften negativ sein: „Die Unsicherheit rund um die Austrittsverhandlungen ist auf das zweite Halbjahr verschoben worden. Prognosen für das Gesamtjahr hat das deutlich erschwert“, erklärt IPO-Experte Darpe.

Für den deutschen Markt rechnet er damit, dass noch einige größere Transaktionen kommen könnten – insgesamt geht er für 2019 aber nur von einer einstelligen Transaktionszahl aus. 2018 hatte es hingegen noch 17 deutsche IPOs gegeben.

antonia.koegler[at]finance-magazin.de